https://www.faz.net/-gmg-7ill0

Mein Jahr in der Politik : Scheitern als Chance

  • -Aktualisiert am

Es geht zur Wahl: Peer Steinbrück am 22. September 2013 Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Man kann viel lernen, wenn man den Wahlkampf des Kandidaten begleitet. Über die Sozialdemokratische Partei. Über die Wähler. Und über eine Öffentlichkeit, die kaum versteht, dass sich irgendwer für einen potentiellen Verlierer interessieren könnte.

          6 Min.

          Eine Szene wie im Traum: Ich durchstreife mit Personenschützern und Mitarbeitern der SPD das Kellergeschoss eines Saarbrücker Altenheims, hektisch suchend. Wir öffnen eine Tür und entdecken einen Fitnessraum, er ist leer. Wir öffnen eine weitere Tür: Die Heizung. Daneben ist ein winziger Friseursalon. Jetzt ist es dort ruhig, aber einige Stunden zuvor war der Andrang groß, sogar eine Aushilfe hatte man verpflichten müssen.

          Keine der in der Einrichtung residierenden Damen wollte dem Besucher unfrisiert gegenübertreten. Und er ist es auch, den wir gerade suchen: Der Mann, der die mächtigste Frau der Welt von ihrem Amt ablösen möchte, der Hoffnungsträger der europäischen Sozialdemokraten, Kanzlerkandidat der SPD, ist mitten im Besuch verschwunden.

          Es herrscht immer ein irrsinniges Tempo bei solchen Terminen, er ist vor uns um eine Ecke gebogen und nun? Seine Büroleiterin öffnet ratlos Türen, von denen Flure mit weiteren Türen abgehen. Schließlich ist es die letzte und unscheinbarste Tür, aus der nicht der geringste Lärm dringt, hinter der wir ihn entdecken. Es ist der Bastelraum.

          Der harte Kern der saarländischen Genossen

          Peer Steinbrück sitzt an einem großen Tisch und sieht geduldig den Damen beim Malen und Handarbeiten zu. Er agitiert nicht für die SPD, sondern amüsiert sie durch selbstironische Bemerkungen. Sie lachen. Er wirkt, als wolle er jedes Kanzlerkandidat-im-Altenheim-Klischee vermeiden. Aber ob er auf diese Art Stimmen holt?

          Bill Clinton hätte hier alle so intensiv charmiert, dass noch die Kinder, Enkel und Urenkel für ihn gestimmt hätten. Steinbrück verweilt bei den Schachspielern und kommentiert leise ihr Spiel. Am frühen Abend gab es noch eine kleine Wahlveranstaltung, zu der der harte Kern der saarländischen Genossen erschien. Ein seltsamer Mann hatte nach der geheimen Bedeutung der Kondensstreifen am Himmel gefragt, sonst keine nennenswerten Vorkommnisse. Und das war in diesem Wahlkampf eine gute Nachricht.

          Es gab auch Montage, an denen man ihm übers Wochenende eine Stasigeschichte anhängen wollte, an denen der Parteivorsitzende ein, sagen wir mal: interpretationsbedürftiges Interview gab und führende Figuren der Grünen im „Spiegel“ den Charme von Schwarzgrün beschrieben. Dagegen war der Tag in Saarbrücken geradezu idyllisch zu nennen. Anschließend saßen wir bei dem zusammen, was im Wahlkampf so als Abendessen durchgehen muss: Ungetoastetes Toastbrot mit Salami und Mayonnaise, an den Rändern schon leicht gewölbt. Steinbrück schwieg viel und erzählte wehmütig von seinen Kindern. Einer seiner Mitarbeiter sagte: „Morgen, Peer, sind wir hier weg.“

          Enorm anstrengend, unnötig brutal, wahnsinnig trist

          Ein Jahr lang habe ich Peer Steinbrück begleitet, um Material für ein Buch („Der Zirkus“, erscheint nächste Woche bei S. Fischer) zu sammeln. Drei ganz einfache Dinge habe ich über Bundespolitik gelernt, Dinge, die ich bis dahin nur aus einer ferneren Perspektive kannte: Sie ist körperlich enorm anstrengend. Sie ist unnötig brutal. Und oft wahnsinnig trist.

