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: "Falsche Dämmung macht krank" Umwelttechniker Peter Bachmann über gedämmte

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FRAGE: Herr Bachmann, in diesen Tagen dreht sich wieder alles um den Klimawandel. Um den mitursächlichen CO2-Ausstoß zu verringern, verpflichtet die Politik Hausbesitzer, ihre Immobilien gut zu dämmen.


          FRAGE: Herr Bachmann, in diesen Tagen dreht sich wieder alles um den Klimawandel. Um den mitursächlichen CO2-Ausstoß zu verringern, verpflichtet die Politik Hausbesitzer, ihre Immobilien gut zu dämmen. Als Umwelttechniker müssten Sie zufrieden sein, oder?


          ANTWORT: Die Energiebilanz eines Hauses, das heißt, der Bedarf an Primärenergie, der Bedarf an Energie durch laufende Nutzung und der Ausstoß von CO2, ist das eine. Die Frage, ob im Haus ein gesundes Raumklima für die Bewohner herrscht, ist das andere.


          FRAGE: Was gut fürs Weltklima ist, muss nicht unbedingt gut fürs Raumklima sein?


          ANTWORT: Werden die falschen Baustoffe verwandt, dann entwickelt sich sogar ein extrem schädliches Raumklima. Unter diesen Umständen ist es haarsträubend, dass bis zum Jahr 2018 das Nullenergiehaus in Europa Standard werden soll. Schon heute sind wir mit den gesundheitsschädlichen Folgen der Dämmung konfrontiert. Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass die zunehmende Dämmung und Dichtung der Gebäude zu einer Konzentration von biologischen und chemischen Schadstoffen führt. Dies kann die Gesundheit der Bewohner schädigen.


          FRAGE: Erklären Sie das bitte.


          ANTWORT: Die Baustoffindustrie legt nur in Ausnahmefällen Wert auf Transparenz bezüglich eines Baustoffs und dessen Emissionsverhalten. Nur wenige Unternehmen legen die Karten tatsächlich auf den Tisch. Einige wenige Baustofflabel helfen dem Verbraucher zur gesundheitlichen Einschätzung. Hierzu zählt das Label des Eco Instituts Köln und das "natureplus" Zeichen. Zudem müssen die Handwerker und Bauunternehmer fachlich qualifiziert sein, um dem Kunden ein wohngesundes Raumklima zu schaffen. Der unsachgerechte Einbau einer Lüftungsanlage löst keine Raumluftprobleme, sondern kann diese noch verschlimmern.


          FRAGE: Gibt es für den Verbraucher keinen rechtlichen Schutz?


          ANTWORT: Leider nein! Die Innenraumhygiene ist nicht gesetzlich geregelt. Das Bundesumweltministerium der alten Regierung und das Bundesumweltamt hatten einen Vorstoß unternommen, eine gute Innenraumhygiene zu fördern in Kooperation mit der KfW. Dies begründet sich auf mehr als 2000 Nachfragen jährlich alleine im Umweltbundesamt. Diese Initiative wurde leider bisher durch die neue Regierung nicht aufgenommen.


          FRAGE: Es gibt also keine Möglichkeit, sich rechtlich abzusichern?

          Der einzige Weg ist eine zivilrechtliche Vereinbarung zwischen dem Kunden und dem Auftragnehmer, dem Bauunternehmen. Hier gilt es, Werte zu definieren, für die gesundheitliche Relevanz besteht wie Lösemittel, Formaldehyd, CO2 und weitere. Als Hilfe stehen dem Verbraucher Innenraumlabels zur Verfügung. Beispielsweise der Gesundheitspass des Sentinel-Haus Instituts, "Gutes Innenraumklima" von der Schweizer S-Cert. Nur wenn dies vertraglich vereinbart ist, kann der Kunde nach Baufertigstellung auf Nachbesserung klagen, sollte das Ergebnis schlecht sein (auch ein unabhängiger Baubiologe kann das Ergebnis überprüfen, Anmerkung der Redaktion).


          FRAGE: Was wird da geprüft?

          Wichtig ist eine tatsächliche Messung der Schadstoffe nach Baufertigstellung von Neubau oder Sanierung. Das Umweltbundesamt hat viele wertvolle Empfehlungswerte für Schadstoffe veröffentlicht. An diese lehnen sich vorgenannte Labels an.


          FRAGE: Heute werden Häuser oft unter dem Etikett "Öko" vermarktet. Wie hilfreich ist das?


          ANTWORT: Öko hat erst einmal nichts mit gesund zu tun. Die Ökologie betrachtet die Herkunft und den Produktionsprozess eines Baustoffs oder Hauses (Ökobilanz). Die Wohngesundheit bewertet die Wirkung des Baustoffs oder des Gebäudes auf die Gesundheit des Menschen. So sind zum Beispiel viele natürliche Lösemittel (etwa Biofarben) ökologisch, können aber für die Gesundheit des Menschen problematisch sein. Es zählen hierbei die tatsächlichen gesundheitlichen Werte, welche transparent vereinbart sein müssen. Viele ökologische Produkte scheuen eine Zertifizierung.


          FRAGE: Aber gesund zu bauen und gleichzeitig die staatlich geforderten energetischen Werte zu erreichen ist kein prinzipieller Widerspruch?

          Auf keinen Fall. Viele Projekte, die wir als Institut begleitet haben, zeigen sehr gute energetische Kennzahlen und zugleich extrem gute gesundheitliche Ergebnisse. Es muss nur genauer hingeschaut werden. Es muss endlich aktiv Einfluss auf die Qualität der Baustoffe genommen werden. Auch Passivhäuser können sehr gute gesundheitliche Werte haben. Nur dämmen um jeden Preis ist nach meiner Auffassung sehr kurz gegriffen, wenn die Gesundheit der Bewohner auf der Strecke bleibt. Aktuell werden regelmäßig öffentliche und private Gebäude wegen schädlicher Baustoffe und deren Emissionsverhalten geschlossen und müssen saniert werden, da sie die Empfehlungswerte des Umweltbundesamtes um ein Vielfaches überschreiten.

          Das Gespräch führte Birgit Ochs.

          Peter Bachmann ist Geschäftsführer des Sentinel-Haus-Instituts in Freiburg.

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