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: Schock am Berg

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Es war halb fünf Uhr morgens, als sie damals aufbrachen. Über die Maienfelder Furgga sollte es von Davos aus nach Arosa gehen.

          Es war halb fünf Uhr morgens, als sie damals aufbrachen. Über die Maienfelder Furgga sollte es von Davos aus nach Arosa gehen. Und als Clou führte man an diesem 23. März 1894 ein neuartiges Fortbewegungsmittel namens „Ski“ mit sich.

          Bergauf gingen die drei zu Fuß über festen Schnee. Die knapp zweieinhalb Meter langen Bretter aus Ulmenholz trugen sie noch über den Schultern. Für das Davoser Brüderpaar Tobias und Johann Branger war es nicht die erste Tour dieser Art, wohl aber für ihren Begleiter, einen schottischen Arzt, der sich mit seiner tuberkulösen Frau regelmäßig in der Schweizer Höhenluft aufhielt.

          Als Schriftsteller war der Höhentourist allerdings schon damals weit bekannt: Es handelte sich um Arthur Conan Doyle, den Erfinder von Sherlock Holmes. Ein paar Monate vor dem experimentellen Skiausflug, im Dezember 1893, hatte er seine bekannteste Figur allerdings samt ihrem Gegenspieler Moriarty in die Reichenbachfälle stürzen lassen.

          Viele Holmes-Geschichten waren im britischen Magazin „The Strand“ erschienen. Für das schrieb der Autor nun andere Texte - wie den Bericht „An Alpine Pass on ,Ski‘ über den heute legendären Skiausflug mit den Gebrüdern Branger. Er spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Popularisierung des Skitourismus.

          Doch nun schnell in unsere Zeit. Als wir Ende Juli aufbrechen, um die Tour von Davos nach Arosa zu wiederholen, ist es halb acht Uhr morgens. Und weil gerade Hochsommer herrscht, wären Skier reichlich sinnlos. Conan Doyle begann seinen Aufstieg im Ortsteil Frauenkirch. Wir starten im benachbarten Glaris, im Rücken das Rinerhorn, das sich bis auf 2528 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Fast so hoch liegt auch die von uns anvisierte Passspitze, von der uns noch etwa tausend Höhenmeter trennen.

          Bis zur Chummeralp auf knapp 2000 Metern ist der Wanderweg bewaldet, und die Morgensonne blinkt nur zaghaft durch die Nadelbaumwipfel. Dieser Streckenabschnitt könnte noch als Thüringer Wald durchgehen, aber oberhalb der Baumgrenze ändert sich das rasch. Der Blick von der Alp auf die umliegenden Höhenzüge und hinunter ins Landwassertal versetzt in einen angenehmen Schwebezustand.

          Die Talgeräusche klingen schon so weit entfernt, als ob sie Jahrzehnte alt wären. Dafür kündigt sich das erste Kuhglockenkonzert an. Wir steigen die Alp weiter hinauf und laufen auf eine kleine, merkwürdig runde Wolke zu, bei der es sich dann aber doch um den Mond handelt, der an diesem hochsommerlichen Vormittag über dem Westhorizont hängt. Ab und zu zischt ein Flugzeug an ihm vorbei.

          Die Kuhglocken werden leiser, denn nach und nach bemerken uns die Tiere, unterbrechen ihr klirrendes Grasfrühstück und heben die Köpfe, um uns zu mustern. Flora und Fauna jenseits der Baumgrenze haben aber mehr zu bieten als graubündnerische Milchkühe und ihre Alp. Der Tuberkelbazillus ist literaturgeschichtlich relativ sicher verwahrt in einem Thomas-Mann-Roman, aber die Murmeltiere pfeifen sich wie eh und je ihre Sicherheitsinformationen zu, Schmetterlinge wie das Sechsfleckwidderchen, das kann man ja ruhig einmal festhalten, widmen sich flirrend dem knallgelben Habichtskraut, und der Enzian blüht so blau wie in Heinos ewiger Schnulze.

          Im März 1894 war der Pass touristisch noch überhaupt nicht erschlossen und völlig verschneit. Ungefähr da, wo heute auf etwa 2440 Metern Höhe eine steinerne Schutzhütte steht, benutzten Conan Doyle und die beiden Brangers im tiefen Schnee ihre Skier als Sitzbänke und schauten sich die umliegenden Gipfel an. Am schönsten ist sicher der Blick nach Süden auf die abenteuerlich felsige Amselflue mit ihrem 2781 Meter hohen Gipfel. Gegen 11 Uhr erreichen wir die unbemannte Hütte und rasten bei Gruyère-Sandwichs, Äpfeln und angeschmolzenen Schokoriegeln. Wasser gibt es während der gesamten Wanderung frisch aus den Gebirgsbächen, die man alle paar Minuten kreuzt.

          Zu uns gesellt sich ein beklemmend rüstiges Rentnerehepaar, das aus Arosa stammt und in entgegengesetzter Richtung nach Davos wandert, nun aber erst mal ein paar Brote mit Bündnerfleisch verspeist. Einem in Sichtweite vorbeihuschenden Mountainbiker ruft der Mann zu: „Chumm! Dä Veloständer isch grad hinder de Hütte!“ Der Radler lacht mit, fährt aber lieber weiter. Kurz darauf setzen auch die beiden Wandersleute ihre Passüberquerung fort.

