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Patricia Kaas : "Das Bierzelt war keine schlechte Schule"

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Patricia Kaas bei den Proben zum 54. Eurovision Song Contest Bild: dpa

Beim diesjährigen Eurovision Song Contest singt Patricia Kaas für Frankreich. En Gespräch mit der erfolgreichen Französin über ihre Anfänge als Sängerin, den frühen Verlust der Mutter - und über das stimmliche Talent von Frankreichs First Lady.

          Beim diesjährigen Eurovision Song Contest singt Patricia Kaas für Frankreich. En Gespräch mit der erfolgreichen Französin über ihre Anfänge als Sängerin, den frühen Verlust der Mutter - und über das stimmliche Talent von Frankreichs First Lady.

          Patricia, Ihr neues Album "Kabaret" ist eine Hommage an die dreißiger Jahre. Was fasziniert Sie an dieser Epoche?

          Es ist wohl die Atmosphäre, dieses leicht Verruchte. Vor allem aber die Selbständigkeit der Frauen, die einerseits als femme fatale auftraten, gleichzeitig aber auch männliche Attribute hatten, weil das damals wohl notwendig war, um sich durchzusetzen.

          Ihre Musik ist eine Mischung aus Popmusik und Jazz

          Wie ist das bei Ihnen? Gibt es da auch männliche Attribute, die Ihren Erfolg befördern?

          Bestimmt. Seit ich zwanzig bin, muss ich zum Beispiel sehr viele Entscheidungen selbst treffen. Das kann auch schwierig und anstrengend sein - dass ich mich trotzdem immer durchgekämpft habe, ist wohl meine männliche Seite. Aber mit der Zeit habe ich gelernt zu akzeptieren, dass es manchmal Tage gibt, an denen es eine starke Schulter zum Anlehnen braucht. Früher hätte ich wahrscheinlich nie zugegeben, dass ich müde bin oder irgendetwas gerade nicht hinbekomme.

          Sie nehmen auf "Kabaret" Bezug auf Marlene Dietrich. Ist sie eine Art Ideal für Sie?

          Mein Ideal ist meine Mutter, denn im Gegensatz zu Marlene kannte ich sie. Aber die Dietrich war mit Sicherheit eine starke Frau, die ich durchaus bewundere. Und immerhin war Dietrichs Hit "Lili Marleen" eine meiner ersten Nummern, die ich vor Publikum sang.

          Sie standen ja schon mit 13 Jahren regelmäßig auf der Bühne. War das nicht etwas gewagt, als Mädchen in dem Alter vor Erwachsenen Marlene-Dietrich-Songs zu interpretieren?

          Mich hat ja niemand dazu gezwungen. Mein Vater sagte: "Soll sie es machen, wenn sie glücklich dabei ist", und meine Mutter hatte auch nichts gegen meine Auftritte. Das Repertoire bestand aus französischen und deutschen Schlagern, Klassikern wie "Just a Gigolo" - und eben "Lili Marleen", das meine Mutter mir beigebracht hatte. Ich bin mit diesem Song praktisch aufgewachsen.

          Bis Sie 17 Jahre alt waren, traten Sie jede Woche im Saarbrücker Club "Rumpelkammer" auf. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

          Ach ja, die Rumpelkammer. Ich glaube, heute befindet sich an der Stelle ein Elektrogeschäft. Es war eine schöne Zeit, ich denke gern daran zurück. Und ich habe viel gelernt, unter anderem, mich durchzusetzen und mir Gehör zu verschaffen. Die Leute, die dort hingingen, kamen ja nicht in erster Linie wegen der Musik. Da kämpfst du dich dann durch und sagst dir: Beim nächsten Lied werden sie sich wenigstens mal zu mir umdrehen. Das ist keine schlechte Schule. Genauso wie die Bierzelte, in denen ich auch oft auf der Bühne stand.

          Angeblich hat Sie ja damals Gérard Depardieu entdeckt. Stimmt die Geschichte?

          Es war so: Ich hatte ein Vorsingen bei einer Plattenfirma in Paris, und da war auch der Komponist François Bernheim dabei, der später viele Songs für mich geschrieben hat. Bernheim kam daraufhin nochmal ins Saarland, um mich bei einem Bierzelt-Auftritt zu erleben - was schon ungewöhnlich genug ist. Er nahm ein Tape auf und spielte es seinem Freund Gérard Depardieu vor. Depardieu fand es cool und finanzierte die Produktion meiner ersten Single "Jalouse" - die leider ein Flop wurde.

          Stehen Sie noch in Kontakt mit Depardieu?

          Wir hatten eigentlich nie richtig Kontakt. Ich habe ihn bis heute vielleicht vier- oder fünfmal gesehen.

          Sie sagten vorhin, Ihre Mutter sei Ihr Ideal. Auf dem neuen Album haben Sie ihr ein Lied gewidmet: "Une dernière fois". Es geht darum, wie gern Sie sie noch einmal sehen würden.

          Bei diesem Song habe ich zum ersten Mal selbst am Text mitgeschrieben. Meine Mutter starb, da war ich gerade erst zwanzig; sie hat also nur den Anfang meiner Karriere noch miterleben können. Ich habe mittlerweile natürlich gelernt, ohne meine Mutter zu leben und glücklich zu sein. Aber ihr früher Tod hat eine innere Verletzung in mir hinterlassen. Die ersten vier oder fünf Jahre nach ihrem Tod hatte ich fast eine Art schlechtes Gewissen, wenn ich trotzdem mal lächelte.

          Fühlen Sie sich Ihrer Mutter näher, wenn Sie dieses Lied singen?

          Nein, das nicht. Ich werde auch nicht traurig, wenn ich es singe. Es gehört nun mal zu meinem Leben, das so zu sagen und auszudrücken.

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