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Interview mit einem Wikinger : „Wissen ist niemals böse“

Bild: Christopher Lund

Die eigene Herkunft kann er zurück bis zu den Wikingern verfolgen, seinen Landsleuten blickt er tief ins Erbgut. Der Isländer Kári Stefansson ist überzeugt: Wir sollten unsere Gene besser kennenlernen.

          Wie weit zurück können Sie Ihren eigenen Stammbaum verfolgen?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stefansson: Bis zu Egill Skallagrímsson. Er wurde im Jahr 910 geboren, als einer der ersten auf Island zur Welt gekommenen Siedler. Vielleicht kennen Sie ihn aus einer der Sagas. Er war ein Dichter, ein Kämpfer - und einer der hässlichsten Männer seiner Zeit.

          Was sagt das über Ihre Gesundheit aus?

          Nichts. Aber die regionale Herkunft hat sich auf Island besonders deutlich im Erbgut niedergeschlagen, weil viele von uns zu Familien gehören, die über Generationen am selben Ort gewohnt haben. Es gibt sogar Biomarker, die charakteristisch für den Südwesten der Insel sind, und andere, die vor allem im Nordosten vorkommen. Solche Varianten bilden sich im Lauf der Zeit in einem dynamischen Verhältnis zur natürlichen Umgebung aus. Meine Familie hat 1100 Jahre hier gelebt. Ich passe also vermutlich ziemlich gut in die Umgebung dieses abgelegenen, felsigen Eilands im Nordatlantik. Das heißt übrigens nicht, dass ich dieses Land mag. Sondern nur, dass ich gut hierher passe.

          Mögen Sie Island denn?

          Ich weiß nicht genau. Ich lebe hier, und ich möchte nirgendwo sonst leben. Manchmal mag ich es, manchmal hasse ich es. Vielleicht heißt das nur, dass ich mich selbst nicht besonders gerne mag.

          Wie genau kennen Sie Ihre eigenen Gene?

          Ich habe mein Genom zweimal sequenzieren lassen. Einmal anhand von DNA aus meinem Blut und einmal mit solcher aus den Wangenknochen; wir wollten herausfinden, ob es nachweisbare Unterschiede zwischen der DNA aus verschiedenen Teilen des Körpers geben würde. Das war nicht der Fall.

          Was haben Sie dabei über Ihre persönlichen Krankheitsrisiken herausgefunden?

          Mein Genom ist nicht weiter bemerkenswert. Für mich gibt es eine signifikante Wahrscheinlichkeit, an altersbedingter Makuladegeneration zu erkranken. Das ist ein Augenleiden, das zum Erblinden führen kann. Mein Risiko dafür ist sechs- bis achtfach erhöht.

          Computer-Modell der (nackten) DNA-Doppel-Helix. Jetzt geht es darum, die Schalter im und auf dem Genom, welche die Gene steuern, zu identifizieren.

          Wie lebt es sich mit diesem Wissen?

          Die Frage zielt auf einen der verbreiteten, aber völlig unbegründeten Vorbehalte gegenüber der Genetik. Dabei ist sie überhaupt nichts Geheimnisvolles. Die Genetik macht ein sehr altes Wissen transparenter und detaillierter. Und sie gibt uns die Möglichkeit, dieses Wissen medizinisch zu nutzen. Was wir herausfinden, wissen die Leute doch schon seit Jahrhunderten: dass in ihrer Familie eine bestimmte Krankheit vorkommt, Brustkrebs zum Beispiel, oder Altersblindheit. Das ist nicht nur auf Island so. Ich habe zwanzig Jahre als Neurologe in Amerika gearbeitet, selbst dort wussten die Leute über die Krankheitsgeschichte ihrer Cousins und Großeltern Bescheid. Das Neue ist, dass wir die Familienangehörigen, die diese Krankheiten entwickeln werden, von denen unterscheiden können, die es nicht tun. Wir erlösen also die Hälfte der Bevölkerung von der Furcht, diese Krankheit zu bekommen.

          Und machen der anderen Hälfte Angst.

          Unsinn. Wir konfrontieren sie mit der unkomfortablen Tatsache, dass sie zu dieser anderen Hälfte gehören. Für viele dieser Krankheiten, vor allem für Krebs, ist eine frühe Diagnose aber besonders wichtig. Sie ist dann kein Urteil mehr, sondern ermöglicht im Gegenteil die Begnadigung von diesem Urteil.

          Ein deutsches Unternehmen bietet werdenden Eltern einen Test an, um ihr ungeborenes Kind auf Trisomie 21 zu überprüfen. Das ethische Dilemma, das daraus erwächst, ist nicht zu leugnen. Gibt es nicht doch ein glückliches Unwissen?

