https://www.faz.net/-gmh-6rtri

: Die vielen Leben der Ingrid Betancourt

  • Aktualisiert am

Bogotá. Gramgebeugt, das Haar in langen Strähnen herunterhängend, die Hände wie zum Gebet gefaltet, saß sie auf einer grob aus Ästen zusammengeschreinerten Bank im Urwald vor einem nicht minder notdürftig gezimmerten Tisch.

          4 Min.

          Von Josef Oehrlein

          Bogotá. Gramgebeugt, das Haar in langen Strähnen herunterhängend, die Hände wie zum Gebet gefaltet, saß sie auf einer grob aus Ästen zusammengeschreinerten Bank im Urwald vor einem nicht minder notdürftig gezimmerten Tisch. So kannten wir sie. Ingrid Betancourt, die von der kolumbianischen Guerrilla entführte, einst so stolze "grüne" Politikerin, erschien auf dem letzten Lebenszeichen-Foto, das vor ihrer Befreiung publik wurde, als quasi-heilige Figur. Das Bild hatte sich durch millionenfache Publikation derart festgesetzt, dass man sie sich gar nicht anders denn als eine von Krankheit und Leid verzehrte Geisel vorstellen konnte. Künstler adelten das Bildnis der schmerzensreichen Frau endgültig zur Ikone.

          Ohne Zweifel ist Ingrid Betancourt seit ihrer Entführung im Februar 2002 durch die Guerrilla-Organisation "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) bis zu ihrer Befreiung im Juli 2008 durch die Hölle gegangen, sechseinhalb Jahre lang. Sie war zeitweise schwer krank und drei Jahre lang angekettet. Doch nach der Befreiung turtelte plötzlich eine ganz andere Ingrid Betancourt durch die Öffentlichkeit: eine elegant herausgeputzte Heldin, die sich von einem Staatschef zum anderen weiterreichen ließ. Auch diese Ingrid Betancourt ist inzwischen verschwunden. Dafür werden immer neue Details aus ihrer Gefangenschaft bekannt, auch frivole.

          Vor kurzem hat die einstige Geisel offiziell die Scheidung von ihrem Ehemann Juan Carlos Lecompte bei der kolumbianischen Justiz beantragt. Ihre Begründung ist einleuchtend: Mehr als sechs Jahre hat sie nicht mit Lecompte zusammengelebt; zwei Jahre Trennung von Tisch und Bett sind in Kolumbien für eine Scheidung nötig. Vermutlich hat sie aber nicht erwartet, dass ihr Mann mit einer Gegenklage antworten würde. Zumindest war nicht zu erwarten, dass er sie als treulose Gattin beschuldigen würde, die ihn mit einem anderen Mann betrogen hat.

          Lecomptes Auftritt vor der Presse war mehr als die Reaktion eines gehörnten Ehemanns. Er hatte mit einem Mal wieder das rätselhafte Doppelleben der Ingrid Betancourt beschworen. Die Details über den Seitensprung hatten zuvor andere schon publik gemacht. Die drei gleichfalls von den Farc entführten und zusammen mit Betancourt befreiten Amerikaner Keith Stansell, Thomas Howes und Marc Gonsalves berichten in einem Buch über ihre Geiselhaft, dass der frühere Abgeordnete Eladio Pérez, der im gleichen Camp gefangen gehalten wurde, mit Betancourt "das Bett geteilt" habe.

          Pérez war von den Farc im Februar 2008 freigelassen worden. Er war es, der seinerzeit die Nachricht über den vorgeblich extrem schlechten Gesundheitszustand Ingrid Betancourts verbreitete. "Es zerreißt mir die Seele", erzählte er nach seiner Freilassung, "ihr geht es sehr, sehr schlecht, sie ist sehr krank, physisch und moralisch völlig erschöpft." Damals wurde auch bekannt, dass sie an Hepatitis B und an der Tropenkrankheit Leishmaniose leide. Pérez beschrieb Betancourt als stets freundlich und hilfsbereit. Als er im September 2008 zusammen mit der befreiten Betancourt in Madrid sein Buch über die Geiselhaft bei den Farc vorstellte, weinten beide, sobald sie sich an konkrete Erlebnisse erinnerten. Ingrid bekannte, dass ihr "Herz noch immer an einen Baum im Urwald gefesselt" sei. Und für Pérez fand sie besonders warmherzige Worte: "Er war meine Familie im Urwald."