          Wie für Arthur Conan Doyle geht es für uns nun hinunter nach Arosa. Um 11.30 Uhr, als der Autor im Ort ankam, machen wir uns erst auf das zweite Teilstück. Recht schnell zeigt sich in der Ferne das Tagesziel: „Arosa mit seinen kleinen Spielzeughotels“ (Conan Doyle). Besonders anziehend funkeln die beiden türkisblau-waldgrünen Seen.

          Bergabwärts waren die drei Märzwanderer des Jahres 1894 natürlich weite Strecken auf ihren Skiern geglitten. Wir hätten Anfang Juni vielleicht noch auf einer Plastiktüte sitzend über die verbliebenen Schneefelder ins Tal rutschen können. Jetzt ist kaum noch Schnee zu sehen. Der letzte Rest hat sich gut sichtbar an den Ausläufern der Amselflue gehalten, seine Umrisse ähneln denen des Wüstenstaats Mali. Eine kleine Schneeballschlacht ist hier Ende Juli aber durchaus noch drin.

          Der Weg über die Maienfelder Furgga ist mit dem Schwierigkeitsgrad T2 auf der Skala des Schweizer Alpen-Clubs ausgewiesen: einfaches Bergwandern über meist markierte Wege, relativ ausgeglichene Steigungen, „Absturzgefahr nicht ausgeschlossen“. Der Abstieg nach Arosa geht über Wurzelwerk und Geröll. Manchmal immerhin knirschen die Schuhe auch über Moosflächen.

          Obwohl man das Ziel beständig vor Augen hat, dauert es noch mehr als zwei Stunden bis nach Arosa hinein. Die Skifahrer der ersten Stunde absolvierten den Weg nach unten sicher schneller als wir. Als es zu steil wurde, banden sie ihre Skier zusammen und nutzten sie wie Schlitten. Das funktionierte nur mittelgut, am Ende waren ihre Hosenböden „so weiß wie Lots Frau“, berichtet Conan Doyle. Dessen feiner Harris-Tweed zeigte wegen der ungewohnten Belastungen ganz neuartige Verschleißerscheinungen. Fetzen über Fetzen verteilten sich talabwärts.

          Ganz ohne zusammenbindbare Sportgeräte wandern wir weiter Arosa entgegen. Das nächste Glockengeläut kommt dann schon nicht mehr von der Alp, sondern von den Ortskirchen. Akustisch sind wir also schon da, physisch durchschreiten wir einen Märchenwald mit überwachsenen Baumleichen, Farnen und bemoostem Fels.

          Dann überqueren wir den Furggabach, der den Berghang herabgeschossen kommt. Spätestens hier sollte man noch einmal seine Wasserflaschen auffüllen. Man muss dringend davon abraten, dies einen Kilometer später in der Plessur zu tun, einem Flüsschen, das sich direkt an der Kläranlage von Arosa befindet. Im Februar letzten Jahres gelangte hier eine Chemikalie zurück in den Fluss und führte zum Tod einiger Dutzend Bachforellen, die Meldung machte Epoche in der regionalen Presse.

          Richtung Ortskern geht es nun noch einmal steil bergauf. Um kurz nach 14 Uhr gelangen wir schließlich an den Untersee, den eventuell schönsten Weiher der Welt. Knapp sieben Stunden haben wir absichtsvoll gemächlich für unsere Wanderung über die Maienfelder Furgga benötigt, genau wie damals die Brangers mit ihrem schottischen Ski-Azubi.

          Am Untersee befindet sich auch das Hotel „Seehof“, in dem Conan Doyle abstieg und sich sogleich ein zünftiges Mittagsmahl servieren ließ. Heute gehört zum Hotel das Restaurant „Cuculouche“ mit spanisch-mexikanischen Spezialitäten. Es hat sommers zwar geöffnet, allerdings erst am Abend. Da springt man besser vom Dreimeterbrett direkt in den Untersee, denn die „Badi“ hat natürlich geöffnet, es ist angenehm halbleer, und vom Wasser aus wirkt das Bergpanorama gleich noch ein bisschen gewaltiger.

          In der Mitte des Sees schwimmt eine riesige aufblasbare Spaßplattform mit Trampolin, und die absurden Kapriolen, mit denen sich die Badegäste von hier aus ins Wasser katapultieren, erinnern wieder an Conan Doyles Artikel im „Strand Magazine“. Diesem waren einige Fotos beigegeben, die den Autor bei ebenso atemberaubenden Verrenkungen zeigen - das ungeübte Manövrieren auf Skiern hat ja so seine Tücken. Auch deshalb war er übrigens froh, früher als angekündigt mit seinen Kompagnons in Arosa einzutreffen. Er hatte nämlich befürchtet, dass die Aroser schon ihre Operngläser bereithielten, um sich über die mehrstündige Talfahrt der drei zu belustigen.

          FRANK FISCHER

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