          Auch in diesem Fall fügt die Genetik dem Leben keine fundamental neue Kategorie hinzu. Eltern wissen schließlich alles Mögliche über ihre Kinder. Wir wissen zum Beispiel, dass alle unsere Kinder eines Tages sterben werden. Das ist eine sehr unangenehme, furchteinflößende, endgültige Gewissheit. Die Frage ist, wie wir unser Wissen nutzen, um die Entscheidungen zu treffen, die wir unablässig fällen müssen. Ich glaube nicht, dass die Entscheidung zu einer Abtreibung schlechter ist, wenn sie sich auf das Wissen stützt, dass der Fötus eine Trisomie 21 aufweist, als wenn sie auf irgendeiner anderen Grundlage fällt. Wissen ist nie eine Behinderung.

          Vulkan in Island.

          Eine Überzeugung, die altmodisch anmutet, geradezu romantisch.

          Ich habe einen sehr einfachen Grundsatz: Wissen ist niemals böse; es ist immer besser, etwas zu wissen, als es nicht zu wissen. Es gehört zu den Fundamenten unserer Kultur, dass wir Selbsterkenntnis für erstrebenswert halten - auch in Bezug auf unsere Schwächen. Unsere Aufgabe ist es dann, das Wissen zu etwas Gutem zu nutzen. Ob das eine romantische Vorstellung von der Wissenschaft ist, weiß ich nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass Wissenschaft nur dann etwas wert ist, wenn sich mit ihr eine Geschichte erzählen lässt. Ich hatte das große Glück, produktiv auf einem Forschungsgebiet zu sein, das sich zu einer umfassenden Geschichte verdichtet: der Geschichte davon, wie Verschiedenheit entsteht - nämlich durch das Zusammenspiel von Genen und Umgebung einerseits und Veränderungen der Gene durch Mutationen andererseits.

          Dann ist Genetik aber doch mehr als eine neue Formulierung für überliefertes Wissen.

          Wer das Genom erforscht, entscheidet sich für eine Geschichte, die in einer besonderen Sprache geschrieben ist. Aus ihr lässt sich die Vergangenheit einer ganzen Art herauslesen. Und weil wir uns, von einem evolutionären Standpunkt aus betrachtet, ziemlich schnell an eine neue Umgebung anpassen, enthält diese Geschichte sehr viele Details über unsere Vergangenheit. Genetische Untersuchungen zeigen, dass die väterlicherseits vererbten Y-Chromosomen der Isländer zu 75 Prozent denen der Norweger ähneln, während 65 Prozent der mütterlicherseits vererbten Mitochondrien keltischer Abkunft sind. Die ersten Siedler waren also norwegische Auswanderer, die sich auf dem Weg in Schottland Frauen besorgt haben. Und seit sie hier angekommen sind, hat sich die genetische Mutation, die das Haar rot und die Haut empfindlich gegenüber Sonnenstrahlung macht, sehr stark verbreitet, weil sie auf Island keine Folgen hat: Auf dem skandinavischen Festland weisen 17 Prozent der Bevölkerung diese Mutation auf. Hier sind es 26 Prozent.

          Das klingt so, als wollten Sie nur einen Text entziffern, der schon geschrieben ist. Aber wer interpretiert ihn?

          Das ist ein erkenntnistheoretisches Problem, das die Wissenschaft allein nicht lösen kann. Wie definieren wir Wissen? Wie setzen wir es mit der Vernunft und unseren Gefühlen in Zusammenhang? Wir haben keine Ahnung, wie unser Gehirn Gedanken und Gefühle produziert. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt es ja auch als ungehörig, das Gehirn und seine Arbeitsweise verstehen zu wollen. Darüber sind wir zum Glück hinweg. Jetzt gilt es, die von Mensch zu Mensch bestehenden Unterschiede in der Wahrnehmung zu erfassen. Das ist eine technische Herausforderung, weil man dazu eine große Zahl von Menschen untersuchen muss. Aber noch viel größer ist die epistemologische Herausforderung: Wie finden wir heraus, ob wir etwas festgestellt haben, was für die Produktion von Gedanken und Gefühlen entscheidend ist?

          Viele glaubten, wir würden auch das schon bald wissen, als der Amerikaner Craig Venter das 1000-Dollar-Genom ankündigte...

          Es ist sehr unglücklich, die damals vorgenommene erste vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms zu einem wissenschaftlichen Meilenstein zu erklären. Es ist auch unglücklich, über diesen bombastischen Amerikaner so zu reden, als ob er je selbst genetische Forschung betrieben hätte. Nicht er, sondern Charles Darwin, sein Neffe Francis Galton und eine Reihe deutscher Wissenschaftler sind die Pioniere unserer Disziplin. Denn Genetik ist das Studium der menschlichen Vielfalt und der Unterschiede zwischen den Menschen. Methodisch betrachtet, suchen wir nach zufallslosen Verbindungen zwischen zwei verschiedenen Datensätzen. Der eine beschreibt das individuelle Genom, für dessen Sequenzierung die Kosten zuletzt deutlich gefallen sind. Der andere Datensatz betrifft die Verschiedenheit innerhalb der menschlichen Gattung oder ihrer Untergruppen. Wir haben die Genome von 2500 Isländern komplett sequenziert. Wir haben also sehr viele Daten, in denen wir graben können.

          Wie soll das unser Verständnis von Krankheiten befördern?

