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Fragen an zwei Generationen : Fliegen wie Supermann

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Was konnten Sie als Kind besser als Ihre Eltern?

FM: In den frühen Fünfzigern lernte ich als Schuljunge in Österreich auf dem Land die Menschen besser kennen als meine Eltern, die meist zu Hause blieben. Ich sah das ganze Nachkriegselend und die tiefen seelischen und physischen Schädigungen des Krieges. Ich fand meine Eltern diesbezüglich ahnungslos und naiv.

JM: Zeichnen. Obwohl ich selten ganz zufrieden bin mit meinen Skizzen, macht mir Zeichnen sehr viel Spaß.

Was hat Sie als Kind am meisten gestört?

FM: Die ständige Umherzieherei seit meinem unfreiwilligen Weggang aus den USA. Wir zogen alle zwei Jahre in ein anderes Land in Europa, und ich wechselte neben der Schule auch oft die Sprache. Das war sehr schwierig, ich fühlte mich zunehmend entwurzelt.

JM: Wenn jemand versuchte, mir Dinge aus der Hand zu nehmen. Schon als Zweijährige wollte ich meine Schuhe alleine anziehen, auch wenn es Stunden dauerte. Hosen als Kleidungsstück habe ich auch gehasst. Sogar im tiefsten Winter bestand ich auf meinen Kleidchen. Um lautstarken Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, steckte mich meine Mutter mitsamt Kleid in den Skianzug.

Was hat Sie als Kind wütend gemacht?

FM: Dass immer über mich entschieden wurde, bis zum Abitur. Da ich nicht gelernt hatte, selber Entscheidungen zu treffen, musste ich das später erst mühsam nachholen.

JM: Unehrlichkeit und Falschheit von Menschen. Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn Freunde oder Bekannte sich verstellen und man nicht weiß, was sie wirklich über dich denken oder wie sie über dich reden.

Wovor haben Sie sich als Kind gefürchtet?

FM: Vor meinem Vater, der oft ausrastete, und (selten) meiner Mutter gegenüber gewalttätig wurde. Und vor Lehrern, die ich ähnlich erlebte.

JM: Als kleines Kind habe ich erlebt, wie meine Mutter schwer erkrankte und Wochen im Krankenhaus verbrachte. Ich hatte große Angst, sie zu verlieren. Zum Glück ist alles gutgegangen.

Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung?

FM: Die unangekündigte Rückkehr meiner Eltern von ihrer anderthalb Jahre dauernden Weltreise. Ich lag bei meinen Großeltern mütterlicherseits in der Schweiz morgens im Bett, und es klingelte. Ich hörte die Stimme meiner Eltern und rannte stolpernd die Treppe hinunter.

JM: Seit ich denken kann, treffen wir uns jährlich mit Familie und Freunden zu einer Musikwoche und geben Konzerte in Deutschland. Ich durfte auch schon früh Soli als Cellistin spielen.

Was war das größte Abenteuer Ihrer Kindheit?

FM: Die Reise von Kalifornien nach Europa nach Kriegsende mit dem „Pullman“-Zug drei Tage lang von Küste zu Küste. Dann die Schifffahrt durch den zum Teil noch verminten Ozean. Und die Ankunft im grauenvoll verbombten Hafen von Rotterdam, wo ich erstmals meine Schweizer Großeltern sah.

JM: Die Reise mit meiner Familie nach Australien, als ich zehn war. Allein der Flug war schon ein Abenteuer. Wir sind dort wochenlang herumgereist und haben Wale gesehen, Kängurus, Wüsten und wahnsinnig schöne Strände.

Was verbindet Sie, Julia und Frido, miteinander?

FM: Ich bewundere Julias hochmusikalisches Cellospiel. Früher hatte ich keine so enge Beziehung zu ihr, aber jetzt, da sie sich künstlerisch immer ernsthafter und authentischer entwickelt, wächst sie mir zunehmend ans Herz.

JM: Die Liebe zur Musik. Mein Großvater Frido war sich auch nicht sicher, ob er Musik zum Beruf machen sollte.

Frido und Julia Mann

Der Großvater: Frido Mann, 74 Jahre, geboren 1940 im kalifornischen Exil der Schriftstellerfamilie Mann, ist Musikwissenschaftler, Psychologe und Autor. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er mit seinen Eltern nach Europa zurück, wuchs aber hauptsächlich bei seinen Großeltern Thomas und Katia Mann auf. Er studierte Musik, dann Katholische Theologie und schließlich Psychologie in München und Münster, wo er sich habilitierte. Nach sieben Romanen erschien 2008 seine Autobiographie „Achterbahn. Ein Lebensweg“, in der er sich auch aus psychologischer Sicht mit der Geschichte der Familie Mann befasst. Soeben ist sein Essay „An die Musik“ als E-Book erschienen. Frido Mann ist seit 1966 mit Christine Heisenberg, Tochter des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, verheiratet. Sie haben einen Sohn und drei Enkelkinder.

Die Enkelin: Julia Mann, 18 Jahre, geboren 1996 in Göttingen, ist Abiturientin und lebt mit zwei Brüdern bei ihren Eltern in Konstanz am Bodensee. Seit ihrem siebten Lebensjahr spielt sie Cello, ist Mitglied in mehreren Kammermusikorchestern und einem Schweizer Symphonieorchester. Außerdem gilt ihre ganze Liebe dem Ballett. Julia möchte als Nächstes ein Au-pair-Jahr in Amerika oder Südafrika machen und dann gerne etwas Künstlerisch-Kreatives studieren.

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