          Keinen Satz habe ich im Laufe dieses Jahres öfter gehört als „So etwas habe ich noch nicht erlebt!“ Es schien alles wie verhext und ganz anders als in den Leitartikeln, Büchern und Fernsehserien über die hohe Politik, wie „West Wing“ oder „Borgen“, in denen es immer um klare moralische Fragen geht; in denen talentierte Akteure feinsinnige Manöver aushecken und weitgehend fehlerfrei durchführen.

          In der Partei, auf die ich den Fokus gelegt hatte, die SPD, häuften sich Fehlleistungen, Misskommunikation und schlichte Pannen wie unter dem Fluch eines exotischen Trickster-Geistes. Ich bin kein Pedant. Überall, auch bei großen Zeitungen, passieren mal Fehler, aber hier häuften sie sich in einer von mir nicht gekannten Weise.

          Ein Symbol dafür war eine kleine Begebenheit eines Morgens, als eine Mitarbeiterin des Willy-Brandt-Hauses mich eilig in der Frühe auf dem Mobiltelefon anrief. Ich rief zurück und erfuhr, dass man mal meine E-Mail-Adresse brauche. Ich wollte nicht antworten, dass die doch seit längerem ihren Kolleginnen und Kollegen eine Tür weiter vorliegt, sondern buchstabierte sie noch einmal brav. Die Dame sagte dann, ich müsse bitte sofort in mein Postfach sehen, man würde sofort eine wichtige Nachricht schicken. Die kam auch umgehend, sie war sehr kurz: Ich möge bitte meine Handynummer mitteilen, falls man mich mal dringend erreichen müsse. Eben jene Nummer also, die wenige Stunden zuvor so frenetisch angerufen worden war.

          Diese Magentawurst im lauen Wind

          So etwas passierte oft. Das Leitfossil für dieses Phänomen wurde für mich bald die sogenannte Dialog-Box. Das waren heliumgefüllte Plastiksäulen von der Konsistenz und Farbe mannshoher Cocktailwürstchen, die - kein Mensch weiß, warum - diesen Schriftzug „Dialog Box“ trugen. Auf ihnen war noch ein billiger Wechselrahmen mit oft schwarz-weißem Poster von Steinbrück angebracht, damit ja niemand auf die Idee käme, die SPD meinte es mit diesem Kandidaten ernst.

          Doch das Ding war weder eine Schachtel, noch bot es sonst irgendeine kommunikative oder interaktive Vorrichtung. Es stand einfach nur so herum, überall, wo Steinbrück hinkam, schaukelte schon diese Magentawurst im lauen Wind, ein Symbol für die mangelnde Durchdachtheit der gesamten Unternehmung. Und dieser Befund galt ebenso für das Wahlprogramm, das ich intensiver studiert habe, als man es vielleicht sollte, aber auch für den Slogan, den Spot. Ich wollte es aber nicht bloß kritisieren, sondern habe auch geschrieben, wie man es vielleicht anders hätte machen können.

          Ich reiste mit Peer Steinbrück durch europäische Hauptstädte und die deutsche Provinz, sah ihn im kleinen Kreis und im großen, früh am Tag und spät in der Nacht. Und nur ein einziges Mal in dem ganzen Jahr sah ich ihn glücklich. Eine detaillierte Abmachung oder ein großes Prozedere für das Buch, was ich darin verwenden durfte und was nicht, hatten wir nicht. Sein Wahlkampfleiter Heiko Geue sagte nur: „Schreiben Sie es halt so, dass Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können.“

          Missetaten gesucht, nicht fündig geworden

          Bis zur Drucklegung hatte außerhalb des Verlags niemand eine Ahnung, was ich schreiben würde. Seltsam war die Reaktion vieler Zeitgenossen, denen ich von dem Vorhaben erzählte. Vielen war es unbegreiflich, dass man ein ganzes Buch über jemanden schreibt, der wahrscheinlich nicht gewinnt.

          Das scheint die zeitgemäße Haltung zu sein: Immer schön auf Seiten der Sieger stehen. Anhänger des dominierenden Fußballvereins sein, Fan der ewigen Kanzlerin und voller Inbrunst verkünden, was ohnehin alle schreiben - das verschafft offenbar eine gewisse Sicherheit in unübersichtlichen Zeiten. Dass auch das Scheitern eine Lehre bereithalten kann, dass es sich lohnt, über „the road not taken“ nachzudenken, dabei können viele nicht mehr folgen, weil sie schon in Schule und Studium gelernt haben, dass das Heil in der Affirmation liegt und darin, das Bestehende zu optimieren.

