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: Berufspendler sind unglückliche Menschen

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Der Weg zur Arbeit frisst Zeit und Geld. Und nervt häufig. Pendeln ist Alltag vieler Millionen Menschen. Je flexibler die Wirtschaftswelt, desto größer werden die Erwartungen an die Arbeitnehmer, lange Wege zum Arbeitsplatz in Kauf zu nehmen.

          3 Min.

          Von Rainer Hank

          Der Weg zur Arbeit frisst Zeit und Geld. Und nervt häufig. Pendeln ist Alltag vieler Millionen Menschen. Je flexibler die Wirtschaftswelt, desto größer werden die Erwartungen an die Arbeitnehmer, lange Wege zum Arbeitsplatz in Kauf zu nehmen. Arbeiten beide Partner, wird die Wahl des Wohnortes noch komplizierter, werden die Wege noch länger.

          Kein Wunder, dass die Arbeitnehmer nach einer Kompensation dieser Mühen rufen. Noch in diesem Jahr wird sich das Bundesverfassungsgericht mit der Frage befassen, ob die Abschaffung der Pendlerpauschale mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Seit dem vergangenen Jahr sind Fahrtkosten zur Arbeit erst vom 21. Kilometer an von der Steuer absetzbar. Vorher konnte jeder Kilometer mit 30 Cent beim Fiskus veranschlagt werden.

          "Fahrten zur Arbeit sind keine Fahrten zum Golfplatz", sagt CSU-Chef Erwin Huber. Mit diesem Diktum hat er sogar den Linken-Vorsitzenden Oskar Lafontaine begeistert. Dass der Bund der Steuerzahler, der ADAC und der Verband der Automobilindustrie laut in den Chor einstimmen, verwundert nicht. Nur Finanzminister Peer Steinbrück stemmt sich unverzagt gegen die Begehrlichkeiten und lehnt eine neue Pendlerpauschale ab.

          Die Grundsatzfrage heißt: Ist die Pendlerpauschale eine Subvention von Bürgern, die es vorziehen, im Grünen zu wohnen? Dann gehört sie abgeschafft, weil sie die Entscheidungsfreiheit verzerrt und die öffentlichen Haushalte belastet. Und weil im Grünen zumeist die Luft besser ist und die Grundstückspreise günstiger sind. Oder handelt es sich um beruflich veranlasste Fahrten? Dann müssen die Kosten wie alle anderen Kosten auch als Werbungskosten von der Steuer absetzbar sein.

          Die simple Antwort heißt: Es kommt auf den Standpunkt an. Wer den Wohnort als fix ansieht, wird Fahrtkosten als Werbungskosten interpretieren. Wer dagegen die Wahl des Wohnorts als freie und private Entscheidung der Menschen erachtet, muss von einer Subvention langer Wege sprechen und sich fragen, warum mit derselben Begründung nicht auch hohe Mieten in der Nähe der Arbeitsstelle steuerlich privilegiert werden.

          Gegen die Neubelebung der Entfernungspauschale hat sich jetzt vehement eine Gruppe liberaler Ökonomen ausgesprochen, der sogenannte Kronberger Kreis. Es zeige sich nämlich, dass selbst ohne die Möglichkeit, Fahrtkosten von der Steuer abzuziehen, die Menschen dazu neigten, zu weite Wege zur Arbeit in Kauf zu nehmen, sagen die Ökonomen. Das verursache gesamtwirtschaftliche Kosten. Die Konsequenz aus diesem Befund ist frech: "Im Prinzip müsste das Pendeln sogar zusätzlich besteuert werden", schreiben die Ökonomen. Das gäbe dann Anreize, näher bei der Arbeit zu wohnen.

          Tatsächlich bestätigt dies einen Befund der psychologischen und ökonomischen Glücksforschung. Menschen neigen dazu, die Pendelkosten systematisch zu unterschätzen. Sie lieben das höhere Einkommen in der Stadt und das schöne Häuschen auf dem Land und leugnen, wie sehr sie die langen Wege und häufigen Staus stressen. Vor anderen und sich selbst halbieren sie gerne die Zeit, die sie wirklich im Schnitt zur Arbeit brauchen.

          Doch wenn man genau hinschaut, zeigt sich, wie sehr morgens und abends die vertane Zeit die Lebenszufriedenheit schmälert. "Pendeln macht die Leute besonders unglücklich", sagt der Züricher Ökonom Bruno Frey. Nur Arbeitslosigkeit und körperliche Behinderungen werden ähnlich schlimm empfunden. Mit jeder Minute Pendeln pro Tag sinkt das allgemeine Wohlbefinden der Arbeitnehmer. Schon bei zwanzig Minuten Fahrtzeit verringert sich die Zufriedenheit um 12 Prozent. Um sich das vorstellen zu können, muss man wissen, dass sich die Zufriedenheit um den gleichen Prozentsatz erhöht, wenn man als Single einen Partner findet. (Also Vorsicht bei Fernbeziehungen!)

          Pendler, die eine Stunde zum Job brauchen, geben auf einer Skala von eins bis zehn eine um 0,31 Punkte niedrigere Lebenszufriedenheit an als jene, die nur zehn Minuten Zeit zur Arbeit brauchen. Ein drittel Punkt weniger klingt undramatisch, tatsächlich entspricht es aber einem Äquivalent von 40 Prozent des Durchschnittseinkommens, sagt Ökonom Frey. Im Klartext: Um den Verlust an Lebensqualität auszugleichen, müssten sie eine Gehaltserhöhung um 40 Prozent erhalten.

          Dumm nur, dass sich aus der Glücksforschung unterschiedliche steuerpolitische Konsequenzen ableiten lassen. Der Fiskus könnte den entsprechenden Gehaltsausgleich kompensieren. Dann wäre der Staat noch viel ärmer. Oder aber der Finanzminister würde die Pendler besteuern, um die Leute zu ihrem Glück zu zwingen. Auch keine sympathische Vorstellung.

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