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: Der Tunnelbohrer

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Der Mann ist wie seine Maschinen: kraftstrotzend, kantig, stur, und wenn es sein muss, brachial. Richtig auf Touren kommt Martin Herrenknecht, wenn er Widerstand spürt. Um die Betriebstemperatur zu erreichen, genügt gegenwärtig ein Stichwort: "Stuttgart 21".

          Von Georg Meck

          Der Mann ist wie seine Maschinen: kraftstrotzend, kantig, stur, und wenn es sein muss, brachial. Richtig auf Touren kommt Martin Herrenknecht, wenn er Widerstand spürt. Um die Betriebstemperatur zu erreichen, genügt gegenwärtig ein Stichwort: "Stuttgart 21". Um ihn vollends zu erregen, braucht es nur noch das verschwörerische Argument der Protestler, der neue Bahnhof sei das Projekt einer kaltschnäuzigen Clique aus Politik und Wirtschaft, mit ihm, dem Tunnelbohrer Herrenknecht, mittendrin. Leute wie er würden Stuttgart ins Verderben führen, einzig um des eigenen Ruhmes und Reichtums willen. Solche Vorwürfe muss der Unternehmer sich anhören: "Total idiotisch", schnauzt er, "schizophren!"

          Richtig, Herrenknecht ist Mitglied der CDU, er unterstützt die Partei finanziell (wie auch die SPD, wenngleich knapper). Und ja: Lothar Späth, der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, ist ihm Freund und Vorbild, außerdem Aufsichtsratsvorsitzender seiner Firma, des Weltmarktführers unter den Tunnelbohrern. Aber muss er sich deswegen beschimpfen lassen? Herrenknecht tobt. "Was glauben die denn?" Diese Kindsköpfe und dieser Schauspieler aus dem Fernsehen, der da immer vorneweg marschiert: "Das ist die größte Kanaille von allen."

          2000 Leute hält er im Schwarzwald in Lohn und Brot, 200 Lehrlinge bildet er aus, 30 Millionen Euro Steuern zahlt er im Jahr. Und jetzt darf jeder dahergelaufene Demonstrant sich an ihm sein Mütchen kühlen? Herrenknecht bebt. Natürlich sind seine Bohrer wie geschaffen dafür, die Schwäbische Alb zu untertunneln. Aber angewiesen ist er auf den Auftrag nicht. Höchstens 80 Millionen Euro springen für ihn bei dem Milliardenprojekt raus, "wenn wir die Ausschreibung gewinnen. Bis jetzt haben wir überhaupt keinen Auftrag."

          Selbst im günstigsten Fall ist "Stuttgart 21" für Herrenknecht also ein Klacks, finanziell gesehen - seine Firma bringt es auf eine Milliarde Euro Umsatz, ganze fünf Prozent davon spielt sie in der Heimat ein. Das macht den Kohl nicht fett. Eine Schmach wäre es schon, dort nicht zu bohren. Wahrscheinlich macht es das noch schlimmer.

          3000 Tunnelexperten mag es weltweit geben, Herrenknecht, der hochdekorierte Selfmade-Millionär, ist ihr Held. Seit 15 Jahren spricht er auf internationalen Konferenzen über das Stuttgarter Prestigeprojekt. Seit 15 Jahren wird es vor Ort beraten, beschlossen und von Gerichten bestätigt. Und jetzt alles abblasen? Der reine Irrsinn. "Leben wir in einer Bananenrepublik? Wenn "Stuttgart 21" scheitert, dann gute Nacht, Deutschland. Dann brauchen wir nie wieder ein Großprojekt in Angriff zu nehmen."

          150 Tage im Jahr ist Herrenknecht mit seinem Firmenjet unterwegs, er bohrt auf allen Kontinenten, gegenwärtig mit besonderer Verve unter dem Gotthard-Massiv: Der längste Eisenbahntunnel der Welt entsteht dort mit seinem schweren Gerät, 57 Kilometer lang, und nur ein paar Meter fehlen noch zum Durchbruch.

          652 Kilometer U-Bahn hat die Welt dem Schlitzohr aus dem Badischen insgesamt zu verdanken, 156 Kilometer Straßentunnel, unzählige Abwasserkanäle. Ob in Sydney, Kairo, Madrid oder Moskau - die Metro rauscht durch Herrenknecht-Röhren. Er hilft in Schanghai den Jangtse zu unterqueren und in Sotschi den Russen, dass sie ihre Olympiade hinkriegen. Nur mit dem Kunden Roman Abramowitsch ist gerade nicht viel los. "Der hat nur noch die junge Freundin und seinen Fußballclub im Kopf."

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