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Gemeinschaftliches Wohnen : Kostenvorteil Baugemeinschaft

Vorzeigeprojekt in Frankfurt: Das Haus der Genossenschaft Fundamente am Frankfurter Bogen Bild:

In Freiburg haben sie ihren Höhepunkt hinter sich, in Hamburg sind sie eine feste Größe, in Berlin auf dem Vormarsch. Andere Städte gelten für Baugemeinschaften noch als Entwicklungsland. Das Interesse ist groß, der Erklärungsbedarf allerdings auch.

          Im Sommer 1985 ist die Idee in Freiburg noch frisch und neu: Zehn junge Familien schließen sich unter der Regie eines Architekten zusammen. Alle sind um die 30 Jahre alt. Sie haben viele Ideen und wenig Geld. Ihr Traum: Sie wollen gemeinsam bauen, um die Kosten zu senken - für jede Familie ein eigenes Reihenhaus, für die Gemeinschaft einen großen Garten. Man trifft sich zu Sitzungen - plant, zankt, rauft sich wieder zusammen. Nach nur einem Jahr Vorlauf überlässt die Stadt der jungen Bauherrengemeinschaft ein 3000 Quadratmeter großes Grundstück in Erbpacht. Das ist der Startschuss für Freiburgs erste Baugruppe, die "Tränkematten".

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit dieser Zeit hat die Idee Karriere gemacht, in der badischen Stadt und anderswo. Hamburg etwa hat 20 Prozent aller städtischen Geschossflächen im Wohnungsbau für Baugemeinschaften reserviert und mit der beim Amt für Wohnungswesen angesiedelten Agentur für Baugemeinschaften schon vor Jahren eine professionelle Beratung für Interessierte geschaffen.

          Kosten sparen in der Gemeinschaft

          Auch in Berlin sind Baugemeinschaften auf dem Vormarsch - nicht zuletzt, weil sie eben oft interessante Nutzungsmöglichkeiten für schwierige Grundstücke bieten. Bestechend ist aber vor allen der Kostenvorteil: Wer in der Gruppe baut, spart alles in allem zwischen 15 und 25 Prozent, sagen Fachleute wie André Heuss von der auf Baugruppenberatung spezialisierten Bürgerbau AG aus Freiburg.

          Die Stadt im Breisgau galt lange Zeit als Hochburg des gemeinschaftlichen Bauens. Gleichgesinnte schlossen sich zu Genossenschaften oder privaten Baugruppen zusammen, um Mietshäuser und Eigenheime zu errichten. An die 200 gemeinschaftliche Bauvorhaben mit etwa 1400 Wohneinheiten zählt der Architekt und Vorsitzende des Bundesverbands Baugemeinschaften, Hubert Burdenski, in Freiburg. Die Politik hat sie gezielt gefördert. Denn im Rathaus erkannte man schnell, dass das Engagement der Gruppen wie ein Katalysator wirken kann, wenn es darum geht, neue Baugebiete zu entwickeln. "Im Vauban und im Rieselfeld hat Freiburg auf solche Projekte gesetzt", sagt der Architekt. Die riesigen Neubaugebiete seien für Bauträger erst durch die Vorleistung der Baugemeinschaften interessant geworden.

          Generationenübergreifendes Wohnen

          Im Herbst 2010 kann in Frankfurt von Freiburger Verhältnissen keine Rede sein. Wenn es um gemeinschaftliche Bauvorhaben geht, ist Deutschlands wichtigster Finanzplatz nur Entwicklungsland. "Die Nachfrage ist sehr groß, aber noch muss man verwirklichte Vorhaben suchen", räumt Anne Lamberjohann vom Verein Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen ein. Bisher liegt der Wohnungsbau fest in den Händen der städtischen Gesellschaft ABG und privater Bauträger. Zwar hat die Stadt beschlossen, gemeinschaftliches und genossenschaftliches Bauen zu fördern. "Aber wenn es ans Eingemachte geht, wird es zäh", sagt Felix Schmunk, Vorstandsmitglied der Fundamente eG. Die fünf Jahre alte Genossenschaft hat 2008 ein erstes Haus für junge Familien im Norden der Stadt gebaut und kämpft seit ihrer Gründung um eine Parzelle auf Naxos.

          Wie eine Insel liegt das Gelände der ehemaligen Schleifmittelfabrik inmitten des Frankfurter Häusermeers und ist der zentralen Lage wegen heiß begehrt. Das Areal mit seiner denkmalgeschützten Industriehalle ist das, was man ein Filetstück nennt: bestens plaziert zwischen dem aufstrebenden Ostend und einem beliebten Wohn- und Ausgehviertel im Norden und Westen. Nach dem Willen der Stadt sollen hier 180 Wohnungen entstehen. Zwei Drittel wird die ABG errichten, den Rest Baugemeinschaften. Sie sollen im Stadtteil einen "sozio kulturellen Mehrwert" schaffen: Alt und Jung unter einem Dach vereinen, Familien ein Zuhause geben, die Nachbarschaft beleben.

          Durchhaltevermögen und Geduld gefragt

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