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: Im kleinen Belgien ist kein Platz für Freundschaft

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New York. Belgien ist - und daran werden Sportfreunde bei den US Open dieser Tage immer wieder erinnert - ungefähr so groß wie der amerikanische Bundesstaat Maryland. Aber aus dem europäischen Land kommen neuerdings die laut Weltrangliste ...

          3 Min.

          Von Wolfgang Scheffler
          New York. Belgien ist - und daran werden Sportfreunde bei den US Open dieser Tage immer wieder erinnert - ungefähr so groß wie der amerikanische Bundesstaat Maryland. Aber aus dem europäischen Land kommen neuerdings die laut Weltrangliste beiden besten Tennisspielerinnen der Welt: Kim Clijsters und Justine Henin-Hardenne. In den frühen Morgenstunden (MESZ) dieses Sonntags standen sich die 20 Jahre alte Flämin und die ein Jahr ältere Wallonin im Endspiel der US Open in Flushing Meadows gegenüber. Eine Neuauflage des Finales der French Open und in Abwesenheit der verletzten Williams-Schwestern ein passender Schlußpunkt der Grand-Slam-Saison, aber ohne Konsequenz für die Branchenhackordnung: Kim Clijsters bleibt, egal wie das Finale ausging, die Nummer eins, Justine Henin-Hardenne rückte durch ihren Halbfinaleinzug vom dritten auf den zweiten Platz vor.
          Trotzdem ging es für die beiden Belgierinnen um viel, nicht nur um die eine Million Dollar Siegespreis. Kim Clijsters bot sich die Chance, den Makel loszuwerden, als erste Spielerin die Spitze der Weltrangliste erklommen zu haben, ohne eines der vier Großereignisse gewonnen zu haben. Justine Henin-Hardenne, die die letzten drei der vier innerbelgischen Duelle, darunter das Finale der French Open, gewonnen hatte, wollte ihren in den letzten Wochen immer wieder geäußerten Anspruch untermauern, auch als Leichtgewicht in der Schwergewichtsklasse - sie mißt 1,66 Meter, wiegt 59 Kilo und ist damit mit Abstand die Kleinste und Leichteste in der Weltklasse - ganz nach oben kommen zu können. "Den anderen Spielerinnen gefällt es ganz und gar nicht, daß ich nicht so groß und stark wie sie bin und trotzdem kraftvolle Schläge habe. Mental ist es für sie schwer, gegen mich zu spielen", beschreibt Justine Henin-Hardenne ihre körperliche Unterlegenheit, die sie zu ihrem Vorteil zu nutzen versteht.
          Was für eine Kämpferin die kleine Frau mit der besten einhändigen Rückhand im Damentennis ist, zeigte sie am Freitag in der durch das Regenchaos der vergangenen Tage eigens angesetzten Abendveranstaltung. Nachdem ihre Landsfrau in einem von vielen Fehlern gezeichneten, langweiligen und einseitigen ersten Halbfinalmatch die Amerikanerin Lindsay Davenport, die US-Open-Siegerin von 1998, ohne Mühe 6:2 und 6:3 abgefertigt hatte, stemmte sich Justine Henin-Hardenne drei Stunden lang gegen das drohende Ausscheiden. Sie lag gegen Jennifer Capriati nach verlorenem ersten Satz im zweiten Satz 3:5, im dritten gar 2:5 zurück. Insgesamt elfmal war die Amerikanerin nur zwei Punkte vom Finaleinzug entfernt, zweimal servierte Jennifer Capriati zum Matchgewinn, aber dann setzte sich die zum Schluß von Krämpfen geplagte Stilistin um 0:27 Uhr New Yorker Ortszeit 3:6, 7:5 und 7:6 (7:4) durch. Sie behauptete sich dabei nicht nur gegen ihre Gegnerin, die durch ständige, meist unberechtigte Proteste gegen Linienrichter-Entscheidungen die Stuhl-Schiedsrichterin zu einer Fehlentscheidung animierte, die den ersten Satz entschied.
          Justine Henin-Hardenne ließ sich auch von den 10000 Fans im noch nicht einmal halb gefüllten Arthur Ashe Stadium nicht aus der Ruhe bringen, die ihre Landsfrau frenetisch anfeuerten, jeden Punkt für die im nahe gelegenen Mineola auf Long Island geborene Amerikanerin und jeden Fehlschlag der Belgierin bejubelten.
          Aber so ganz unbeeinflußt ließ sie die Atmosphäre dennoch nicht. Als sie gegen Ende des dritten Satzes vor allem beim Aufschlag immer wieder Krämpfe plagten, wagte sie es nicht, eine Verletzungspause zu nehmen. "Viele Leute haben viele schlimme Dinge über mich in den letzten Wochen gesagt", erläuterte die total erschöpfte Siegerin, warum sie nicht nach der Physiotherapeutin rief. Sie lag bei diesen Worten, umringt von Reportern, auf eine Liege, intravenös wurde ihr extremer Flüssigkeitsverlust ausgeglichen. Eine, die ihr übel nachgeredet hatte, war ihre Finalgegnerin. "Ich gewöhne mich langsam daran. Sie hat es fast in jedem Match gegen mich gemacht. Es hat nicht ausgesehen, als ob sie verletzt war, weil sie genauso schnell lief wie vorher", schimpfte Kim Clijsters nach ihrer letzten Niederlage in Los Angeles, als sich Justine Henin-Hardenne im dritten Satz wegen aufgeplatzter Blasen behandeln ließ. "Sie ist nur über die Niederlage enttäuscht. Ich weiß auch nicht, warum die anderen Spielerinnen immer über die Zwischenfälle in meinen Matches reden, denn ich bin immer fair", antwortete Justine Henin-Hardenne.
          Von der einst gerühmten belgischen Kollegialität kann also längst keine Rede mehr sein. Die beiden spielen im Fed Cup in einem Team - aber mehr verbindet die beiden Kolleginnen und Konkurrentinnen schon lange nicht mehr. Sie sind die Nummer eins und zwei der Weltrangliste und kämpfen um Grand-Slam-Titel: Da ist kein Platz für Freundschaft.

          US Open in New York (17 Millionen Dollar), Herreneinzel, Halbfinale: Ferrero (Spanien) - Agassi (USA) 6:4, 6:3, 3:6, 6:4. - Viertelfinale: Agassi - Coria (Argentinien) 6:4, 6:3, 7:5, Ferrero - Hewitt (Australien) 4:6, 6:3, 7:6 (7:5), 6:1, Roddick (USA) - Schalken (Niederlande) 6:4, 6:2, 6:3, Nalbandian (Argentinien) - El Aynaoui (Marokko) 7:6 (7: 2), 6:2, 3:6, 7:5.

          Dameneinzel, Halbfinale: Clijsters (Belgien) - Davenport (USA/Nr. 3) 6:2, 6:3, Henin-Hardenne (Belgien) - Capriati (USA) 4:6, 7:5, 7:6 (7:4). - Im Finale: Clijsters - Henin-Hardenne.









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