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: Am Ende des Weges

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Der Münchner Bildhauer setzt das Bierglas an, ein tiefer Schluck. Dann dieses wohlige Seufzen, das sich einstellt, wenn großer Durst mit Bier gelöscht wird. Die Wanderung war heiß, nun sitzt er in Portbou im Schatten unter gestutzten ...

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          Der Münchner Bildhauer setzt das Bierglas an, ein tiefer Schluck. Dann dieses wohlige Seufzen, das sich einstellt, wenn großer Durst mit Bier gelöscht wird. Die Wanderung war heiß, nun sitzt er in Portbou im Schatten unter gestutzten Platanen, alle Tische des Lokals sind besetzt, auch die Einheimischen treffen sich auf der Rambla. Der Münchner blickt sich um: "Wie mag er sich gefühlt haben, als er angekommen war in Spanien?" Wahrscheinlich sei er so erschöpft gewesen, dass kein Raum war für Erleichterung, sagt die Freundin des Bildhauers, eine zierliche Frau aus der Mongolei: Krank soll er gewesen sein, und sicher hatte er als Intellektueller keine passenden Schuhe, vielleicht Lederschühchen aus der Stadt, und einen Anzug. Und natürlich: der Aktenkoffer mit dem Manuskript. Der Dritte am Tisch, ein französischer Filmemacher, isst die letzten sieben Oliven. Auf seinem verschwitzten T-Shirt sehen die Salzränder aus wie Ländergrenzen auf einem Globus. Er sagt: "Dort im Hotel soll er sich umgebracht haben."

          Der Münchner, die Mongolin und der Franzose sind von Banyuls-sur-Mer in Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien gegangen. Eine Wanderung auf dem Chemin Walter Benjamin, auf dem Weg also, auf dem der Berliner im September 1940 hoffte, den Nazis zu entkommen. 17 Kilometer, fast 600 Höhenmeter. Was heute ein Wanderweg ist, war damals eines der letzten Schlupflöcher in die Freiheit. Walter Benjamin, geboren am 25. Juli 1892 in Berlin, Philosoph, Schriftsteller und Übersetzer, war Jude, sympathisierte mit den Kommunisten, er musste 1933 ins Exil, zunächst ging er nach Paris.

          Lisa und Hans Fittko, selbst Flüchtlinge, Lisa aus der Ukraine, Hans aus Finsterwalde, brachten damals auf den Schmugglerpfaden Menschen nach Portbou in Spanien. Obwohl dort Franco herrschte, konnte man Visa für die Vereinigten Staaten bekommen. Heute ist Portbou ein doppelt unnütz gewordener Grenzort. Zum einen, weil Grenzen innerhalb Europas keine mehr sind, zum anderen, weil das größte Gebäude, der Bahnhof, unwichtig geworden ist. Hier mussten jahrzehntelang Reisende umsteigen, weil Frankreich und Spanien mit verschieden breiten Zuggleisen arbeiten. Doch 2010 wurde die TGV-Strecke Figueras-Perpignan eröffnet. Seitdem versinkt Portbou in der Bedeutungslosigkeit. Damals aber - mag es ein Ort gewesen sein, an dem Freiheit für Geld zu haben war. Ein Nährboden für Korruption und zwielichtige Gestalten.

          Der Chemin Walter Benjamin beginnt in Banyuls am Rathaus. Ab Puig del Mas geht der Weg steil hinauf. Benjamin und seine beiden Begleiter waren die ersten Flüchtlinge, die Lisa Fittko führte. Vierzig Jahre später schrieb sie alles nieder. Sie hatte Benjamin gewarnt, es sei gefährlich und anstrengend, aber er habe geantwortet: "Nicht zu gehen, das wäre das eigentliche Risiko." Fittko erinnert sich in ihrem Buch an den steilen Weinberg: "Wir kletterten zwischen den Rebstöcken hindurch, die voll von beinahe reifen, dunklen, süßen Banyuls-Trauben hingen." Hier "machte Benjamin schlapp". Er war am Ende seiner Kräfte, sie mussten ihn teilweise hochschleppen. Später, mit anderen Flüchtlingen, gingen sie frühmorgens mit den Weinbauern los. Der Bürgermeister schärfte ihnen ein, sie dürften kein Gepäck tragen "et surtout pas de rucksack!". Ein Rucksack sei das Kennzeichen der Deutschen.

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