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Hansa Rostock : Die Kogge sinkt

Abstieg in die dritte Liga: Es steht nicht gut um Hansa Rostock und den Nordosten Bild: dpa

Hansa Rostock ist für den Osten ein Symbol. Auch im Untergang. Nun muss der Fußballklub in die dritte Liga absteigen. Viele Spieler werden Hansa verlassen, auch die Finanzen bereiten Probleme. Es steht nicht gut um den Nordosten.

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          Es stand schon lange Zeit nicht mehr gut um den FC Hansa Rostock. Im Vereinslogo prangt zwar noch immer die stolze Hansekogge. Aber sie sinkt und sinkt; am Montagabend stand nach der zweiten Relegations-Niederlage gegen den FC Ingolstadt der Abstieg in die dritte Liga fest - der Untergang. Wie es nun mit dem Verein weitergeht, kann niemand mit Gewissheit sagen. Hansa ist angekommen in den Tiefen des deutschen Fußballs. Ein echter Rettungsanker ist nicht in Sicht.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das war mal anders. Zehn Jahre lang gehörte der Klub wie selbstverständlich zur Bundesliga, viele Jahre lang auf einem guten Mittelfeldplatz. Rostock war beliebt und erhielt einen ersten Platz in der Kategorie „schönster Fußball“. Mannschaft und Fans galten als nett und friedlich - als „Fischköppe“, ein Name, in dem sich Anerkennung und Herablassung mischen. Vor allem aber wurde Hansa zum Identifikationsklub der Ostdeutschen. Auch für jene Ostdeutsche, die es inzwischen in den Westen verschlagen hatte. Auch Cottbus hatte es schon mal in die Bundesliga geschafft, bekam aber nie so viele Sympathiewerte wie die Rostocker. Zweihundert Hansa-Fanklubs gibt es überall in der Bundesrepublik, darunter die „Fischköppe Landshut in Niederbayern“.

          2005 aber begann der Abstieg. Zunächst in die zweite Liga, wo Rostock die Abstiegszone inzwischen gut kennt. Auch mit dem friedlichen Segeln der Kogge war es spätestens seit dem Abschied aus der Oberklasse vorbei. Hansa-Fans gelten inzwischen als gewalttätig und rechtsradikal. Dabei schwingt ein Ereignis mit, für das Hansa gar nichts kann: die Krawalle im August 1992 in Lichtenhagen, einem der Plattenbaugebiete Rostocks, als der Mob regelrecht Jagd auf Ausländer machte. Die Bilder gingen um die Welt. Mecklenburg-Vorpommerns größte Stadt konnte sich davon nur schwer erholen.

          Die meisten Spieler werden die sinkende Hansekogge verlassen

          Subtras sorgen für Stimmung - und haben Macht

          Rostocker Fans haben aber auch selbst zu ihrem zweifelhaften Ruf beigetragen. Gewalt ist zwar inzwischen ein Massenphänomen im Fußball, aber die Rostocker waren Trendsetter, auch wenn der Verein betont, die Mehrzahl der Gewaltbereiten sei gar nicht aus ihrer Stadt. Die Gewalttätigen sind vor allem in einem der Fanklubs auszumachen - bei den „Ultras“, die sich in Rostock „Subtras“ nennen. Sie machen die Stimmung im Stadion. Außerhalb des Stadions aber können sie ein ganz anderes Gesicht zeigen. Ihr Feindbild sind die Polizisten; die wurden schon mal regelrecht in einen Hinterhalt gelockt. Erst beim letzten Zweitligaspiel vor gut einer Woche in Düsseldorf musste die Partie zweimal unterbrochen werden, weil sich Rostocker Zuschauer nicht benehmen konnten.

          Etwa 750 Leute gehören zu den Subtras. Die Polizei schätzt, dass 70 bis 100 unter ihnen den gewaltbereiten Kern bilden. In der Südkurve haben die Subtras im Block 27 und 27a ihre festen Plätze und hüpfen neunzig Minuten lang unter Gesängen und Sprechchören auf der Stelle. Inzwischen bestimmen die Subtras die Richtung des Vereins kräftig mit, indem sie Mehrheiten auf Mitgliederversammlungen organisieren. So wandten sie sich Anfang des Jahres gegen den Sicherheitsverantwortlichen Rainer Friedrich, dem sie auch seine Vergangenheit bei der Stasi vorwarfen; er wurde prompt abgelöst.

          Vorstandsvorsitzender bei Hansa war bis vor wenigen Jahren Horst Klinkmann, 74. Er ist Mediziner, war schon in der DDR-Zeit ein berühmter Wissenschaftler, der reisen durfte. Auch ihm wurde immer wieder seine Vergangenheit vorgeworfen. Nach dem Ende der DDR kehrte er der Region erst einmal den Rücken. Heute ist er nicht nur Ehrenvorsitzender von Hansa, sondern eine der Autoritäten im Land. Die Ursprünge von Hansa liegen im Erzgebirge. 1954 wurde die Mannschaft der sächsischen Betriebssportgruppe „Empor Lauter“ mitten in der Saison nach Rostock „delegiert“, wie man es damals nannte. Die Spieler wurden in einem Bus nach Rostock gekarrt. Das Fischkombinat Rostock wurde der Partner des Fußballklubs; in der DDR gab es offiziell keine Profis.

          Es steht nicht gut um den Nordosten

          Erst seit 1965 trägt der Fußballklub den Namen Hansa. In der Oberliga der DDR spielte er immer mit. Aber erst 1989 schaffte er endlich einmal den Doppelerfolg: Fußballmeister und Pokalsieger. Das berechtigte die Mannschaft, in der Bundesliga zu spielen. Der Verein stieg nach der ersten Saison gleich wieder ab, schaffte aber 1995 abermals den Aufstieg.

          Wie die Wirtschaftslage im Osten insgesamt aussieht, so steht es auch um Hansa. Bis heute fehlt ein Hauptsponsor. Das Geld kommt von vielen kleinen Gebern, unter denen die Lübzer Brauerei mit der größte ist. Vor allem der Spielerverkauf erwies sich als lukrativ. Mehr als ein Dutzend Nationalspieler haben ihre Karriere irgendwann einmal in Rostock angefangen oder eine Zeitlang hier gespielt. Die Idee mit dem Ostseestadion kam nicht aus Rostock selbst, sondern von Rudi Assauer, als der noch bei Schalke das Sagen hatte. Er vermittelte ein holländisches Bauunternehmen, welches das einst aus den Bombentrümmern Rostocks gebaute Ostseestadion zu einem modernen Fußballstadion vergrößerte.

          „DKB-Arena“ heißt es heute. Der Name ist für zehn Jahre gegen insgesamt zehn Millionen Euro verkauft worden. Bei der „DKB-Arena“ bleibt es also auch in der dritten Liga. Wenigstens das. Aber sonst dürfte alles anders werden. Die wenigsten Spieler werden Rostock die Treue halten, die Einnahmen werden sich halbieren. „Alle Mann an Deck“, hieß zuletzt der Alarmruf auf der Internetseite. Der FC Hansa Rostock ist die bekannteste Marke, die Mecklenburg-Vorpommern hervorgebracht hat. Der Abstieg fällt in eine Zeit, da das Land mit demographischen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Aber das passt wieder zusammen. Es steht nicht gut um den Nordosten.

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