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: Magierin der Gegensätze

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Shirin Neshat war erschöpft. Sechs Jahre schon hatte sie an ihrem ersten Spielfilm gearbeitet. So lange war die iranisch-amerikanische Künstlerin zwischen Weltstädten gependelt; schließlich hatte sie mit deutschem, französischem ...

          6 Min.

          Von Julia Schaaf

          Manchmal holt die Gegenwart die Geschichte ein und die Wirklichkeit die Fiktion.

          Shirin Neshat war erschöpft. Sechs Jahre schon hatte sie an ihrem ersten Spielfilm gearbeitet. So lange war die iranisch-amerikanische Künstlerin zwischen Weltstädten gependelt; schließlich hatte sie mit deutschem, französischem und österreichischem Geld und internationaler Besetzung in Marokko gedreht. Jetzt saß sie daheim in New York im Schneideraum und zweifelte, ob ihr Projekt jemals fertig würde. Da brachen die Bilder über sie herein. Teheran im Juni 2009: Aufgebrachte, selbstbewusste Menschen zogen protestierend durch die Straßen, Männer und Frauen, durcheinandergemischt. So wie in ihrem Film. Die Mode hatte sich verändert, die Gesichter waren andere. Aber sogar Parolen glichen einander. Dann wurde Neda erschossen, die Studentin, die zur Symbolfigur der Grünen Bewegung wurde, weil jemand gefilmt hatte, wie sie sterbend auf der Straße lag, die Hände rechts und links neben dem von schwarzem Haar umrahmten Gesicht erhoben. So liegt auch Munis auf dem Pflaster, die Aktivistin im Film. "Die Ähnlichkeiten waren unglaublich", sagt Shirin Neshat. Ihre Überraschung ist noch immer spürbar.

          "Women without Men" wurde beim Filmfestival von Venedig vergangenen Herbst mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet; nächste Woche kommt der Film in die deutschen Kinos. Deshalb sitzt Shirin Neshat, Star der internationalen Kunstszene und Mittlerin zwischen den Welten, in einem kleinen chinesischen Restaurant in Berlin-Charlottenburg vor einem unberührten Teller Reis und Gemüse. Erst wollte sie gar nichts bestellen. Jetzt weigert sie sich anzufangen, bevor nicht das Essen der anderen kommt. "Ich mag es gern kalt", behauptet sie und lächelt sehr freundlich. Zwanzig Minuten später klemmt sie die erste Möhre zwischen die Stäbchen. Eine kleine Frau mit großem Willen. Ihr Blick ist so klar wie alles, was sie sagt. Neshat wirkt zeitlos. 53 Jahre alt und mädchenhaft schmal. Klassische Eleganz zu Ethno-Accessoires. Als sie sich fürs Foto die Lippen nachschminkt, sagt sie: "Das ist das Ding mit den Frauen: Sie müssen nicht nur intelligent klingen und gute Arbeit leisten. Sie müssen auch noch toll aussehen."

          Frauen waren schon immer ihr Thema. Auch wenn es die politischen Parallelen sind, die "Women without Men" Aktualität verleihen, ist das nur eine Dimension des nach einer Romanvorlage entstandenen Films. Einerseits geht es zwar um einen wenig bekannten Schlüsselmoment in der Geschichte Irans: 1953 wurde der erste demokratisch gewählte Premierminister des Landes in einem Putsch gestürzt, der maßgeblich von Amerikanern und Briten organisiert war, die ihren Zugriff auf iranische Ölreserven sichern wollten. Den Demonstrationen zum Trotz gelangte der Schah zurück an die Macht, was das bis heute angespannte Verhältnis zwischen Iran und dem Westen zu erklären hilft. Andererseits verknüpft der bildgewaltige, mitunter stark allegorische und surreale Film die Schicksale von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die alle aus einer Lebenskrise heraus einen Aufbruch wagen. Shirin Ne-shat sagt: "Mir gefällt die Poesie dieser Wechselbeziehung: dass ein ganzes Land und einzelne Frauen die gleichen Ziele verfolgen - nämlich Freiheit und Demokratie."

          Und alle vier Frauen sind ein bisschen Shirin Neshat.

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