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: Die Nächstenliebe in Dresden

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Noch vor dem Eröffnungsgottesdienst und dem Abend der Begegnung bricht der Verkehr in Dresden zusammen. Das ist zwar nicht überraschend, aber für die Stadt doch ungewöhnlich. Alle Brücken über die Elbe sind verstopft oder gesperrt.

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          Noch vor dem Eröffnungsgottesdienst und dem Abend der Begegnung bricht der Verkehr in Dresden zusammen. Das ist zwar nicht überraschend, aber für die Stadt doch ungewöhnlich. Alle Brücken über die Elbe sind verstopft oder gesperrt. Für die, die in den Staus stecken, gibt es keinen Weg heraus, und so dauert der Wechsel von der Altstädter und Neustädter Seite bis zu anderthalb Stunden. Was macht man, wenn man im Stau steckt und sich ärgert? Mangels Gesprächspartnern twittert und facebookt man übers Handy und lässt Dampf ab. Erstaunliches tritt dabei zutage. Wenn man den verständlichen Ärger abzieht, werden handfeste Ressentiments sichtbar. Einer sieht Dresden von den Christen besetzt und wünscht sie zum Teufel. Eine Mutter gibt ihnen die Schuld dafür, dass ihre Kinder in der Krippe warten müssen, und nennt das unchristlich. Ein anderer schlägt vor, das Protestantentreffen doch in den Vatikan zu verlegen. Die Empörung bei Facebook ist nur die Spitze eines Eisberges. Zwar hat kaum ein Dresdner etwas gegen die Christen, soll doch jeder nach seiner Fasson selig werden. Aber sie bleiben in der Stadt eine Minderheit, obwohl sie zu hunderttausend auftreten. Wenn sie in dieser Masse den Bewegungsraum der anderen einschränken, wird es schnell grundsätzlich. Was wollen die überhaupt hier?

          P.S.

          ***

          Es ist heiß an diesem Frühsommerabend, und die meisten der Papphocker in Halle 1 des Dresdner Messegeländes sind besetzt. Alte, junge und kleine Kirchentagsbesucher warten auf den Beginn einer "Liturgie in drei Teilen: Die drei Weisen". Diese kommen aus Argentinien, Afghanistan und Liberia. Sie werden von einer Frau hergebracht, die viele hier längst selbst für eine Weise halten: Margot Käßmann, einst hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), nach ihrer Trunkenfahrt erst recht Bestsellerautorin, nun Besuchermagnet auf dem Kirchentag. Die "Liturgie" ist eine Mischung von Weihnachtsliedern, Flöten-, Akkordeon- und Pianoklängen und Texten, die Käßmann verfasst hat. Die Idee der "Liturgie" ist, die Teilnehmenden an dem Schmerz der drei Weisen in deren Heimatländern teilhaben zu lassen, sie auf ihrem "Weg" zu begleiten und später ihr "Geschenk" zu teilen: ein "Friedensmahl". Aber am Anfang steht das Leid. So liest Käßmann mit fester, getragener Stimme vor, wie der kleine Tamba aus Liberia zunächst mit ansehen muss, wie "Soldaten" seinen Vater erschießen, seine Schwester vergewaltigen und seine schreiende Mutter erschießen. Dann hacken sie dem Jungen das rechte Bein ab. Dazu werden Bilder von Kindersoldaten an eine Leinwand projiziert. Zu Käßmanns Geschichte vom kleinen Samir aus Kundus sind es Bilder der ausgebrannten Tanklastwagen, bei deren Bombardierung der Vater und die beiden Brüder des Jungen umkamen. Juanita aus Buenos Aires sucht ihre Tochter Eva, die in der Militärdiktatur verschwand und, berichtet Käßmann, wohl vergewaltigt und ermordet wurde. Nach jeder Geschichte sind die Besucher in Halle 1 geladen, zu sphärischen Klängen aufzustehen und ihre individuelle "Trauergebärde" zu finden, um den Schmerz der Opfer nachzuempfinden; manche halten die Arme in die Höhe, anderen lassen sie hängen, manche blicken betroffen nach oben, andere nach unten. Die Idee ist so alt wie die griechische Tragödie: Der Besucher durchlebt Leid und Rührung, Schrecken und Schauder, wird so von ebenjenen Erregungszuständen gereinigt, geläutert. Hier in der Messehalle haben drei Opfer von Krieg, Folter und Verfolgung die Funktion, deutschen Protestanten und Sinnsuchern Schauer über den Rücken zu jagen und sie so von eigenem Leid zu erlösen. Danke, Juanita, Tamba und Samir. Danke, Margot.

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