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: Die Botschaft aus den Bergen Kolumbiens

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Bogotá. Die flotte Art, mit der Frankreichs Präsident Sarkozy ein Flugzeug mit medizinischem Personal schnell mal nach Kolumbien geschickt hat, um Ingrid Betancourt in der Geiselhaft behandeln zu lassen, musste auf das Unverständnis ...

          3 Min.

          Von Josef Oehrlein

          Bogotá. Die flotte Art, mit der Frankreichs Präsident Sarkozy ein Flugzeug mit medizinischem Personal schnell mal nach Kolumbien geschickt hat, um Ingrid Betancourt in der Geiselhaft behandeln zu lassen, musste auf das Unverständnis der Anführer der ältesten und noch immer größten Guerrilla des Landes, der "Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (Farc), stoßen. Obwohl immer mehr in die Enge getrieben, lassen sie sich viel Zeit, und auf Druck von außen reagieren sie schon gar nicht. Sarkozy hatte offenbar sogar die Hoffnung gehegt, dass die Mediziner die Patientin gleich ins Flugzeug packen und nach Frankreich hätten ausfliegen können. Und das, ohne vorher auch nur die kleinste entgegenkommende Geste der Guerrilla erhalten zu haben. Da musste das ganze Unternehmen scheitern.

          Nach diesem jüngsten zwar ehrenwerten, aber unüberlegten und überstürzten Versuch, die frühere Präsidentschaftskandidatin freizubekommen, ist Frankreich als Vermittler erst einmal wieder aus dem Spiel - aber nicht ganz draußen. Noch ist nicht klar, ob der Tod des Farc-Sprechers Raúl Reyes, der fast alle Fäden in der Hand hielt, die Bemühungen um die Freilassung der noch von den Farc festgehaltenen Geiseln eher erleichtert oder erschwert. Praktisch seit Reyes, der eigentlich Luis Edgar Devia hieß, am 1. März auf ecuadorianischem Gebiet von kolumbianischen Einsatzkräften getötet wurde - mutmaßlich mit Hilfe amerikanischer Logistik inklusive "intelligenter" Waffen -, haben die Farc geschwiegen. Das konnte man auslegen als Zeichen der Verunsicherung. Aber es lag vielleicht doch nur daran, dass sich die Guerrilla erst einmal von dem schweren Schlag erholen und reorganisieren musste. Raúl Reyes war eine Art Geschäftsführer der Farc und hatte offenbar ein Herrschaftswissen, über das nicht jeder im Führungszirkel verfügte.

          Die Botschaft "aus den Bergen Kolumbiens", mit der die Farc die medizinische Mission Frankreichs etwas gewunden als "nicht statthaft" zurückwiesen, lässt einige Rückschlüsse auf den neuen Führungsstil zu. Nun steht hinter den Kommuniqués nicht mehr nur eine Person, Reyes, sondern das Kollektiv des "Sekretariats des Generalstabs der FARC-EP". Das könnte bedeuten, dass die Guerrilla künftig nicht mehr einzelne ihrer Führer exponieren will, um sie vor Angriffen zu schützen. An den Bedingungen der Farc für einen Austausch der von ihnen Entführten gegen gefangene Guerrilleros hat sich seit Reyes' Tod nichts geändert. Eisern beharren die Farc darauf, dass zwei bestimmte Gemeinden, die für sie von strategischer Bedeutung sind, entmilitarisiert werden müssten, um dort den Austausch zu organisieren. Und ebenso unnachgiebig antwortet darauf die Regierung des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe mit einem "Nein". Aus dem jüngsten Kommuniqué der Farc geht hervor, dass sie fürderhin zu keiner einseitigen Freilassungsgeste mehr bereit sind. Das schließt aber nicht aus, dass sie daran interessiert sein könnten, die noch verbliebenen wenigen zivilen Geiseln möglichst bald loszuwerden.

          Die übrigen der 40 für den "humanitären" Austausch gegen gefangene Guerrilleros vorgesehenen Geiseln sind Militärs und Polizisten. Möglicherweise rechnen sich die Farc aus, dass es von Vorteil für sie sein könnte, nur noch diese militärischen Geiseln festzuhalten, als "Kriegsgefangene", weil sie so leichter die von ihnen ersehnte Anerkennung als "kriegführende Partei" erhalten könnten.

          Aber was ist mit Betancourt? Sie ist mit Abstand die wertvollste Beute der Guerrilla. Die Farc werden alles tun, sich die Herausgabe dieses Kleinods unter den Geiseln so hoch wie möglich entlohnen zu lassen. Ingrid Betancourt wird deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit noch längere Zeit in der Geiselhaft zubringen müssen. Es sei denn, ihr Gesundheitszustand ist tatsächlich so besorgniserregend, dass sie bald sterben könnte. Eine tote Ingrid Betancourt wäre für die Farc das Schlimmste, was ihnen passieren könnte. Dann wäre sie für die Organisation wertlos, schlimmer noch: Dann würden selbst die Sympathisanten, die noch immer glauben, die Farc seien eine humanitäre und nicht eine kriminelle Organisation, endgültig klarsehen. Dann wäre das Kapital, das die Farc anzusammeln versuchen, um als politische Kraft anerkannt zu werden, vollends verspielt.

          Die Nachrichten über den Gesundheitszustand Ingrid Betancourts sind widersprüchlich. Dass sie an Tropenkrankheiten und Depressionen leidet, gilt als sehr wahrscheinlich. Das berichteten auch andere Entführte, die sie in der Geiselhaft gesehen haben. Die letzte Videoaufnahme, die allerdings schon wieder einige Monate alt ist, zeigt sie tatsächlich in einem beklagenswerten Zustand körperlichen Verfalls. Dennoch scheinen die Appelle von Familienmitgliedern, sie zu retten, weil sie dem Tod nahe sei, übertrieben.

          Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die Farc alles tun, um Ingrid Betancourt bei Kräften zu halten. Berichte, wonach sie, bewacht von Hunderten Guerrilleros, in ein ländliches medizinisches Zentrum gebracht worden sei, sind wohl nicht aus der Luft gegriffen. Auch bevor Betancourts Vizepräsidentschaftskandidatin Clara Rojas zusammen mit der früheren Parlamentarierin Consuelo González im Januar als "einseitige Geste" der Farc freigelassen worden war, kursierten Berichte, die beiden Frauen seien gesundheitlich schwer angeschlagen. Tatsächlich erschienen sie auf den ersten Fernsehaufnahmen erstaunlich frisch und gesund.

          Schon in den früheren, noch von Raúl Reyes herausgegebenen Kommuniqués haben die Farc radikal jede Art von medizinischer Betreuung der von ihnen entführten Personen, etwa durch das Rote Kreuz, abgelehnt. Denn auch ihnen kommt es zupass, wenn Nachrichten über den vorgeblich miserablen Gesundheitszustand der Geiseln kursieren. Das erhöht den Druck auf die Regierung Uribe, Zugeständnisse zu machen.

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