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Mein Jahr in der Politik : Scheitern als Chance

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Die Medien operieren nach einer ähnlichen Logik und verstärken diesen Trend. Als wir mit Steinbrück in Athen eine soziale Einrichtung für die Armen besuchten, erkundigte sich ein Kollege direkt bei den mitreisenden BKA-Beamten nach den Kosten für den Schutz von Steinbrück im Ausland. Ich erwartete täglich einen Artikel mit dem Tenor, dass es sich doch gar nicht lohne, eine demokratische Alternative zur Kanzlerin aufzustellen, Merkel bleibe doch eh, dieser Wahlkampf sei Verschwendung. Wie zur Strafe wurde Steinbrück oft als ein einziges Ärgernis beschrieben. Man exotisierte ihn, suchte von der Stasinähe zur Schwarzarbeit alle möglichen Missetaten, ohne fündig zu werden.

Warum die Hauptstadtpresse so aggressiv war

Oft, an langen Abenden mit der Hauptstadtpresse, wo Steinbrück von der Bahncardnutzung über seine Schlafgewohnheiten zu allem möglichen befragt wurde, erwartete ich die Frage, ob er in seiner studentischen Wohngemeinschaft auch das Radio angemeldet hatte. Es war ein Spiel. Man würde ihn solange fragen, bis er genervt etwas Unfreundliches sagte, eine noch so geringe Verfehlung zugäbe oder sich in eine Ecke manövrierte.

Mit den Problemen der Zeit würde es nichts zu tun haben, denn wie der Steinbrück so im Innersten ist, sagt kaum etwas darüber aus, ob seine Vorschläge vielleicht zu einer Entspannung der Lage der Menschen in Südeuropa beitragen könnten. Die meisten Kollegen hatten auch gar nichts gegen ihn als Person oder gegen die SPD: dass er ein möglicher Loser war, das machte sie aggressiv. Mit der Kanzlerin würden sie genauso verfahren - sobald sie Schwäche zeigte.

In Wahrheit konnten wir an diesem Wahlkampf ein Zeichen für die langfristige Veränderung unserer politischen Kultur erkennen. Denn dass der Wahlkampf der Sozialdemokraten so gar nicht zündete, das lag an allem möglichem, aber an einem nicht: ihren politischen Angeboten. Sie werden, vom Mindestlohn über Steuererhöhungen für Reiche für Infrastrukturmaßnahmen und Mietpreisbremse, von den Menschen gewollt; sie werden die Politik der nächsten Bundesregierung prägen.

Wege, die in die Überforderung führen

Der Bundestagswahlkampf war nicht, was er nach dem Politikunterricht sein sollte, ein Wettbewerb der politischen Konzepte. Es wurden ganz andere Fragen und Komplexe verhandelt, die eher in den Bereich der Sozialpsychologie fallen als in den der Politikwissenschaft. Nach all den Jahren der Krise sind die Leute erschöpft. Sie fühlen sich wie im Hamsterrad und bekommen für ihre Mühen einen immer kärglicheren Lohn. Sie verfolgen private Strategien gegen kommende Krisen, setzen auf Immobilien, eine Umschulung oder noch mehr Arbeit, aber auch diese Wege führen in die Überforderung.

In den anderen europäischen Ländern wütet die Austerität, das schüchtert auch hier die Menschen ein. All die Konzepte, die mehr Teilhabe, mehr bürgerliches Engagement, mehr Diskurs versprechen und verlangen, sie wurden als Zumutung aufgefasst. Es war, als ob man einem Depressiven zur Aufmunterung einen Marathonlauf empfiehlt. Es gibt in Deutschland eine Sucht nach Harmonie und Beständigkeit, aber ob die Vermeidung von Risiko und Debatte und die Strategie, immer alles auf den Favoriten zu setzen, uns zum erwünschten Ziel führen?

An den Bundestagwahlkampf 2013 erinnern sich schon jetzt nur noch wenige, verträumte Zeitgenossen, die blinzelnd fragen, was das eigentlich war. Eines sicher nicht: ein gutes Zeichen.

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