          Fast alle Krankheiten haben damit zu tun, dass ein biochemischer Signalweg anders reguliert wird als bei Gesunden. Die Genetik findet heraus, welche Signalwege im Körper eines Kranken hochreguliert und welche herabreguliert werden. Wenn man das weiß, kann man entscheiden, mit welchen Arzneimitteln man die Krankheit behandeln will. Für viele Krankheiten, die sich mit genetischen Verfahren feststellen lassen, gibt es heute zwar noch keine Therapie. Aber es war immer so, dass die Therapie auf die Diagnose und Risikenabschätzung gefolgt ist.

          Überschätzen Sie nicht den Einfluss der Gene zu Lasten von anderen Faktoren?

          Alles, was in unserem Körper geschieht, wird von Informationen in unseren Genen bestimmt. Dazu kommen die Umwelteinflüsse. Aber die Wahl unserer Umgebung ist ihrerseits auch wieder genetisch beeinflusst. Ein Beispiel: Nahezu kein Isländer entwickelt Lungenkrebs, wenn er nicht jahrzehntelang geraucht hat. Also ist Lungenkrebs auf Island eine rein auf Umwelteinflüsse zurückzuführende Krankheit. Wir haben aber verschiedene Varianten im Erbgut gefunden, die es wahrscheinlicher machen, nikotinabhängig zu werden. Wer sie besitzt, raucht mehr und hat größere Schwierigkeiten, damit aufzuhören. Also erbt man einen Hang, die Umwelt aufzusuchen, die zu Lungenkrebs führen kann. Wo genau liegt dann der Unterschied zu einer erblich bedingten Krankheit?

          Könnten diese Menschen dank ihres freien Willens und kraft ihrer eigenen Entscheidung nicht eine andere Umgebung wählen?

          Das ist eine schöne Vorstellung. Aber ich weiß nicht, was sie bedeutet. Denn es gibt so viele Dinge, die wir gerne tun würden, und so viele Arten, auf denen sie sich erreichen ließen. Aber wir sind stark dadurch eingeschränkt, wer und was wir tatsächlich sind. Wenn ich so schnell nach Hause laufen will, wie ich kann, ist das eine ganz andere Sache, als wenn Usain Bolt dasselbe will. Mein freier Wille ist in dieser Hinsicht sehr verschieden von Usain Bolts freiem Willen.

          Wie viel bleibt in Ihrem Weltbild für das Unerklärliche übrig?

          Zum Glück sehr viel. Ich habe damit Erfahrung, weil ich in meiner Freizeit Pferde züchte. Man kann dieselbe Stute mit demselben Hengst zehnmal paaren - und jedes Fohlen wird anders als die anderen sein, weil die Kombinationsmöglichkeiten auf dem Weg von den Eltern zu ihren Nachkommen so zahlreich sind. Und wir wissen sehr wenig darüber, wie das geschieht.

          Was halten Sie davon, zur Erklärung auf Gott zu verweisen?

          Religion ist keine wichtige Angelegenheit in meinem Leben. Aber es gibt Fragen, bei denen ich nicht einmal daran zu denken wage, wie wir sie beantworten könnten. Wie hat die Welt angefangen? Wohin dehnt sie sich aus? Woher kommt der Raum, der sich ausdehnt? Und was war vor dem Urknall? Die Wissenschaft ist noch ziemlich weit davon entfernt, das Geheimnis des Lebens und des Universums zu erklären. Für manche Menschen wird es leichter, darüber nichts zu wissen, wenn sie sich ein göttliches Wesen vorstellen. Mir macht das Konzept an und für sich große Schwierigkeiten. Aber ich muss zugeben, dass sie kleiner werden, wenn ich mich sehr fürchte - zum Beispiel in einem Flugzeug, das in ein Gewitter gerät und stark zu wackeln beginnt.

          Forschung und Geschäft

          Kári Stefansson wurde 1949 auf Island geboren. Der Stammbaum seiner Familie reicht bis zur Besiedlung der Insel in der Wikingerzeit zurück, seine zwei Töchter bilden die kommende Generation. Stefansson hat in Reykjavík Medizin studiert und von 1983 bis 1997 in Chicago und Harvard als Neurologe gearbeitet, bevor er nach Island zurückkehrte. Decode Genetics, das von ihm 1996 gegründete Unternehmen, erregte mit der von der Regierung unterstützten Idee Aufsehen, die Genome aller 320 000 Isländer entschlüsseln zu wollen, um Krankheiten besser zu verstehen. Das Verfassungsgericht stoppte diesen Plan unter Verweis auf den Schutz der Privatsphäre 2003. Sechs Jahre später meldete Decode Insolvenz an. Inzwischen bietet Decode Tests zur Früherkennung von Krankheiten wie Diabetes, Brust- und Prostatakrebs an. Isländische Staatsbürger können im Internet anhand der ermittelten Daten außerdem kostenlos ihren Verwandtschaftsgrad feststellen lassen. Im Dezember 2012 hat der amerikanische Biotechkonzern Amgen das Unternehmen für umgerechnet rund 320 Millionen Euro übernommen. Stefansson fungiert weiterhin als Geschäftsführer. lzt

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