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Mein Jahr in der Politik : Scheitern als Chance

  • -Aktualisiert am

Es geht zur Wahl: Peer Steinbrück am 22. September 2013 Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Man kann viel lernen, wenn man den Wahlkampf des Kandidaten begleitet. Über die Sozialdemokratische Partei. Über die Wähler. Und über eine Öffentlichkeit, die kaum versteht, dass sich irgendwer für einen potentiellen Verlierer interessieren könnte.

          Eine Szene wie im Traum: Ich durchstreife mit Personenschützern und Mitarbeitern der SPD das Kellergeschoss eines Saarbrücker Altenheims, hektisch suchend. Wir öffnen eine Tür und entdecken einen Fitnessraum, er ist leer. Wir öffnen eine weitere Tür: Die Heizung. Daneben ist ein winziger Friseursalon. Jetzt ist es dort ruhig, aber einige Stunden zuvor war der Andrang groß, sogar eine Aushilfe hatte man verpflichten müssen.

          Keine der in der Einrichtung residierenden Damen wollte dem Besucher unfrisiert gegenübertreten. Und er ist es auch, den wir gerade suchen: Der Mann, der die mächtigste Frau der Welt von ihrem Amt ablösen möchte, der Hoffnungsträger der europäischen Sozialdemokraten, Kanzlerkandidat der SPD, ist mitten im Besuch verschwunden.

          Es herrscht immer ein irrsinniges Tempo bei solchen Terminen, er ist vor uns um eine Ecke gebogen und nun? Seine Büroleiterin öffnet ratlos Türen, von denen Flure mit weiteren Türen abgehen. Schließlich ist es die letzte und unscheinbarste Tür, aus der nicht der geringste Lärm dringt, hinter der wir ihn entdecken. Es ist der Bastelraum.

          Der harte Kern der saarländischen Genossen

          Peer Steinbrück sitzt an einem großen Tisch und sieht geduldig den Damen beim Malen und Handarbeiten zu. Er agitiert nicht für die SPD, sondern amüsiert sie durch selbstironische Bemerkungen. Sie lachen. Er wirkt, als wolle er jedes Kanzlerkandidat-im-Altenheim-Klischee vermeiden. Aber ob er auf diese Art Stimmen holt?

          Bill Clinton hätte hier alle so intensiv charmiert, dass noch die Kinder, Enkel und Urenkel für ihn gestimmt hätten. Steinbrück verweilt bei den Schachspielern und kommentiert leise ihr Spiel. Am frühen Abend gab es noch eine kleine Wahlveranstaltung, zu der der harte Kern der saarländischen Genossen erschien. Ein seltsamer Mann hatte nach der geheimen Bedeutung der Kondensstreifen am Himmel gefragt, sonst keine nennenswerten Vorkommnisse. Und das war in diesem Wahlkampf eine gute Nachricht.

          Es gab auch Montage, an denen man ihm übers Wochenende eine Stasigeschichte anhängen wollte, an denen der Parteivorsitzende ein, sagen wir mal: interpretationsbedürftiges Interview gab und führende Figuren der Grünen im „Spiegel“ den Charme von Schwarzgrün beschrieben. Dagegen war der Tag in Saarbrücken geradezu idyllisch zu nennen. Anschließend saßen wir bei dem zusammen, was im Wahlkampf so als Abendessen durchgehen muss: Ungetoastetes Toastbrot mit Salami und Mayonnaise, an den Rändern schon leicht gewölbt. Steinbrück schwieg viel und erzählte wehmütig von seinen Kindern. Einer seiner Mitarbeiter sagte: „Morgen, Peer, sind wir hier weg.“

          Enorm anstrengend, unnötig brutal, wahnsinnig trist

          Ein Jahr lang habe ich Peer Steinbrück begleitet, um Material für ein Buch („Der Zirkus“, erscheint nächste Woche bei S. Fischer) zu sammeln. Drei ganz einfache Dinge habe ich über Bundespolitik gelernt, Dinge, die ich bis dahin nur aus einer ferneren Perspektive kannte: Sie ist körperlich enorm anstrengend. Sie ist unnötig brutal. Und oft wahnsinnig trist.

          Keinen Satz habe ich im Laufe dieses Jahres öfter gehört als „So etwas habe ich noch nicht erlebt!“ Es schien alles wie verhext und ganz anders als in den Leitartikeln, Büchern und Fernsehserien über die hohe Politik, wie „West Wing“ oder „Borgen“, in denen es immer um klare moralische Fragen geht; in denen talentierte Akteure feinsinnige Manöver aushecken und weitgehend fehlerfrei durchführen.

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