          Die Medien operieren nach einer ähnlichen Logik und verstärken diesen Trend. Als wir mit Steinbrück in Athen eine soziale Einrichtung für die Armen besuchten, erkundigte sich ein Kollege direkt bei den mitreisenden BKA-Beamten nach den Kosten für den Schutz von Steinbrück im Ausland. Ich erwartete täglich einen Artikel mit dem Tenor, dass es sich doch gar nicht lohne, eine demokratische Alternative zur Kanzlerin aufzustellen, Merkel bleibe doch eh, dieser Wahlkampf sei Verschwendung. Wie zur Strafe wurde Steinbrück oft als ein einziges Ärgernis beschrieben. Man exotisierte ihn, suchte von der Stasinähe zur Schwarzarbeit alle möglichen Missetaten, ohne fündig zu werden.

          Warum die Hauptstadtpresse so aggressiv war

          Oft, an langen Abenden mit der Hauptstadtpresse, wo Steinbrück von der Bahncardnutzung über seine Schlafgewohnheiten zu allem möglichen befragt wurde, erwartete ich die Frage, ob er in seiner studentischen Wohngemeinschaft auch das Radio angemeldet hatte. Es war ein Spiel. Man würde ihn solange fragen, bis er genervt etwas Unfreundliches sagte, eine noch so geringe Verfehlung zugäbe oder sich in eine Ecke manövrierte.

          Mit den Problemen der Zeit würde es nichts zu tun haben, denn wie der Steinbrück so im Innersten ist, sagt kaum etwas darüber aus, ob seine Vorschläge vielleicht zu einer Entspannung der Lage der Menschen in Südeuropa beitragen könnten. Die meisten Kollegen hatten auch gar nichts gegen ihn als Person oder gegen die SPD: dass er ein möglicher Loser war, das machte sie aggressiv. Mit der Kanzlerin würden sie genauso verfahren - sobald sie Schwäche zeigte.

          In Wahrheit konnten wir an diesem Wahlkampf ein Zeichen für die langfristige Veränderung unserer politischen Kultur erkennen. Denn dass der Wahlkampf der Sozialdemokraten so gar nicht zündete, das lag an allem möglichem, aber an einem nicht: ihren politischen Angeboten. Sie werden, vom Mindestlohn über Steuererhöhungen für Reiche für Infrastrukturmaßnahmen und Mietpreisbremse, von den Menschen gewollt; sie werden die Politik der nächsten Bundesregierung prägen.

          Wege, die in die Überforderung führen

          Der Bundestagswahlkampf war nicht, was er nach dem Politikunterricht sein sollte, ein Wettbewerb der politischen Konzepte. Es wurden ganz andere Fragen und Komplexe verhandelt, die eher in den Bereich der Sozialpsychologie fallen als in den der Politikwissenschaft. Nach all den Jahren der Krise sind die Leute erschöpft. Sie fühlen sich wie im Hamsterrad und bekommen für ihre Mühen einen immer kärglicheren Lohn. Sie verfolgen private Strategien gegen kommende Krisen, setzen auf Immobilien, eine Umschulung oder noch mehr Arbeit, aber auch diese Wege führen in die Überforderung.

          In den anderen europäischen Ländern wütet die Austerität, das schüchtert auch hier die Menschen ein. All die Konzepte, die mehr Teilhabe, mehr bürgerliches Engagement, mehr Diskurs versprechen und verlangen, sie wurden als Zumutung aufgefasst. Es war, als ob man einem Depressiven zur Aufmunterung einen Marathonlauf empfiehlt. Es gibt in Deutschland eine Sucht nach Harmonie und Beständigkeit, aber ob die Vermeidung von Risiko und Debatte und die Strategie, immer alles auf den Favoriten zu setzen, uns zum erwünschten Ziel führen?

          An den Bundestagwahlkampf 2013 erinnern sich schon jetzt nur noch wenige, verträumte Zeitgenossen, die blinzelnd fragen, was das eigentlich war. Eines sicher nicht: ein gutes Zeichen.

          Topmeldungen

          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Die Grünen : Was das Klima kostet

          Den Grünen wird immer wieder vorgeworfen, mit ihrem Programm vor allem diejenigen anzusprechen, denen es nichts ausmacht, tiefer in die Tasche zu greifen. Fest steht: In höheren sozialen Schichten sind sie besonders erfolgreich.
          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.