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IOC und Doping : Russische Märchen?

  • -Aktualisiert am

Erwartet Zustimmung: IOC-Präsident Thomas Bach Bild: Reuters

Skandal oder Schmutzkampagne - das IOC verfrachtet die jüngsten Doping-Vorwürfe auf Wiedervorlage. Und somit erst einmal aus der Schusslinie.

          Klappe zu - Affe tot? Am Ende einer Woche, in der erschreckende Vorwürfe gegen den russischen Sport und den Leichtathletik-Weltverband laut geworden sind, wendet sich das internationale Funktionärswesen in klassischer Imprägnierung wieder ganz der Tagesordnung zu. In Monte Carlo freut sich Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), auf die beiden Sessions-Tage am Montag und Dienstag, an denen er unbeeindruckt sein Reformpaket „Agenda 2020“ durchzubringen gedenkt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Die etwa 100 Mitglieder des olympischen Zirkels sollen per Handzeichen über seine 40 Empfehlungen abstimmen, selbst für etwa ein halbes Dutzend Charta-Änderungen, die eine Zweidrittelmehrheit erfordern, soll das Gesamtbild ausreichen. Deutlicher kann Bach kaum machen, was er von seiner Organisation erwartet: wenig Diskussion, klare Zustimmung. „Die Mitglieder haben das so viele Male diskutiert“, sagte er am Samstag, „ich glaube nicht, dass wir bei der Session in Zeitnot kommen.“ Die Reformen werden wohl durch sein, noch bevor das vom Volk ersehnte Zwillingspaar des Gastgebers Fürst Albert zum ersten Mal schreit.

          Systematische Doping-Maschinerie

          Und die überwältigenden Hinweise, dass es im russischen Sport eine systematische Doping-Maschinerie geben soll, und auf höchst seltsames Gebaren des Leichtathletik-Weltverbandes in mindestens einem Dopingfall? Liegen auf Wiedervorlage, und zwar gut. Das bewährte Prinzip des Delegierens hat vorerst gegriffen. Nur der russische Leichtathletik-Präsident Waleri Balachnitschew will keine Ruhe geben, schließlich wurde er - gleichzeitig Schatzmeister der IAAF - am Mittwoch in einer ARD-Dokumentation und in der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ persönlich angegriffen.

          Er wird dort mit einem seltsamen Vorgang in Zusammenhang gebracht: Die Marathon-Läuferin Lilija Schobuchowa gab an, durch Zahlung von 450.000 Euro einer Dopingsperre wegen extremer Blutwerte zunächst entgangen zu sein. Nachdem sie bei den Olympischen Spielen 2012 in London keine Medaille gewonnen hatte, wurde sie aber trotzdem gesperrt und erhielt angeblich 300.000 Euro über dunkle Kanäle zurück. Gegenüber dem britischen Sender BBC erklärte Balachnitschew, man prüfe rechtliche Schritte, eventuell auch gegen die ARD. „Der Verband glaubt, dass die Dokumentation eine Provokation war mit dem Ziel, den russischen Sport zu diskreditieren.“ Oder sowieso nur eine antirussische Schmutzkampagne des Westens? Einige Medien im Putin-Reich sind davon fest überzeugt.

          Die Beschuldigten untersuchen sich selbst

          Tatsache ist, dass die Athleten, die der ARD-Dokumentation als Kronzeugen dienen, selbst gerade unter Dopingsperre stehen. Neben Schobuchowa vor allem die 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa und die Diskuswerferin Ewgenija Pecherina, die angab, 99 Prozent der russischen Athleten griffen zu Dopingmitteln. Es wird in dem Film zwar behauptet, dass sie vom System dazu gezwungen wurden. Balachnitschew greift aber trotzdem genau an diesem Punkt an:

          „Man hört fünf Leute, deren Statements kaum glaubhaft sind.Jeder wurde als Dopingsünder entlarvt und hat persönliche Gründe, unsere Athleten, Trainer, Athleten aus anderen Ländern und die Rusada zu hassen.“ Neben der Ethik-Kommission der IAAF werde auch die russische Anti-Doping-Agentur eine Untersuchung anstellen. Mit anderen Worten: Die Institutionen, die von frustrierten Athleten schwer beschuldigt wurden, untersuchen selbst, ob diese Beschuldigungen berechtigt sind.

          Bach: „Null-Toleranz-Politik“

          „Jetzt ist der Fall in der Hand der Ethik-Kommission der IAAF“, sagte Bach denn auch am Samstag. Dem IOC sei versichert worden, dass sowohl der Leichtathletik-Weltverband als auch die Welt-Anti-Doping-Agentur sämtliche Unterlagen an das zuständige Gremium weitergegeben hätten. Das IOC habe der Kommission einen Brief geschrieben, in dem es klarmache, dass es über alle Ergebnisse unterrichtet werden wolle, die Personen unter der Rechtsprechung des IOC beträfen. „Wenn die Vorwürfe von der IAAF-Ethik-Kommission belegt werden, wird das IOC mit seiner Null-Toleranz-Politik reagieren“, sagte Bach.

          Auch die Tatsache, dass sich die russischen Athleten mit ihren Vorwürfen an einen deutschen Fernsehjournalisten und nicht etwa an die Athletenkommission des IOC gewandt haben, kann ihn nicht aus der Reserve locken. „Dies liegt in der Entscheidung eines Athleten, der wegen Dopings für mehrere Jahre gesperrt ist“, sagte der Präsident. „Sie steht jedem frei.“

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