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Radsportgenerationen im Gespräch : „Dopen gehörte zum Beruf“

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Generationen im Gespräch: Jürgen Tschan und John Degenkolb (r.) Bild: Wonge Bergmann

Jürgen Tschan und John Degenkolb haben Paris-Tours gewonnen - dazwischen lagen 43 Jahre. Die Radsprofis zweier Generationen haben viel zu erzählen über alte und moderne Zeiten, über Drogen und Sucht und über das Gefühl, mausetot zu sein.

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          Der Mannheimer Jürgen Tschan, 66 Jahre alt, und John Degenkolb aus Frankfurt, 25, haben eines gemeinsam: Als Radprofis haben sie das Rennen Paris-Tours gewonnen, Tschan 1970, Degenkolb im vergangenen Jahr. In den Siegerlisten des Klassikers steht außer ihnen nur noch ein Deutscher: Erik Zabel. Tschan, der als Profi beim Team Peugeot unter Vertrag stand, nahm an den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko teil und fuhr in der Helferrolle zwei Mal die Tour de France, bei der er die Plätze 37 und 45 belegte. Degenkolb schaut auf ein starkes Jahr 2013 zurück. Der sprintstarke Eintagesspezialist gewann außer Paris-Tours auch in Hamburg und holte sich eine Etappe beim Giro d’Italia. Marcel Kittel, seinem Freund und Mitfahrer beim Team Argos-Shimano, verhalf er zu vier Etappensiegen bei der Tour de France.

          Herr Degenkolb, welche Vorstellung haben Sie vom Rennen Paris-Tours 1970?

          John Degenkolb: Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich angefühlt haben muss, mit solch einem Rad dieses Rennen zu fahren. Die damaligen Räder haben mit den heutigen so viel zu tun wie ein Trabi mit einem Ferrari. Es ist atemberaubend, mit solch einem Rad eine solche Strecke zurückzulegen. Damals waren es auch 260 Kilometer, oder?

          Jürgen Tschan: 289.

          Degenkolb: Wahnsinn!

          Tschan: Die Räder waren nicht das Problem - nur die Sättel waren buchstäblich ein wunder Punkt. Aber die Umstände waren entscheidend anders: Ihr lasst euch heute zurückfallen und greift euch eine vorbereitete Flasche. Wir durften nur an den zwei Verpflegungspunkten etwas annehmen. Da waren in einem Beutel dann zwei Fläschchen mit 0,5 Liter Wasser drin.

          Zwei Liter für 289 Kilometer?

          Tschan: Ja, damit hat man auskommen müssen. Oder man ist in irgendwelchen Orten mal an einem Brunnen abgestiegen. Bei den Klassikern hat man es weniger gemacht, aber bei Tour-de-France-Etappen stand um die Brunnen mitunter eine Traube von Rennfahrern. Wir haben uns drum gestritten, wer zuerst seine Flasche drunter halten durfte.

          Sieger gestern: Jürgen Tschan bei einem Sieg beim Sechstagerennen in Berlin
          Sieger gestern: Jürgen Tschan bei einem Sieg beim Sechstagerennen in Berlin : Bild: picture-alliance / dpa

          Was gab es zu essen?

          Tschan: Bananen, Brötchen, Reiskuchen - da hat man sich die Taschen vollgestopft.

          Degenkolb: Wir werden von einem Hersteller verpflegt. Im Bus liegen Riegel und Gels in allen Geschmacksrichtungen. Nach 50 Kilometern ist es erlaubt, sich auch am Auto zu verpflegen. Dann gibt es noch Verpflegungsstationen, wo es geschmierte Schnittchen gibt, Milchbrötchen, Milchreis und so weiter. Ich habe immer eine Flasche Wasser und eine Flasche isotonische Getränke dabei. Bei langen Rennen trinke ich sechs bis acht Liter.

          Tschan: Ich habe vielleicht zwei, drei Liter getrunken. Man hat nicht so darauf geachtet, viel zu trinken. Ich bin mit den vier Flaschen gut hingekommen.

          Wie sind Sie damals an den Start in Paris gekommen?

          Tschan: Ich habe von meinem Team Peugeot einen Brief bekommen mit den Infos, wo und wann ich in Paris sein sollte. Es hat niemanden interessiert, wie ich da hinkomme. Ich bin mit dem Auto hingefahren - von Saarbrücken aus nur noch über Landstraßen. Wenn man Glück hatte, hat man am Vorabend noch eine Massage bekommen. Da gab es auch keine große Besprechung.

          Sind Sie damals mit Ihrem Privatauto zu den Rennen gereist?

          Tschan: Ja, klar. Als Fahrer für das Team Peugeot habe ich auf einen Peugeot 30 Prozent Rabatt gekriegt. Wir waren vier bis sechs Wochen lang im Trainingslager an der Côte d’Azur - und mussten dies zum Teil selbst finanzieren. Das war bei allen Mannschaften so. Nach Bordeaux bin ich zum Beispiel auch mal geflogen - und habe ein paar Mark draufgelegt.

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