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: Neun Wahrheiten über das Altern

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Von Volker StollorzAm Ende kapitulierte auch der Körper von Jiroemon Kimura. Der 116-Jährige galt bis Anfang vergangener Woche als ältester lebender Mensch auf ...

          6 Min.

          Von Volker Stollorz

          Am Ende kapitulierte auch der Körper von Jiroemon Kimura. Der 116-Jährige galt bis Anfang vergangener Woche als ältester lebender Mensch auf Erden. Mehr als fünfzig Jahre lang bezog der bescheidene Japaner aus Kyotango seine Rente als ehemaliger Postbeamter. Kimura war einer der Letzten, die noch im 19. Jahrhundert das Licht der Welt erblickt hatten. Der nach offiziellen Angaben 1897 Geborene starb eines „natürlichen Todes“, hieß es. Den bisherigen Weltrekord im Club der Greise stellte die Französin Jeanne Calment auf, die 1997 im Alter von 122 starb.

          Extreme Langlebigkeit fasziniert. Zumal, wenn Hochbetagte wie Kimura nicht nur steinalt werden, sondern auch erleben dürfen, was Mediziner „Healthy Aging“ nennen. Jahrelanges Siechtum bleibt ihnen erspart. Woran das liegt, versuchen Wissenschaftler mit modernen molekularen Werkzeugen herauszufinden. Meist am Beispiel von Modellorganismen wie Fadenwürmern, Fruchtfliegen oder Mäusen, bei denen sich die komplexen biologischen Prozesse der Alterung einfacher studieren lassen als beim vergleichsweise langlebigen Menschen. Der Schlüssel zur Unsterblichkeit wurde dabei noch nicht gefunden. „Wir können die Lebensspanne einer Labormaus maximal verdoppeln“, sagt zum Beispiel Sebastian Grönke, der im Neubau des Kölner Max-Planck-Instituts für die Biologie des Alterns als Postdoktorand das Leben von Fliegen und Mäusen zu verlängern sucht. „Kein Forscher wüsste heute, wie man eine Maus züchtet, die zehn Jahre lebt.“

          Die Natur kann da mehr. Sie hat sehr wohl äußerst langlebige Nagetiere hervorgebracht. Die nicht besonders ansehnlichen Nacktmulle beispielsweise, die in ihren Wohntunneln unter der afrikanischen Savanne im Laufe der Evolution Fell und Augen eingebüßt haben. Als die einzigen staatenbildenden Säugetiere haben sie stattdessen Kasten hervorgebracht. Eine Königin kann bis zu 13 Jahre alt werden, im Labor sogar doppelt so alt. Sie allein zeugt allen Nachwuchs mit wechselnden Männchen. Ihre Untertanen haben es weniger gut, als kurzlebige Arbeiter müssen sie schuften. Im Erbgut ist dieser Unterschied nicht angelegt, dort wurde kein „Methusalem-Gen“ gefunden. Das ist auch nicht zu erwarten, denn das Genom schafft nur eine Art Möglichkeitsraum, der verlängerte Lebensspannen unter idealen Bedingungen erlaubt.

          Das Altern scheint ein unvermeidbarer Vorgang, der irgendwann an sein Ende kommt. Was aber treibt ihn voran? Ist es der körperliche Verschleiß? Raffen uns die Schäden dahin, die sich in den Körperzellen häufen? Verbirgt sich dahinter ein evolutionäres Programm? Wie soll man erklären, dass dicke Mäuse in der Regel früher sterben als dünne, große Tiere wie Wale oder Elefanten aber länger leben als kleine?

          Eine Schwierigkeit, dem Rätsel des Alterns auf die Schliche zu kommen, besteht darin, dass Altersforschung selbst sehr viel Zeit braucht. Meldet ein Forscher in einem Fachartikel, dass eine Maus mit einer bestimmten Mutation immerhin drei statt nur zwei Jahre lebt, kann er mit dieser Erkenntnis anschließend weitere drei Jahre von Kongress zu Kongress tingeln, bis die Kollegen sein Experiment wiederholt und womöglich widerlegt haben. Bei Versuchen mit Affen geht schon mal ein ganzes Forscherleben dahin, was zur Flut der Theorien über das Altern beigetragen haben mag.

          Nicht leicht zu kontrollieren sind auch die vielen Faktoren, die Einfluss nehmen auf die erreichte Lebensspanne. Der Homo sapiens etwa konnte dank medizinischen und technischen Fortschritts seine Lebenserwartung allein in den vergangenen hundert Jahren verdoppeln. Ein Viertel der heute in Deutschland geborenen Mädchen hat nach Ansicht von Experten die statistische Chance, 2113 den hundertsten Geburtstag zu feiern.

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