https://www.faz.net/-gmg-7ill0

Mein Jahr in der Politik : Scheitern als Chance

  • -Aktualisiert am

In der Partei, auf die ich den Fokus gelegt hatte, die SPD, häuften sich Fehlleistungen, Misskommunikation und schlichte Pannen wie unter dem Fluch eines exotischen Trickster-Geistes. Ich bin kein Pedant. Überall, auch bei großen Zeitungen, passieren mal Fehler, aber hier häuften sie sich in einer von mir nicht gekannten Weise.

Ein Symbol dafür war eine kleine Begebenheit eines Morgens, als eine Mitarbeiterin des Willy-Brandt-Hauses mich eilig in der Frühe auf dem Mobiltelefon anrief. Ich rief zurück und erfuhr, dass man mal meine E-Mail-Adresse brauche. Ich wollte nicht antworten, dass die doch seit längerem ihren Kolleginnen und Kollegen eine Tür weiter vorliegt, sondern buchstabierte sie noch einmal brav. Die Dame sagte dann, ich müsse bitte sofort in mein Postfach sehen, man würde sofort eine wichtige Nachricht schicken. Die kam auch umgehend, sie war sehr kurz: Ich möge bitte meine Handynummer mitteilen, falls man mich mal dringend erreichen müsse. Eben jene Nummer also, die wenige Stunden zuvor so frenetisch angerufen worden war.

Diese Magentawurst im lauen Wind

So etwas passierte oft. Das Leitfossil für dieses Phänomen wurde für mich bald die sogenannte Dialog-Box. Das waren heliumgefüllte Plastiksäulen von der Konsistenz und Farbe mannshoher Cocktailwürstchen, die - kein Mensch weiß, warum - diesen Schriftzug „Dialog Box“ trugen. Auf ihnen war noch ein billiger Wechselrahmen mit oft schwarz-weißem Poster von Steinbrück angebracht, damit ja niemand auf die Idee käme, die SPD meinte es mit diesem Kandidaten ernst.

Doch das Ding war weder eine Schachtel, noch bot es sonst irgendeine kommunikative oder interaktive Vorrichtung. Es stand einfach nur so herum, überall, wo Steinbrück hinkam, schaukelte schon diese Magentawurst im lauen Wind, ein Symbol für die mangelnde Durchdachtheit der gesamten Unternehmung. Und dieser Befund galt ebenso für das Wahlprogramm, das ich intensiver studiert habe, als man es vielleicht sollte, aber auch für den Slogan, den Spot. Ich wollte es aber nicht bloß kritisieren, sondern habe auch geschrieben, wie man es vielleicht anders hätte machen können.

Ich reiste mit Peer Steinbrück durch europäische Hauptstädte und die deutsche Provinz, sah ihn im kleinen Kreis und im großen, früh am Tag und spät in der Nacht. Und nur ein einziges Mal in dem ganzen Jahr sah ich ihn glücklich. Eine detaillierte Abmachung oder ein großes Prozedere für das Buch, was ich darin verwenden durfte und was nicht, hatten wir nicht. Sein Wahlkampfleiter Heiko Geue sagte nur: „Schreiben Sie es halt so, dass Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können.“

Missetaten gesucht, nicht fündig geworden

Bis zur Drucklegung hatte außerhalb des Verlags niemand eine Ahnung, was ich schreiben würde. Seltsam war die Reaktion vieler Zeitgenossen, denen ich von dem Vorhaben erzählte. Vielen war es unbegreiflich, dass man ein ganzes Buch über jemanden schreibt, der wahrscheinlich nicht gewinnt.

Das scheint die zeitgemäße Haltung zu sein: Immer schön auf Seiten der Sieger stehen. Anhänger des dominierenden Fußballvereins sein, Fan der ewigen Kanzlerin und voller Inbrunst verkünden, was ohnehin alle schreiben - das verschafft offenbar eine gewisse Sicherheit in unübersichtlichen Zeiten. Dass auch das Scheitern eine Lehre bereithalten kann, dass es sich lohnt, über „the road not taken“ nachzudenken, dabei können viele nicht mehr folgen, weil sie schon in Schule und Studium gelernt haben, dass das Heil in der Affirmation liegt und darin, das Bestehende zu optimieren.

Topmeldungen

Notlage beim FC Bayern : Wer san mia denn jetzt?

Die Bayern 2019 sind die rätselhaftesten des Jahrzehnts: Sie kassieren frühe Rückstände, verspielen Vorsprünge, verschleudern Chancen, beschenken unterlegene Gegner, und auch das Sieger-Genom wirkt nicht mehr. Was ist nur los?