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Römische Archäologie : Gefährliche Funde

Das Gelände, in dem Vindolanda gebaut wurde, ist noch längst nicht vollständig untersucht. Bild: Vindolanda Trust

Weltruhm nach 1500 Jahren: Das Römerfort Vindolanda

          Es dauerte vier Minuten, dann waren die 300 Plätze vergeben, die am 3. November mittags um 12 Uhr auf der Internetseite der Vindolanda-Stiftung angeboten worden waren. Wer einen davon ergattert hat, kann im kommenden Jahr zwei oder vier Wochen lang in Nordengland bei Wind und Wetter an der archäologischen Untersuchung eines römischen Militärlagers teilnehmen. Als Anfänger kann er Mauerwerk freilegen, mit etwas Grabungserfahrung setzt man ihn vielleicht dort ein, wo ungleich schwieriger zu behandelndes organisches Material vermutet wird.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit etwas Glück ist er dabei, wenn wieder so spektakuläre Artefakte ans Licht kommen wie in diesem Jahr: Andrew Birley, der Direktor der Ausgrabungen im Römerfort Vindolanda, konnte zum Abschluss der Grabungskampagne unter vielem anderen eine Goldmünze präsentieren, die einzigen erhaltenen Überreste eines hölzernen Toilettensitzes römischer Herkunft oder Teile eines Wagenrades, deren Krümmung Aufschluss über die Radgröße gibt. Die Ausgräber fanden im Jahresverlauf zudem 130 Schuhe, drei Holzschalen, ein immer noch messerscharfes Schwert und eine hinreißende Brosche. Vor allem aber tauchte auf, wofür Vindolanda mittlerweile weltberühmt ist: 19 weitere jener Täfelchen, die von den ehemaligen Bewohnern des Forts mit Tinte oder mit in eine Wachsschicht geritzten Buchstaben beschrieben worden waren.

          Seit mehr als vierzig Jahren finden hier regelmäßig Grabungen statt, nach einer früheren Phase der Erforschung im 19. Jahrhundert, in deren Verlauf der Besitzer des Geländes, der Geistliche Anthony Hedley, sein Leben ließ, weil er 1835 vergrippt in den strömenden Januarregen eilte, um ein neu gefundenes Gefäß aus der Römerzeit in Augenschein zu nehmen. 1929 erwarb dann der 23-jährige Althistoriker Eric Birley das Areal von Vindolanda und identifizierte dort bald die Überreste eines Holzforts als Vorgänger des bereits bekannten Steinbaus.

          Ein Grabstein in der Festungsmauer

          Zwei Jahrzehnte später musste Eric Birley seinen Grundbesitz wieder verkaufen. Als dann 1970 die Vindolanda-Stiftung zur archäologischen Erforschung des Geländes gegründet wurde, übernahm Birley das Amt des Vorsitzenden. In den Folgejahren stellte sich heraus, dass die Siedlungsgeschichte von Vindolanda erheblich komplizierter war als gedacht. Offenbar entstanden an dieser Stelle, etwa ein Kilometer südlich des späteren Hadrianswalls gelegen, nacheinander mindestens neun verschiedene Forts - die ersten aus Holz, die späteren aus Stein. Das ist nicht ungewöhnlich, da der Bau von Wehranlagen zu den Dingen gehörte, die in der römischen Armee und bei deren Hilfstruppen regelmäßig geübt wurden. So finden sich auch behauene Steine früherer Bauten in späteren Ruinen wieder, in Vindolanda etwa der Grabstein einer unbekannten Frau aus dem dritten Jahrhundert in einer Festungsmauer, die aus dem vierten stammt.

          Doch im feuchten Boden Vindolandas blieben unter Luftabschluss auch zahlreiche organische Materialien erhalten, die andernorts rasch verrottet wären: Leder, Textilien, sogar ein äußerst fragiler Helmschmuck. Der große Reichtum dieser Fundstätte, der auch in einem zugehörigen Museum gezeigt wird, erlaubt deshalb einen Blick in den Alltag der hier stationierten Soldaten, wie er andernorts kaum möglich wäre: Da sind Korbreste, ein Holzspaten, Tierknochen und die verzierte Lederhaube eines Streitrosses, daneben anorganische Fundstücke wie Olivenöl-Amphoren, Löffelchen, Bronzepfannen, Schmuck und Glas - und eine große Anzahl von in Südfrankreich hergestellten Tontellern und Schüsseln.

          Wurde das Kind ermordet und verscharrt?

          Insbesondere die verzierten Schuhe der Bewohner geben Hinweise auf eine Gemeinschaft, die selbstverständlich auch die Frauen und Kinder der Soldaten umfasste. Die erhaltenen Grundmauern der Unterkünfte sprechen von einem äußerst beengten Dasein, in dem sich je acht Soldaten mit ihren Familien und gegebenenfalls auch Sklaven ein zweistöckiges Häuschen in der Größe eines Gartenschuppens teilten. Nichts konnte da den anderen verborgen bleiben, und welche Abgründe sich da bisweilen auftaten, lässt ein Fund aus der Kampagne von 2010 erahnen: Damals kam in einer dieser Unterkünfte ein verscharrtes Kinderskelett ans Licht. Der Junge oder das Mädchen muss etwa elf Jahre alt gewesen und im Mittelmeerraum aufgewachsen sein. Dass das Kind verscharrt statt ordentlich begraben wurde, deutet auf einen Mord hin. War es ein Sklave? Ein nachgeholtes Familienmitglied?

          Zu den Rätseln, die Vindolanda aufgibt, gehört auch der Ort des einstigen zentralen Müllplatzes der Forts. Die Bodenbeschaffenheit des Geländes erlaubt die schönsten Hoffnungen. Die Arbeit geht nicht aus. Und wer diesmal keinen Platz im Grabungsteam bekommen hat, wird es noch lange weiter versuchen können.

          Literatur: Robin Birley, „Vindolanda. A Roman Frontier Fort on Hadrian‘s Wall“. Aberley, Stroud 2009.

          Anthony Birley, „Garrison life at Vindolanda“. Aberley, Stroud 2011.

          Informationen für Besucher: www.vindolanda.com

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