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Radsportgenerationen im Gespräch : „Dopen gehörte zum Beruf“

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Was empfinden Sie, wenn Sie dies hören, Herr Degenkolb?

Degenkolb: Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Allein schon der Gedanke, mir selbst eine Spritze zu setzen . . . Ich bin mir sicher, dass ich es nicht könnte.

Tschan: Das hättest du in dieser Zeit schon gelernt. Da war auch kein Arzt dabei, da war nichts mit Infusionen und so. Das haben die Rennfahrer alles selbst gemacht und Erfahrungen gesammelt.

Wo hat man die Mittel herbekommen?

Tschan: Teilweise hat man sie sogar vom Hausarzt bekommen, oder man hat sie in Italien und Spanien in kleinen Apotheken unter der Hand erhalten. FRAGE:

Die Einstellung war, dass es ein guter Rennfahrer einfach macht?

Tschan: Das gehörte zum Beruf, auf eigenes Risiko. Ich schätze, dass 20 Prozent der Fahrer süchtig waren.

Degenkolb: Das ist das, was ich immer versuche zu erklären: Rennfahrer, die einmal das Gefühl hatten, dass es mit dem Zeug besser geht, können nicht mehr ohne fahren. Diejenigen brauchen das Gefühl, zu fliegen und gleich alle anderen abhängen zu können.

Tschan: Man kommt da so langsam rein. Auf einmal ist man so weit, dass man ohne überhaupt nicht mehr fahren kann. Man musste schon aufpassen und bei den großen Rennen besser nichts nehmen wegen der Kontrollen. Ich war sehr offen, und deshalb müssen Sie mir jetzt auch glauben, dass ich die Tour de France zweimal sauber gefahren bin. Aber bei den großen Rennfahrern haben die Ärzte die Proben doch gar nicht genau angeschaut - so einfach war das. In meiner Generation und in meinem Bekanntenkreis sind viele gestorben. Ich flippe aus, wenn ich Stimmen höre, die Doping legalisieren wollen.

Herr Degenkolb, Marcel Kittel, Tony Martin und Sie haben öffentlich geschworen, sauber Radrennen zu fahren. Wie begegnet man Ihnen seitdem im Fahrerfeld - mit Ablehnung, Ignoranz oder Geringschätzung?

Degenkolb: Es gibt einige, die mit in unser Boot wollen. Da sind viele auf unserer Wellenlänge. Das ist für uns wie eine Visitenkarte. Es war allein deshalb sinnvoll, dies zu machen, weil nun jeder unsere Haltung und Meinung kennt. Ich würde es jederzeit wieder machen. Allein die Tatsache, dass Kittel vier Tour-de-France-Etappen gewinnt, Martin drei Mal in Folge Zeitfahr-Weltmeister wird und ich auch ein paar Rennen gewonnen habe, spricht dafür, dass man sauber siegen kann. Es hat sich sehr viel geändert im Radsport.

Beäugt man sich damals wie heute im Feld und zweifelt gute Leistungen von bestimmten Fahrern an?

Tschan: Eigentlich war es jedem egal, was der andere machte.

Degenkolb: Der Gedanke ist immer noch präsent, ganz klar. Ich versuche dies auszublenden und mein Ding zu machen. Was andere tun und vorhaben, kann ich eh nicht beeinflussen. Ich arbeite an meinen Plänen und Zielen. Das ist die einzige Möglichkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass wir derzeit so erfolgreich sind und sehen, dass es auch mit unserem Weg funktioniert und man ein gutes Radprofi-Leben führen kann. Unser Credo: Erfolge ja, aber nicht um jeden Preis.

Herr Tschan, würden Sie gerne heute Radprofi sein, mit John Degenkolb tauschen?

Tschan: Ja, heute würde ich wieder gerne Radprofi sein wollen. So wie es damals war, würde ich es nicht mehr machen.

Das Gespräch führte Alex Westhoff.

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