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: Die Militärs sind überrumpelt

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Rangun. In der Dagon Thwin Street, Nummer drei, hängt Wäsche von den Balkonen, nicht anders als bei Nummer zwei und vier. Die meisten Ranguner laufen daher achtlos an der Mietskaserne vorbei, in der das wohl ungeheuerlichste Projekt ...

          Von Jochen Buchsteiner

          Rangun. In der Dagon Thwin Street, Nummer drei, hängt Wäsche von den Balkonen, nicht anders als bei Nummer zwei und vier. Die meisten Ranguner laufen daher achtlos an der Mietskaserne vorbei, in der das wohl ungeheuerlichste Projekt der vergangenen zwanzig Jahre vorbereitet wird: eine Kandidatur gegen die Militärjunta.

          Im Treppenhaus breitet sich im ersten Stock ein Meer von Gummilatschen aus. Die Tür öffnet sich zu einer engen Dreizimmerwohnung, in der zwei Dutzend Menschen warten, arbeiten und debattieren. Im Nebenzimmer geht gerade die Sitzung des "Exekutivkomitees" zu Ende; durch einen Spalt sieht man fünf Parteimitglieder, die dem Vorsitzenden Than Nyein beim Schreiben über die Schulter schauen und Kommentare abgeben. "Die Wohnung gehört eigentlich meiner Schwester", sagt Than Nyein und lacht. Es habe eines Machtworts seiner Mutter bedurft, bevor die Schwester der neuen Partei Platz machte.

          Politik ist in Burma noch immer eine Familiensache. Sie ist zugleich das härteste Geschäft, das das Land zu bieten hat. Than Nyein bittet den Besuch in den Besprechungsraum, ein karges Zimmer mit einer Sitzecke aus Kunstleder, und lässt den Generator anwerfen. Das Licht leuchtet auf, ein Ventilator wird hereingetragen. "Wir haben für dieses Land mehr gegeben, als wir geben konnten", sagt Than Nyein, der elf Jahre im Gefängnis saß, weil er ausländische Zeitungen gelesen hatte. Würde diese Wahl ein weiteres Mal von der Junta ihres Sinnes beraubt und gefälscht oder annuliert, dann hülfe nur noch eine internationale Intervention, sagt er düster.

          Aber so weit ist es nicht. Than Nyein blickt der Parlamentswahl, die noch in diesem Jahr stattfinden soll, mit Erwartungen entgegen, ja sogar mit Hoffnung. So groß ist sie, dass er dafür der Ikone der burmesischen Demokratiebewegung die Treue aufgekündigt hat. Denn Frau Aung San Suu Kyi, die unter Hausarrest stehende Chefin der "National League for Democracy" (NLD), hatte sich im Mai für einen Wahlboykott ausgesprochen. Als die Partei mehrheitlich dem Votum der "Lady" folgte, verließ Than Nyein Burmas bekannteste Oppositionspartei und gründete mit sechzehn Abtrünnigen die "National Democratic Force" (NDF). Than Nyein wollte an der Wahl teilnehmen.

          Es ist das erste große Schisma in der Demokratiebewegung, und die Qual seiner Entscheidung ist Than Nyein noch immer anzumerken. "Es ist ziemlich schwierig, wenn einem von alten Freunden Verrat vorgehalten wird", sagt er. "Aber ich bin kein Verräter - ich kenne nur meine Pflicht." Wie könnte er sein Leben der Demokratie widmen, fragt er, wenn er jetzt, da es erstmals einen Zipfel zu greifen gebe, die Chance verstreichen lasse? Und dann sagt er diesen Satz, den man derzeit in so vielen Variationen hören kann: "Wenn wir nicht zur Wahl gehen, wird alles bleiben, wie es ist - wenn wir hingehen, wird sich vielleicht ein bisschen verändern."

          In Burma ist etwas in Bewegung geraten. Die Wahl - von der "Lady" verspottet, vom Westen mit Misstrauen beäugt - hat überraschende Aktivität und unerwartete Zuversicht hervorgerufen. Mehr als vierzig Parteien haben sich in den vergangenen Wochen registrieren lassen. Mit dem schlauen Pragmatismus, der oft in Diktaturen heranreift, wollen die Menschen aus dem Türchen, das ihnen die Generäle geöffnet haben, ein breites Tor machen.

          Ma Thanegi gehörte zu jenen, die Ende der achtziger Jahre für Demokratie demonstrierten, die Wahlen gewannen und danach eingesperrt wurden. Sie war in diesen dramatischen Jahren persönliche Beraterin der "Lady" und spricht noch immer mit Achtung über sie. Aber Ma Thanegi, die sich seither als Buchautorin durchschlägt, gehörte auch zu den Ersten, die Zweifel am kompromisslosen Kurs der Frau Suu äußerte. Ende der neunziger Jahre schrieb sie einen beachteten Aufsatz in der Hongkonger Zeitschrift "Far Eastern Economic Review", in dem sie den Westen dazu aufrief, Burma nicht länger wie ein "Märchenland" zu betrachten. In der Fixierung auf die gute Dame und die bösen Generäle drohe der traurige Alltag der Bürger aus den Augen zu geraten, argumentierte sie und sprach sich gegen Isolation und Sanktionen aus. Ihre Geringschätzung der Generäle hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert, aber die kleine Chance, die sie jetzt bieten, will sie nutzen. "Was ist die Alternative?", fragt sie und antwortet sich selbst: "Etwas ist doch besser als nichts!"

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