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Radsportgenerationen im Gespräch : „Dopen gehörte zum Beruf“

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Aber in Tours wurde dann schon übernachtet?

Tschan: Ach was, nix da. Das Problem war, dass das Auto am Start stand. Da habe ich immer jemanden gesucht, der es an den Zielort fährt. Nach dem Rennen bin ich nach Hause zurückgefahren.

Degenkolb: Ich bekomme heute eine E-Mail mit allen Daten und dem Flugticket. Dann lasse ich mich mit meinem Handgepäckkoffer zum Flughafen bringen. Vor Ort im Laster befindet sich ein zweiter Koffer mit Ersatzklamotten und so weiter, der für mich gepackt wurde. Am Flughafen in Paris werde ich abgeholt und zum Start gebracht.

Sieger heute: John Degenkolb bei einem Etappensieg beim Giro d’Italia

Wie hoch schätzen Sie die Leistung der Generation von Jürgen Tschan ein?

Degenkolb: Wenn ich diese Geschichten höre, dann trifft die Bezeichnung „Helden der Landstraße“ auf jeden Fall zu. Bei uns wird heute jeder Schritt von der Teamleitung geplant.

Tschan: Kennst du noch das Rennen Bordeaux-Paris?

Degenkolb: Nein.

Tschan: 600 Kilometer lang. Da waren wir nur 30 Rennfahrer, als wir morgens um 3 Uhr an den Start gingen. Um 4 Uhr wurde es langsam hell, und wir sind insgesamt mit einem 45er-Schnitt unterwegs gewesen. Die letzten 200 Kilometer wurde hinter Dernys, Motorrädern, gefahren. Da bin ich Sechster geworden. Habt ihr bei Paris-Tours eigentlich Funk gehabt?

Degenkolb: Nein, Funk haben wir nur bei den World-Tour-Rennen.

Tschan: Funk finde ich nicht gut. Der Rennfahrer ist kein Rennfahrer mehr, sondern bloß noch eine Marionette des Sportlichen Leiters. Die kriegen ins Ohr gesagt, dass sie fahren sollen, und dann wird gefahren. Bei uns mussten die Sportlichen Leiter ans Ende des Feldes fahren, sich einen Fahrer greifen und ihre Botschaften loswerden. Der Fahrer musste dann wieder nach vorne spurten, um dies zu vermitteln. Wie siehst du das Thema Funk?

Degenkolb: Intelligente Rennfahrer haben einen Vorteil, wenn wir ohne Funk fahren. Man kann seine Mannschaft zwar nicht mehr so führen, als wenn man ständig Tipps aus dem Auto bekommt. Was man aber nicht außer Acht lassen sollte, ist der Sicherheitsaspekt: um Gefahren anzusagen und zu warnen. Wenn am Ende einer Abfahrt eine Schranke geschlossen ist oder Kühe auf der Straße stehen. Ich habe schon alles erlebt.

Tschan: Was mir bei den heutigen Radrennen nicht gefällt: Es werden zu Anfang ein paar losgeschickt, und das große Feld hält den Abstand auf fünf Minuten - mal ein paar Sekunden mehr oder weniger, fertig aus. Das ist ätzend zum Zuschauen. Ich schaue mir im Fernsehen mittlerweile nur noch die letzten zehn Kilometer an.

Wie sind die Rennen zu Ihrer Zeit verlaufen?

Tschan: Ganz anders, das kann man gar nicht vergleichen. Da wurde vielleicht nach 40 Kilometern zum ersten Mal richtig attackiert. Da haben aber alle mitgemacht, auch die großen Rennfahrer haben attackiert. Da ist richtig gefahren worden, eine Stunde lang. Und dann war wieder Ruhe. Auf den letzten 30 Kilometern hat jeder sein Glück in der Attacke gesucht, auch ein Eddy Merckx. Heute traut sich doch keiner mehr, richtig wegzufahren. Ich frage mich immer: Was denken sich die Kapitäne der schwächeren Teams dabei, überhaupt nichts zu machen?

Was hat das Rennfahren finanziell gebracht?

Tschan: Wenn man als deutscher Rennfahrer - ich war ein Mannschaftsfahrer - Geld verdienen wollte, musste man Sechstagerennen fahren. Zu Anfang bin ich nur wenige gefahren, denn für einen richtigen Straßenfahrer ist jedes Sechstagerennen eines zu viel. Ich bin nicht der Typ gewesen, diese Rennen gut zu verkraften. Nach drei bis fünf Sechstagerennen hintereinander, wie ich es damals immer gemacht habe - Berlin, Dortmund, Frankfurt und so weiter -, bist du mausetot. Da kannst du nicht mal mehr krabbeln.

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