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: „Wir müssen mehr Frauen nach oben bringen“

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FRAGE: Herr Huber, die IG Metall trommelt nächste Woche zum großen Politkongress: als Werbung für Steinbrück oder als Abschiedsshow für Sie als großen

          FRAGE: Herr Huber, die IG Metall trommelt nächste Woche zum großen Politkongress: als Werbung für Steinbrück oder als Abschiedsshow für Sie als großen Vorsitzenden?

          ANTWORT: Meinen Sie nicht, es könnte auch ein drittes Motiv geben?

          FRAGE: Klären Sie uns auf.

          ANTWORT: Wir diskutieren auf unserem Kongress mit über 800 Teilnehmern über einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kurswechsel. Die Menschen wissen es: So kann es in Europa nicht weitergehen. Wir müssen andere Wege gehen. Also geht’s sicher nicht um eine Feier für mich, und um den Kanzlerkandidaten Steinbrück auch nicht. Die IG Metall und auch die deutschen Gewerkschaften sprechen keine Wahlempfehlung aus. Wir bestehen auf unsere Eigenständigkeit.

          FRAGE: DGB-Chef Michael Sommer hat dazu aufgerufen, die Bundesregierung abzuwählen: Schwarz-Gelb wäre verheerend, wenn 2013 die Wirtschaft in die Krise käme, waren in etwa seine Worte.

          ANTWORT: Wahr ist, dass wir in der Krise ab 2008 von der Politik der damaligen großen Koalition profitiert haben: Unser Vorschläge wurden aufgegriffen, Kooperation und Mitbestimmung wurden als wichtige Erfolgsfaktoren des deutschen Modells anerkannt. Als Akteure fiel dabei neben der Kanzlerin Olaf Scholz von der SPD auf. Auf keinen Fall die FDP.

          FRAGE: Die hat auch nicht mitregiert.

          ANTWORT: Was die FDP bietet, seit sie regiert, ist wenig Heil versprechend.

          FRAGE: Spekuliert wird, dass Sie nach der Wahl den IG-Metall-Vorsitz abgeben.

          GANTWORT: ewählt bin ich bis 2015.

          FRAGE: Sie haben aber selbst angedeutet, 2013 den Generationswechsel einzuläuten und zurückzutreten.

          ANTWORT: Nach der Tarifrunde im Frühjahr 2013 werden wir die Frage diskutieren, wobei klar ist: Die IG Metall muss sich verjüngen. Und da ich der Älteste im Vorstand bin, liegt diese Pflicht an mir, sobald wir Einvernehmen über die Nachfolge erzielt haben. So etwas wie 2003 darf sich nicht wiederholen.

          FRAGE: Sie meinen den Zweikampf mit Jürgen Peters um die Spitze, der Ihnen stark zugesetzt hat.

          ANTWORT: Ich habe daraus gelernt.

          FRAGE: Warum wird eigentlich keine einzige Frau als potentielle Nachfolgerin gehandelt? Wie steht’s um die Frauenquote in der IG Metall?

          ANTWORT: Wir handeln gar niemanden. Dafür tun wir etwas. Anfangen müssen wir bei den Mitgliedern, da haben wir 18 Prozent Frauen - das ist selbst für unsere männerdominierten Branchen zu wenig, wir bemühen uns redlich, das zu ändern.

          FRAGE: Mit welchem Ergebnis?

          ANTWORT: Zuletzt mit sehr großem Erfolg: Wir haben einen starken Zuwachs an Frauen, wie wir 2012 überhaupt ein hohes Plus an Mitgliedern haben - deutlich mehr Zugänge als Abgänge. In Europa ist die

          IG Metall wahrscheinlich die einzige große Gewerkschaft, die einen solchen Mitgliederzuwachs erlebt.

          FRAGE: Was genau meinen Sie, wenn Sie einen „Kurswechsel für Europa“ verlangen? Sie sind doch wie die Kanzlerin dafür, den Euro unter allen Umständen zu erhalten.

          ANTWORT: Erst mal sind wir absolut für den Euro, das stimmt: Der Euro ist unverzichtbar.

          FRAGE: Sie reden wie die Bosse der Exportindustrie, die von der Einheitswährung profitieren, während die Rechnung für die Rettung an den Steuerzahler geht.

          ANTWORT: Da finden Sie keinen Dissens zwischen uns und den Vorständen in der Industrie, auch das ist richtig: Der Euro hat der deutschen Volkswirtschaft immense Vorteile gebracht. Das Gerede von einem Ausstieg, einem Nord-Süd-Euro, ist alles nur dummes, leichtfertiges Geschwätz: völliger Unfug.

          FRAGE: Wo unterscheiden Sie sich dann von der Regierung?

          ANTWORT: Eine tiefe Differenz besteht in der Frage, wie wir mit den Krisenländern umgehen, um nicht nur die Insolvenz zu vermeiden, sondern dafür zu sorgen, dass etwas Gutes erwächst: In Griechenland sind 55 Prozent der jungen Leute bis 25 arbeitslos. Nur mit Sparpolitik geht das nicht. Diese Länder brauchen eine Wachstumsperspektive. Es muss ein Investitionsprogramm für Europa her. Ich denke an das Thema Energiewende, an das Thema Elektromobilität, an das Thema Werkstoffe, an IT-Infrastruktur.

          FRAGE: So ein Programm kostet Milliarden, obendrauf zu den Lasten, die Deutschland jetzt schon trägt.

          ANTWORT: Deutschland steht nun mal für ein Viertel der Wirtschaftsleistung in der Eurozone, da haben wir automatisch eine herausragende Verantwortung, und unsere Nachbarn dürfen Solidarität von uns erwarten. Wenn Hersteller außerhalb Deutschlands leiden, weil die Nachfrage nach Autos in Europa um drei Millionen einbricht, dann müssen die Deutschen, die bisher gut dastehen, helfen.

          FRAGE: Wie soll das gehen?

          ANTWORT: Ganz konkret ein Beispiel: Im VW-Konzern, wo ich im Aufsichtsrat sitze, wurde die Produktion des Audi Q3 nach Spanien gegeben - das ist auch solidarisch.

          FRAGE: Eine VW-interne Transferunion?

          ANTWORT: Natürlich hätte der Q3 auch gut nach Ingolstadt gepasst, dort aber sind wir ausgelastet. Und bevor wir hier Überstunden schieben, ist es unsere Pflicht, woanders die Arbeit zu sichern, das ist eine Frage der Philosophie: Sehe ich nur mein Unternehmen, sehe ich nur mein Land, oder sehe ich Europa als Ganzes? Die EU wird scheitern, wenn wir als stärkste Volkswirtschaft sagen, wir sind nur für uns da.

          Das Gespräch führte Georg Meck.

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