https://www.faz.net/-gmg-qz04

: Iran: Schweigen oder sterben

  • Aktualisiert am

Teheran. Der noch amtierende Staatspräsident Sayyed Mohammad Chatami saß bei einem Gastmahl, als ihm ein Mitarbeiter ein Kuvert vorlegte. Der Umschlag enthielt ein Foto des bekanntesten politischen Gefangenen der Islamischen Republik, Akbar Gandschi.

          3 Min.

          Von Ahmad Taheri

          Teheran. Der noch amtierende Staatspräsident Sayyed Mohammad Chatami saß bei einem Gastmahl, als ihm ein Mitarbeiter ein Kuvert vorlegte. Der Umschlag enthielt ein Foto des bekanntesten politischen Gefangenen der Islamischen Republik, Akbar Gandschi. Es zeigte den 48 Jahre alten Dissidenten auf einer Pritsche in seiner Zelle in dem berüchtigten Gefängnis Ewin liegend, abgemagert und nur noch ein Schatten seiner selbst. Bestürzt verließ Chatami den Raum und rief den obersten Richter des Landes, Ajatollah Mahmud Scharudi, an. Der Chef der Judikative versprach, sich für Gandschi einzusetzen.

          Einen Tag später sagte Mahmud Salarkia, der Stellvertreter des Teheraner Staatsanwalts, Gandschi könne mit einem Gnadengesuch seine "bedingte Entlassung" in die Wege leiten. "Bedingte Entlassung" heißt in der Sprache der persischen Justiz, daß die Freigelassenen sich künftig in politischer Enthaltsamkeit üben müssen. Das lehnte Akbar Gandschi ab: "Das freie Wort, wenn es nicht in Gewalt mündet, ist nirgendwo auf der Welt ein Verbrechen." Der Journalist ist seit mehr als vierzig Tagen im Hungerstreik. Nach Aussage seiner Frau Maasuma Schafii hat er 22 Kilo abgenommen. "Ich habe ihn nicht gleich erkannt, als ich ihn im Gefängnis besuchen durfte", sagt sie.

          "Wir haben Gandschi mehr als fünf Jahre im Gefängnis festgehalten, damit er Vernunft annimmt. Doch ihm fehlt anscheinend der gesunde Menschenverstand", sagte der Stellvertreter des Staatsanwalts, Salarkia. Dann fügte er in der zynischen Arroganz der Macht, zu der sich die Justiz seit der Wahl offenbar wieder ermutigt fühlt, hinzu: "In den Gefängnissen kommen täglich Dutzende von Leuten ums Leben. Auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an."

          Der Leidensweg von Akbar Gandschi begann vor mehr als fünf Jahren. Im April 2000 nahmen ein Dutzend iranischer Reformpolitiker an einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin teil. Nach ihrer Rückkehr wurden die meisten verhaftet. Gandschi bekam zwölf Jahre Gefängnis mit anschließender Verbannung. Er habe dem Ansehen des Islams und der Islamischen Republik geschadet. In einem weiteren Verfahren wurde seine Strafe auf sechs Jahre reduziert. Die spätere Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi war seine Anwältin, ein Mandat, das sie bis heute ausübt. Während die anderen Teilnehmer der Berliner Konferenz freikamen, blieb Gandschi in Haft. In dem Prozeß hatte er den Mut, den Teheraner Machthabern die Leviten zu lesen.

          Im Gefängnis Ewin wurde Gandschi in Einzelhaft gehalten. Vergünstigungen, die selbst kriminellen Insassen gewährt werden, wurden ihm versagt. Er durfte nicht telefonieren, keinen Besuch empfangen, keine Zeitung lesen und sich nicht am Hofgang beteiligen. Bald war es klar: Die Verurteilung Gandschis hatte weniger mit der Berliner Konferenz zu tun als mit seinen früheren Reden und Schriften. Gandschi, als junger Mann ein glühender Anhänger von Ajatollah Chomeini, hatte in den damals noch erscheinenden Reformblättern die schiitischen Würdenträger angegriffen. Aufsehen erregten Anfang 1999 zwei Bücher Gandschis. In "Die Dunkelkammern der Gespenster" enthüllte er die Hintergründe der Serienmorde an iranischen Intellektuellen im Jahr 1997. In "Eminenz in Purpur", eine Anspielung auf Kardinal Richelieu, ging er mit Ali Akbar Rafsandschani ins Gericht. Die Justiz hoffte offenbar, daß er im Gefängnis seelisch zusammenbrechen würde. Doch in seiner Zelle schrieb er sogar ein Traktat mit dem Namen "Das republikanische Manifest", in dem er alle Reformen im Rahmen der bestehenden Verfassung ablehnt. Die einzige Lösung sei die strikte Trennung von Religion und Staat.

          Der Fall Gandschi hat die Welt alarmiert. Menschenrechtsorganisationen haben sich für ihn eingesetzt. Der amerikanische Präsident George W. Bush und die Europäische Union verlangen seine bedingungslose Freilassung. Dreihundertsechzig iranische Intellektuelle fordern in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan, das Leben Gandschis zu retten. Etwa 200 Angehörige von politischen Gefangenen demonstrierten am Dienstag vor der Teheraner Universität. "Freiheit für Gandschi und alle politischen Gefangenen!" skandierten sie. Die Versammlung wurde von den Sicherheitskräften mit brutaler Gewalt aufgelöst.

          "Die Kerze wird bald erlöschen", schrieb Gandschi in seinem letzten Brief aus dem Gefängnis. "Doch meine Stimme bleibt, und ihr werden lautere Stimmen folgen." Am Ende des Schreibens heißt es: "Wenn ich sterben sollte, dann liegt die Verantwortung bei Herrn Chamenei. Denn ich werde hier auf sein persönliches Geheiß festgehalten." Um Akbar Gandschi zu retten, bleibt nicht viel Zeit.

          Topmeldungen