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Versorgungssicherheit : Ein Doktorwitz

Auf dem Land gibt es immer weniger niedergelassene Ärzte Bild: dpa

Zu viele Ärzte in der Stadt, zu wenige auf dem Land - die kassenärztlichen Vereinigungen sollten sich um die Versorgungssicherheit kümmern. Doch das System funktioniert nicht. Eine große Reform muss endlich her.

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          Es ist ein Wunder. Noch nie gab es so viele niedergelassene Ärzte in Deutschland wie jetzt. 140 000 sind es inzwischen, ein Arzt kommt auf 571 Leute. Kaum ein Land auf der Welt hat eine höhere Ärztedichte. Das ist erst einmal eine gute Nachricht, auf die zwei schlechte Nachrichten folgen.

          Die Ärztedichte macht Deutschland - gemessen an der Lebenserwartung - nicht gesünder im globalen Vergleich. Andere reiche Länder mit deutlich weniger Medizinern pro Patient halten ihre Leute genauso lange am Leben. Das heißt, die deutschen Ärzte sind nicht so produktiv wie viele ausländische Kollegen.

          Und: Deutschland fühlt die Ärztefülle nicht. Gefühlt wird vielmehr der Mangel. Den gibt es tatsächlich. In einigen Regionen weit ab vom Schuss finden die alten Landärzte für ihre Praxen keine Nachfolger. In attraktiven Städten und wohlhabenden Regionen dagegen ballen sich die Doktores. Da läuft was falsch. Mal gucken, wer dran Schuld haben könnte.

          Ein Arzt in der Nähe

          Die Aufgabe, die medizinische Versorgung der Leute zwischen Kap Arkona und Passau sicherzustellen, haben 17 Kassenärztliche Vereinigungen, das sind die Ärztelobbys in den Bundesländern. Sie sind mit dem sogenannten Sicherstellungsauftrag gesetzlich betraut, der letztlich vorsieht: Jeder Bürger in Deutschland findet einen Arzt, der ihn wohnortnah und bei Bedarf rund um die Uhr qualitativ hochwertig versorgt.

          Die Kassenärztlichen Vereinigungen regeln die Niederlassung von Ärzten in Absprache mit den Gesetzlichen Krankenkassen. Sie können zum Beispiel Medizinern die Niederlassung als Kassenarzt am gewünschten Ort untersagen.

          Gesetzlicher Arbeitsauftrag verfehlt, wird man nüchtern diagnostizieren müssen, die Kassenärztlichen Vereinigungen versagen. Wäre es anders, so würde nicht jetzt ausgerechnet der liberale Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ein staatliches Anreizprogramm auflegen, das die Ärzte aufs platte Land locken soll. Die Details sind nicht geregelt, aber am Ende wird man die Mediziner, denen es doch eigentlich vor allem um das Wohl der kranken Menschen geht, mit schnödem Mammon ködern. Das dürfte funktionieren, wenn das Geld stimmt.

          Veränderung muss her

          Warum schaffen es die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht, für eine verträgliche Verteilung der Kassenärzte auf die Bevölkerung zu sorgen? Für die Medizinerlandverschickung fehlen ihnen die Instrumente. Sie können die Leute ja schlecht nach Upgant-Schott in Ostfriesland oder Dummerstorf in Mecklenburg-Vorpommern zwingen, und Geld haben sie dafür auch nicht. Gleichzeitig fehlt den Lobby-Organisationen aber auch der Wille, große Ärztezahlen in blühenden Städten und reichen Regionen zu verhindern. Sie verwenden ihre Kraft lieber darauf, im politischen Kampf mehr Honorar für ihre Klientel herauszuschlagen, statt die Klientel in Summe klein zu halten. In diesem Kampf sind sie allerdings ziemlich erfolgreich, was ihre Not, Zulassungen in begehrten Städten zu limitieren, deutlich mindert.

          Das kann aber nicht im Sinne des Erfinders sein: zu wenig Ärzte auf dem Land, zu viele in der Metropole, und beide Male zahlt die Allgemeinheit drauf. Die naheliegende Lösung wäre nun, die Kassenärztlichen Vereinigungen zu entmachten.

          Allerdings beschleicht einen im Gesundheitswesen stets das lähmende Gefühl, dass eine Teilreform in dem hochkomplexen und komplett verkorksten Gesamtsystem ein Problem an anderer Stelle heraufbeschwört. Das ganze kranke System muss therapiert werden. Mehr Markt und mehr Freiheit würden schon helfen. Eine wahrhaft große Aufgabe für einen liberalen Minister. So richtig angefangen hat er noch nicht.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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