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Kommentar : Mindestlohn für Freiwillige

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Wenn eine Sache stinkt, muss man sie schön verpacken. Niemand weiß das besser als Politiker. Also ruft Bundesfamilienministerin Kristina Schröder jetzt eine "neue Kultur der Freiwilligkeit" aus, die sich aus dem neuen "Bundesfreiwilligendienst" ...

          Wenn eine Sache stinkt, muss man sie schön verpacken. Niemand weiß das besser als Politiker. Also ruft Bundesfamilienministerin Kristina Schröder jetzt eine "neue Kultur der Freiwilligkeit" aus, die sich aus dem neuen "Bundesfreiwilligendienst" entwickeln soll: Künftig können Jugendliche, wenn sie wollen, zwischen sechs Monaten und zwei Jahren in Krankenhäusern und Altenheimen arbeiten.

          Die propagierte Idee: So ermöglicht der Staat einer leistungsfixierten und konsumgeilen Generation eine kostenlose Fortbildung in Sachen Humanität und Verantwortung. Am Ende des Reifeprozesses stünde der bessere Mensch. Als wäre das alles noch nicht genug, gibt es sogar noch ein monatliches Taschengeld obendrauf: 324 Euro im Westen und 273 Euro im Osten. Plus die Kosten für Unterkunft und Verpflegung.

          Damit, dass im nächsten Jahr mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst wegfällt, hat das alles natürlich nichts zu tun. Oder doch? Ist die neue Kultur der Freiwilligkeit etwa in Wahrheit die alte Kultur der Ausbeutung Jugendlicher? Hat der Staat womöglich noch andere Motive, als den Schulabsolventen ein Jahr zum Durchschnaufen zu schenken, in dem sie ihre Zukunft geregelt kriegen und statt sofort im Büro oder Hörsaal einmal im wahren Leben stehen, oft am Rande der Gesellschaft? 90 000 gering entlohnte Zivildienstleistende haben bisher Rollstühle geschoben und Kanülen gelegt. Für die staatlichen und privaten Arbeitgeber war das ein gutes Geschäft. Jetzt dürfen die Billiglöhner nicht mehr einfach zwangsverpflichtet werden. Freiwillige vor!

          In der "Schule des Lebens", wie die Befürworter den neuen Freiwilligendienst preisen, stehen hoffentlich nicht die vier Grundrechenarten auf dem Stundenplan. Sonst würde den Studenten der Barmherzigkeit wohl vor Schreck die Bettpfanne aus der Hand plumpsen, wenn sie erfahren, was ihre zum tariflichen Mindestlohn angestellten Kollegen verdienen. 8,50 Euro sind es in der westdeutschen Pflege, 7,50 Euro in Ostdeutschland. Die neuen Freiwilligen kommen noch nicht einmal auf die Hälfte. Sie erhalten somit gewissermaßen einen negativen Mindestlohn.

          Wem diese Zahlenspielerei zu billig ist, hat recht. Tatsächlich müssten die freiwilligen Pfleger ihren Lohn in Beziehung zum späteren Einkommen im künftigen Beruf des Anwalts, Lehrers oder was auch immer setzen. Und zwar nicht zum ersten, niedrigsten Gehalt in der Berufslaufbahn, sondern zum letzten, höchsten Gehalt vor der Rente. Denn das fehlt ihrem Lebensarbeitseinkommen, wenn sie später anfangen in den Beruf einzusteigen. Man ahnt es schon: Diese Rechnung wird für die Freiwilligen nicht besser ausgehen. Ebenso mau sieht es für die Gesellschaft aus, deren Sozialsystemen die höheren Abgaben aus den Bruttoeinkommen fehlen.

          Die Kranken und Alten, die Krippenkinder und die Schwerbehinderten in den Rollstühlen gewinnen auch nicht. Sie werden wie eh und je von oftmals motivierten und stets schlecht ausgebildeten Amateuren versorgt anstatt von erfahrenen und trainierten Fachkräften. Diesen verstellt der Freiwilligendienst als unüberwindbare Einstellungshürde den Weg: Wieso sollten Arbeitgeber Mindestlöhne zahlen, wenn es die Freiwilligen für die Hälfte gibt?

          So verhindert der Staat auch in Zukunft, dass in der Pflege ein funktionierender Arbeitsmarkt entsteht. Obwohl sich auf deutschen Wiesen nicht die Feldlazarette reihen, das Land sich nicht im Kriegsnotstand befindet, es keine Massen an Verwundeten zu versorgen hat und auch nicht unter Hungersnöten und Seuchen im Chaos versinkt, ist in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt das Gemeinwesen ohne unterbezahlte Freiwillige angeblich dem Untergang geweiht. Das ist mal gut verpackt!

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