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: Mach es wie die Machos

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Anita Boujaida greift zu den Kopfhörern, ihr Handy hat geklingelt. Eine Kundin sucht Trost. Sie redet ihr gut zu, während sie ihren Wagen durch den Berufsverkehr lenkt. Der Hund der Kundin hat einen Stein verschluckt und muss operiert werden.

          Anita Boujaida greift zu den Kopfhörern, ihr Handy hat geklingelt. Eine Kundin sucht Trost. Sie redet ihr gut zu, während sie ihren Wagen durch den Berufsverkehr lenkt. Der Hund der Kundin hat einen Stein verschluckt und muss operiert werden. Ein Routineeingriff sei das nur, versucht Anita Boujaida die Anruferin zu beruhigen. Einer habe mal ein Handtuch gefressen und sei deshalb fast vertrocknet. Ein Stein im Magen sei dagegen eine Kleinigkeit, das bekämen die Ärzte schon wieder hin.

          Bei Unfällen und Schlimmerem muss die 31 Jahre alte Offenbacherin Seelentrösterin spielen. "Ich nenne mich Hundetherapeutin, aber eigentlich geht es bei meinem Job darum, das Verhalten der Menschen zu ändern", sagt sie. Tatsächlich sind es vor allem die Hundehalter und nicht die Vierbeiner, die beim Training ins Schwitzen geraten. Mit dem jungen "Frauchen" der Windhündin Nana übt sie eine Stunde lang auf einem Feldweg, wie man richtig Gassi geht: Das Mädchen soll den Hund führen und nicht umgekehrt. Immer wieder muss Anita Boujaida vormachen, wie es richtig geht: Aufrechte Körperhaltung, langsamer Gang, keine hastigen Bewegungen. Und vor allem: Nicht auf das Ziehen an der Leine reagieren.

          "Du musst dich wie ein Rudelführer benehmen. Sonst erkennt der Hund deine Autorität nicht an. Verhalte dich arrogant, sei ein Macho", schärft sie ihrer Kundin ein. Nana muss sich noch an ein Leben in der Stadt gewöhnen, auf Lärm reagiert die grazile Hündin sehr schreckhaft. Die Trainerin hat eine CD mit Simulationen mitgebracht. Damit soll Nanas Besitzerin üben, die Hündin langsam an Geräusche aller Art zu gewöhnen.

          Hausbesuch bei Ciara: Die Mischlingshündin aus Spanien ist erst vor zwei Wochen eingetroffen. Anita Boujaida arbeitet ihren Fragebogen ab. Eine Erstanalyse kann bis zu neunzig Minuten dauern. 45 Euro verlangt die Hundetrainerin dafür. Sie muss viel erklären, denn Ciaras Besitzerin ist unerfahren, will aber alles richtig machen. Wo sie den Hund schlafen lassen solle, wie oft und wie viel sie füttern müsse, ob sie mit ihm joggen dürfe, all das fragt sie. Anita Boujaida antwortet geduldig. Nur einmal schüttelt sie den Kopf: "Joggen, nein." Das sei nicht gut für einen jungen Hund, der noch wachse. Wie sie es Ciara abgewöhnen könne, auf das Sofa zu springen - auch da weiß Anita Rat: Das Sofa mit Alufolie oder einem Staubsauger "unwirtlich" machen. Vor allem aber interessiert die Halterin, wie sie der Hündin möglichst schnell beibringen kann, das Alleinsein zu ertragen. Ciara wurde schon einmal weggegeben, vielleicht reagiert sie deshalb so panisch. Anita Boujaida macht der Kundin Mut. Erst einmal soll das Tier lernen, auf seiner Decke sitzen zu bleiben, wenn das Frauchen es ihr befiehlt. Sie zeigt, wie man dem Tier die richtigen Befehle gibt. Bis zum nächsten Termin soll die Kundin üben, sich bis zur Tür zu entfernen, ohne dass die Hündin ihr folgt.

          Immer wieder muss Anita Boujaida erklären, dass der Hund kein gleichberechtigter Partner sei. Strenggenommen dürfte er überhaupt nichts selbst entscheiden. Als Rudeltier ist der Hund an Hierarchie gewöhnt. Wenn der Mensch sich nicht so verhält, wie es ein Ranghöherer sollte, fühlt das Tier sich verunsichert und versucht, selbst die Führung zu übernehmen. Wer zuerst den Vierbeiner und dann erst die Familie begrüße, signalisiere ihm damit: Du stehst in der Hierarchie weiter oben. Deshalb rät Anita Boujaida ihren Kunden, das Haustier zunächst zu ignorieren, wenn sie nach Hause kommen. "Wenn man den Hund etwas später beiläufig begrüßt, zeigt man ihm damit auch, dass das Alleinsein gar nicht so schlimm ist", sagt sie.

          Das freudige Schwanzwedeln einfach übersehen? Anitas Kunden machen große Augen. Aber sie glauben, was ihnen die Trainerin sagt. Die schlanke Frau strahlt Autorität aus. Das spüren auch die Hunde. Wenn sie die Vierbeiner anspricht, gehorchen sie sofort. Die studierte Medien-Designerin hat sich, obwohl relativ neu im Geschäft, schon einen Namen gemacht. Ihr sympathisches Auftreten kommt Anita Boujaida dabei zugute. Denn viel läuft über Mundpropaganda. Sie versteht es, Vertrauen aufzubauen und die Kunden an sich zu binden.

          Die junge Besitzerin der Windhündin Nana wird nach dem Training zum Abschied umarmt. Das schafft Nähe. Wer nicht gut mit Menschen umgehen könne, für den sei der Job nichts, sagt Anita Boujaida. Die Hundeschule "Traumpfote" hat sie vor zwei Jahren gegründet und damit eine Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht. Weil ihr die Methoden der herkömmlichen Hundeschulen nicht gefielen: "Ich setze zwar nicht ausschließlich auf positive Motivation wie viele Schulen in der Schweiz, aber von Polizeihunde-Drill halte ich auch nichts."

          Wenn der Hund kein Sensibelchen ist, rät sie manchmal auch zu etwas drastischeren Methoden. Etwa, um Ciara abzugewöhnen, im Mülleimer zu wühlen, soll ihre Halterin sie "aus dem Hinterhalt" mit einem Wurfgeschoss oder einem lauten Geräusch erschrecken. Wichtig dabei ist, dass die Hündin die negative Erfahrung mit dem Mülleimer und nicht mit dem Frauchen verbindet. Der Rat: Aus einem Versteck erschrecken.

          Ihren Kunden will Anita Boujaida Kreativität vermitteln, damit sie neue Probleme selbst lösen können.

          Ein wenig erschöpft ist die "Hundeflüsterin" am Ende ihres Arbeitstages schon. Das viele Reden zerrt an den Stimmbändern. Zeit für ein Mittagessen ist nicht geblieben. Dennoch ist Anita Boujaida zufrieden. Ihre Kunden machen Fortschritte. Windhündin Nana wird demnächst das Apportieren lernen, und der junge Labrador Prinz muss kein Stachelhalsband mehr tragen. Seine Besitzer haben Einsicht gezeigt.

          Anita Boujaida denkt an Expansion. Demnächst will sie Sport für Hund und Mensch anbieten. Erst einmal muss sie aber noch lernen, wie man die Frisbee-Scheibe richtig wirft. "Mit Hunden zu arbeiten, bedeutet lebenslanges Lernen." Jeder Einzelne bringe ihr etwas Neues bei, meint sie. Wer sich mit seinem Vierbeiner richtig verständigen wolle, müsse seine Sprache "wie eine Fremdsprache" erlernen.

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