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Gleicher Lohn für alle : „So eine Art kategorischer Imperativ“

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Wenn man den Geschäftsführer ärgern will, nennt man ihn Chef: Gernot Pflüger Bild: F.A.Z. Foto Rainer Wohlfahrt

Ob Grafikdesigner, Kameramann, Programmierer, Veranstaltungstechniker oder Lagerarbeiter: Eine Offenbacher Firma zahlt allen Mitarbeitern den gleichen Lohn. Das klingt komisch, scheint aber zu klappen: Die Kollegen sind zufrieden.

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          Ob Grafikdesigner, Kameramann, Programmierer, Veranstaltungstechniker oder Lagerarbeiter: bei der Offenbacher Firma "CPP Studios" sind alle gleich, und zwar auch, wenn's ums Geld geht. Jeder bekommt am Ende des Monats denselben Betrag aufs Konto (die genaue Summe wird nicht verraten). Ausgenommen von der Regelung sind nur die drei Auszubildenden, die hier noch "Stift" genannt und nach Tarif bezahlt werden, sowie die beiden Geschäftsführer, die mehr kriegen. Für die anderen zwanzig Mitarbeiter gilt: gleicher Lohn für alle.

          Normalerweise empfängt Geschäftsführer Gernot Pflüger Besucher im "Neckermann-Zimmer". An der dunklen Holztafel tagte einst der Versandhandelsvorstand. Die wuchtigen Stühle mit den türkisfarbenen Bezügen lassen sich nur mit einigem Kraftaufwand verrücken. Weil dort aber bald ein wichtiger Kunde Platz nehmen soll, geht es mit dem Besuch ins firmeneigene Mini-Kino. Dort lässt sich Gernot Pflüger auf ein Klappbett fallen. Den Schlafsack darauf schiebt er nicht zur Seite. Der Dreiundvierzigjährige in schwarzer Jeans und schwarzem Pullover zündet sich einen Zigarillo an. Er sieht sich nicht als Idealisten oder Gutmenschen und schon gar nicht als Kapitalismusgegner. Eine größere Unternehmensphilosophie will er hinter der Sache mit dem gleichen Lohn nicht erkennen. "Außer vielleicht, dass man eine Firma so gestalten sollte, dass man da gerne selber arbeiten würde. So eine Art kategorischer Imperativ, runtergebrochen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner." Dabei ist dem Geschäftsführer durchaus klar, dass einige seiner Mitarbeiter jederzeit die Firma wechseln und beträchtlich mehr verdienen könnten.

          Die Firma wuchs - das Prinzip blieb

          Pflüger, vierfacher Studienabbrecher, verdingte sich als Musiker und Journalist, als er 1983 die Firma für Veranstaltungstechnik zusammen mit zwei Mitstreitern gründete. Drei Jahre später übernahm er den Laden und führte das Gleicher-Lohn-Prinzip ein. Am Anfang war das kein großes Ding, es arbeiteten sowieso nur "ein paar handverlesene Leute" mit, Freunde, alte Bekannte aus Musiker-Zeiten. Doch die Firma wuchs - und das Prinzip blieb. Heute beschäftigt sich CPP laut Selbstauskunft mit der "inhaltlichen Konzeption, Planung und Durchführung multimedialer Produktionen und Veranstaltungen" - von der Cebit bis zum Kirchentag.

          In der Firma herrscht Duz-Pflicht
          In der Firma herrscht Duz-Pflicht : Bild: F.A.Z. Foto Rainer Wohlfahrt

          Es geht aber nicht nur um gleichen Lohn: "Die Einteilung in Organisieren von Arbeit einerseits und Erledigen der Arbeit andererseits empfand ich schon immer als sehr künstlich. Wir wollen da keinen Unterschied machen zwischen Leuten, die an teuren Schnittcomputern sitzen, und Leuten, die Veranstaltungstechnik auf- und abbauen", sagt Pflüger, der lieber über Zeit philosophiert, als konkrete Zahlen zu nennen. Hierarchien und festgefahrene Strukturen sieht er als Bedrohung von Produktivität und Innovationsfähigkeit. Und so ist innerhalb der Firma jeder gleich; es gibt keinen Chefgrafiker und keinen Verantwortlichen für die Technik - zumindest nicht intern. "Nach außen müssen wir wie eine normale Firma funktionieren, mit Produktionsleitern und Kundenkontaktern." Aber das sei eher eine Sachhierarchie. Wer die Idee hat, ist verantwortlich und leitet damit die Produktion. Beim nächsten Projekt kann wieder alles anders sein. Wer gestern noch Produktionsleiter war, entwirft morgen die Logos.

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