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Ungarns neue Verfassung : Helden, Könige und Heilige

  • -Aktualisiert am

Viktor Orbán eröffnet die Ausstellung „Helden, Könige und Heilige“ Bild: AFP

Die Feier zum Inkrafttreten der neuen Verfassung endete weit weniger feierlich, als sie begonnen hatte. Kein Wunder, denn für die Demonstranten wird Ungarn unter dieser Regierung seinen Platz in Europa nie finden.

          Die offizielle Feier zum Inkrafttreten der neuen ungarischen Verfassung begann in der Budaer Burg, dem einstigen Sitz der ungarischen Könige. In der Nationalgalerie wurde eine Sonderausstellung mit hundert Kunstwerken und Objekten eröffnet, die tausend Jahre ungarische Geschichte repräsentieren sollen, angefangen beim heiligen Stefan. „Unsere Ahnen sollen uns vor Zynismus schützen“, wie Ministerpräsident Orbán in seiner Ansprache erklärte. Der Direktor der Nationalgalerie war nicht anwesend, denn er hatte am 31. Dezember seinen Rücktritt eingereicht, bevor am Neujahrstag die neue Verfassung in Kraft trat.

          Etliche Künstler, Schauspieler, Politiker und Kulturmenschen, die Orbáns Partei nahestehen, konnten jedoch die fünfzehn neuen Gemälde bewundern, die eigens für diese Ausstellung in Auftrag gegeben worden waren. Dargestellt waren wichtige historische Ereignisse aus der jüngeren ungarischen Geschichte, darunter die Unterzeichnung der Verfassung, die den Anlass für diese Show lieferte.

          „Viktor Diktator“: Ironischer Gruß aus der Menge vor dem Opernhaus in Budapest

          Die fünfzehn neuen Gemälde sollen auch als Illustrationen der kostbar eingebundenen Prachtausgabe der Verfassung dienen. Der Erste Weltkrieg wird in fröhlich bunten Farben als Angriff ungarischer Husaren gezeigt, der eher an einen Sonntagsausflug erinnert als an ein blutiges Gemetzel. Mein Großvater, einst k. u. k. Offizier, hätte gewiss amüsante Geschichten erzählen können, die einen guten Rahmen für seine zahlreichen Narben und Schusswunden abgegeben hätten. Dass auf dem Gemälde kein Feind zu sehen ist, könnte den Betrachter auf die Frage bringen, wer denn eigentlich unser wahrer Feind ist, abgesehen von den Musen.

          Ironische Grüße aus der Menge

          Am schönsten fand ich aber das Bild eines anderen Kavallerieangriffs, das der vom Präsidenten ernannte Kurator ausgewählt hat. Die Kavallerieattacke der Polizei auf die Demonstranten im Oktober 2006 wird vor dem Urteil der Geschichte gewiss Bestand haben. Der Künstler zeigt den heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen, nur dass der Drache als Publikum hinter der Polizeikette steht und an seiner Stelle die Prinzessin von der Lanze eines berittenen Polizisten niedergestreckt wird.

          Die Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel „Helden, Könige, Heilige“ wurde insofern geadelt, als Ministerpräsident Orbán die neue Verfassung als „Wiedererrichtung des ungarischen Staates“ bezeichnete. Das macht ihn zu einem der Neugründer der Nation und mich zum Zeugen dieses historischen Ereignisses. Die geladenen Gäste begaben sich dann zum Opernball im Stadtzentrum, wo sie wieder von einer Menge begrüßt wurden, diesmal aber nicht ganz so freundlich. Zehntausende standen vor der Oper und forderten den Rücktritt Orbáns und seiner Regierung, allerdings gebrauchten sie prosaischere Ausdrücke. Auf einem der Transparente stand ein scheinbar veralteter Neujahrswunsch: „Ein gutes 1984!“

          Hallo Europa: Der Premierminister wird von Demonstranten zur Witzfigur stilisiert

          In der neuen Verfassung, die nun „Grundgesetz von Ungarn“ heißt, ist das Wort „Republik“ aus dem offiziellen Namen des Landes gestrichen worden. Die ewigen Umbenennungen der Fidesz-Regierung erinnern an einen zwölf Jahre alten Witz, der am 1. Januar 2000 aufkam, als unter der ersten Regierung Orbán das tausendjährige Bestehen des ungarischen Staates gefeiert wurde. Die Krone des heiligen Stefan wurde vom Nationalmuseum ins Parlament gebracht, unter die historische Kuppel, um sie sozusagen näher im Zentrum der Ereignisse zu haben. „Mehr als eine Republik, weniger als ein Königreich“, lautete der Witz, was damals ziemlich komisch war.

          Ausstellung als Bestandteil der Droge Geschichte

          Ich möchte mich nicht lange bei der Protestkundgebung aufhalten, über sie wurde ausführlich berichtet. Angemerkt sei nur, dass die Feier zum Inkrafttreten der neuen Verfassung weniger feierlich endete, als sie begonnen hatte. Orbán und seine Gäste konnten das Opernhaus nicht durch das Hauptportal verlassen. Ein Polizeibeamter soll einem Fidesz-Politiker empfohlen haben, einen Seitenausgang zu benutzen, die Menge auf der Hauptstraße werde ihn sonst in Stücke reißen. Vielleicht tröstet es Viktor Orbán, dass auch der heilige Stefan seinerzeit mit dem Unmut des Volkes kämpfen musste, als er im heidnischen Ungarn das Christentum einführen wollte.

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