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Bienensterben? : Volk der Bienen, quo vadis?

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Die Rolle der Medien

Ein Großteil der Völker gehört dort nicht kleinen Imkern, die gerne Honig schleudern, sondern Unternehmern. Die verdienen ihr Geld vor allem damit, Farmern für Bestäubungsdienste, etwa in deren Obstplantagen, Gebühren zu berechnen. Millionen Völker werden deshalb auf riesigen Trucks mehrfach im Jahr kreuz und quer durch das Land gekarrt. Das stresst die Insekten, bringt eine einseitige Ernährung mit sich und erhöht die Ansteckungsgefahr. "Außerdem muss man bedenken, dass die Imker pro Volk bezahlt werden", sagt Elke Genersch, weshalb es sich lohne, auch schwache Völker aufzustellen. Diese seien dann natürlich eher gefährdet zu sterben und in die Colony-Collapse-Statistik einzugehen. Anderswo scheinen wiederum Faktoren wie etwa das Klima eine größere Rolle zu spielen. In Spanien leiden Bienen unter Pilzen der Gattung Nosema, die von ihren deutschen Cousinen meist problemlos toleriert werden.

Die Bremer Bienenexpertin Dorothea Brückner sieht in den Medien Mitverursacher des gefühlten Bienensterbens in Deutschland. Mit Meldungen aus Amerika und Verdachtsmomenten hierzulande sei zusammengewachsen, was nicht zusammengehörte. Und schließlich nimmt auf dem Lande tatsächlich die Zahl der Bienenvölker ab, weil es weniger Imker gibt. Insgesamt existieren noch rund 800 000 bis 850 000 Völker.

Einen Part haben aber auch Insektenkundler bereitwillig übernommen. Den Wissenschaftlern hat die Angst vor dem Bienensterben neue Geldquellen verschafft, zum Beispiel aus EU-Töpfen. Hinweise finden sich beim genauen Hinsehen sogar in dem aktuellen Artikel des Monitoring-Teams. Dort steht nirgends explizit, dass Deutschland kollapsfrei ist. Stattdessen wird immer wieder die Suche nach den Ursachen wirtschaftlich bedrohlicher "ungewöhnlich hoher Winterverluste" als Motiv des Projekts genannt.

Kein Koloniekollaps-Problem

Dass es die kollabierenden Kolonien nicht gibt, erkennen in der Forschergemeinde aber nun selbst die an, die lange auf der Welle der Angst mitgeritten sind. Jürgen Tautz, Leiter der BEEgroup am Biozentrum der Universität Würzburg und medial omnipräsenter Experte zum Thema, meint nun angesichts der Datenlage, dass in den vergangenen Jahren wohl nicht weniger Bienenvölker über die Winter kamen als früher. Dass es also kein Koloniekollaps-Problem wie in den Vereinigten Staaten gibt.

Schlicht die gesteigerte Wachsamkeit angesichts eines möglichen derartigen Phänomens habe das Bienenvolk-Todesphantom in Deutschland zum Leben erweckt: "Wenn Sie sich einen neuen Ford kaufen, haben Sie plötzlich den Eindruck, jeder fährt einen Ford, nur weil die Aufmerksamkeit nun eine andere ist", sagt Tautz heute.

Gut, dass es Methoden gibt, mit denen man Fords einigermaßen sicher von Skodas und BMWs oder eben Phantommeldungen von Tatsachen unterscheiden kann. Vielleicht gelingt es jenen, denen in Deutschland Bienen besonders am Herzen liegen - Berufsimkern, Freizeitimkern und Bienenforschern - sich jetzt auf gemeinsame Ziele zu einigen, eine bessere Milbenbekämpfung und Pestizidfolgenforschung etwa. Damit ließe sich auch die Wahrscheinlichkeit minimieren, dass der große Kolonienkollaps doch noch kommt. Denn das ist nun wirklich keine schöne Vorstellung.

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