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: "Der Hass auf die Juden entstand aus dem Neid" Die Vorwürfe des Historikers

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FRAGE: ANTWORT: FRAGE: Herr Aly, seit Jahrzehnten ist es für deutsche Historiker die Frage aller Fragen, wie es zum Holocaust kam. Sie haben sie jetzt endgültig beantwortet?ANTWORT: Nichts an der Vorgeschichte bis 1933 führt zwingend nach Auschwitz.

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          FRAGE:
          ANTWORT:
          FRAGE: Herr Aly, seit Jahrzehnten ist es für deutsche Historiker die Frage aller Fragen, wie es zum Holocaust kam. Sie haben sie jetzt endgültig beantwortet?


          ANTWORT: Nichts an der Vorgeschichte bis 1933 führt zwingend nach Auschwitz. Eine endgültige Antwort gibt es nicht, aber man kann einzelne Faktoren benennen. Ein besonders wichtiger findet sich im sehr unterschiedlichen Tempo des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs von jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheit. Um 1900 haben deutsche Juden zehnmal so oft Abitur gemacht, zehnmal so oft studiert wie ein Durchschnittsdeutscher. Nicht weil sie bessere Gene hätten, sondern weil sie mobiler und längst alphabetisiert waren - die Christen verharrten überwiegend in Bildungsarmut.


          FRAGE: Die Mehrheit der Deutschen war schlichtweg neidisch?


          ANTWORT: Wenn Sie die Schriften des exemplarischen Antisemiten Adolf Stoecker analysieren, dann spielten um 1880 weder Rasse noch Religion eine Rolle. Stets ging es um Fragen der sozialen Mobilität: Wie viele Privatlehrer beschäftigen Juden für ihre Kinder? Wie viel häufiger werden sie Rechtsanwälte? Wievielmal mehr verdienen sie? Im Mittelpunkt der antijüdischen Agitation stand der Neid - diejenige Todsünde, die anders als Wollust, Völlerei oder Müßiggang keinerlei Spaß macht. Neid zerfrisst den Neider, macht ihn hässlich und gehässig.


          FRAGE: Die Rassentheorien waren nur nachträgliche Legitimationsgrundlagen für den Neidkomplex?


          ANTWORT: Die Mehrheitsdeutschen spürten: Wir sind die Langsamen, wir sind die Trottel. Weil sie zumeist aus bildungsfernen bäuerlichen Verhältnissen stammten. Der berühmte Staatswissenschaftler Werner Sombart sagte ganz klar: Wenn wir die viel gescheiteren und betriebsameren Juden nicht zu Professoren machen wollen, müssen wir aus Gründen der Protektion einen der dümmeren Nichtjuden berufen.


          FRAGE: Was ist der Unterschied zu anderen Ländern?


          ANTWORT: In Osteuropa waren den Juden die Aufstiegschancen verbaut, weil es keine Rechtssicherheit und Gewerbefreiheit gab. In Westeuropa war die Mehrheitsbevölkerung bei weitem nicht so rückständig. In Frankreich gibt es seit 130 Jahren das System der Ganztagsschulen. Zu nennen sind auch die ungeheuren Menschenopfer und ökonomischen Verheerungen der napoleonischen Kriege. Sie warfen die Deutschen zurück - während den Juden damals ein hohes Maß an Rechtsgleichheit gewährt wurde, der ihnen den Start in die Moderne ermöglichte.


          FRAGE: War der deutsche Antisemitismus im Kern Antikapitalismus?


          ANTWORT: Er war es auch. Der Hochkapitalismus setzte in Deutschland sehr spät ein, nach der Reichsgründung 1871 mit ungeheurer Wucht. Er vollzog sich doppelt so schnell wie in England, das bedeutete für die Menschen doppelt so viel Stress. Der Härte des deutschen Gründerkapitalismus waren die Juden besser gewachsen - sie waren urbanisiert, hatten in der alten Zeit nichts zu verlieren.


          FRAGE: Anders als die Mehrheit?

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