          Betancourts Ehemann Lecompte dürfte diese Worte als schrillen Missklang wahrgenommen haben. Aber er musste wie viele andere Familienangehörige von Entführten einsehen, dass sich in der langjährigen Geiselhaft die Persönlichkeit verändert. Die Amerikaner schildern Betancourt ganz anders als der liebevoll um sie bemühte Pérez. Sie sei herrschsüchtig, arrogant und egoistisch gewesen, berichteten sie zur Überraschung der Öffentlichkeit. Sie habe sie bei den Wächtern der Guerrilla als CIA-Agenten angeschwärzt und sie damit in Gefahr gebracht, behaupten die Amerikaner. Außerdem habe sie versucht, bei der Essenszuteilung den Löwenanteil für sich zu ergattern. Als sie nach ihrer Entführung in das gleiche Lager gebracht wurden, in dem Betancourt gefangen gehalten wurde, habe sie sich beschwert, weil das Camp bereits voll sei. Über das Auftreten Betancourts beschwerte sich sogar der Farc-Anführer Raúl Reyes. Entsprechende Bemerkungen sind in den Computern gefunden worden, die nach dem Angriff auf sein Camp in Ecuador vor einem Jahr sichergestellt wurden. Bei dem Angriff kam Reyes ums Leben.

          Der Noch-Ehemann Lecompte hatte schon als Mitgründer der - politisch unbedeutenden - Partei "Grüner Sauerstoff" als PR-Mann originelle Slogans für Betancourt konzipiert. Bei fast allen öffentlichen Aktionen, bei denen auf das Geiselschicksal Betancourts aufmerksam gemacht wurde, war er treibende Kraft. Auch er verbreitete die Kunde, dass seine Frau todkrank sei. Er ließ über der Urwaldgegend, in der er sie vermutete, von einem Flugzeug aus 22 000 Fotos von Betancourts beiden Kindern abwerfen, die nicht einmal seine eigenen waren. Sie stammten aus der ersten, 1990 geschiedenen Ehe Betancourts mit dem französischen Diplomaten Fabrice Delloye, der bei illustren Politikern und Staatsmännern immer wieder Druck zu machen versuchte, dass sie sich für die Freilassung seiner früheren Gattin einsetzten.

          Beide Ehemänner haben dazu beigetragen, dass der Entführungsfall weltweit publik und Betancourt als Symbolfigur für alle in Kolumbien Entführten wahrgenommen wurde. Wegen der engen Bindungen der Familie nach Frankreich war dabei Paris besonders wichtig. Umso größer war die Enttäuschung Lecomptes, als seine Frau am Befreiungstag keine anerkennenden Worte für seinen Einsatz fand, ihn kühl und formell begrüßte. Als er dann auch noch von ihrer Kumpanei mit dem Mitgefangenen Pérez erfuhr, beschloss Lecompte, auf das Scheidungsbegehren Betancourts mit der Gegenklage zu antworten. Er will wenigstens seine "Würde" wiederhergestellt wissen.

          Während Betancourts Ehe in die Brüche ging, ist es der Frau von Eladio Pérez gelungen, das Ehebündnis zu retten. Sie hat ihm den Seitensprung mit Betancourt verziehen. Und Betancourt? Sie ist abgetaucht und schweigt einstweilen. Aber sie schreibt. In einem Buch über ihre Gefangenschaft wird sie ihren Männern ihr Verhalten vielleicht erklären.

          Topmeldungen

          Test für Reiserückkehrer im rheinland-pfälzischen Bitburg

          Kritik an Risikogebieten : Zahl der Neuinfizierten abermals über 1000

          Die Zahl der Corona-Neuinfektionen bleibt weiter vierstellig. Zugleich übt der Deutsche Hausärzteverband Kritik an pauschalen Risikogebieten. „Wahnwitzig“ sei auch, dass Ärzte Hotelbuchungen von Reiserückkehrern kontrollieren sollen.