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: Ein Mann, der was zu sagen hat

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Wenn das Saallicht angeht und die Schauspieler Hand in Hand nach vorne laufen, wenn die Bühne nur noch Schlachtfeld ist und der Beifall tost, sieht Lars Eidinger aus, als wäre er nicht richtig da. Zweieinhalb Stunden lang hat der ...

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          Wenn das Saallicht angeht und die Schauspieler Hand in Hand nach vorne laufen, wenn die Bühne nur noch Schlachtfeld ist und der Beifall tost, sieht Lars Eidinger aus, als wäre er nicht richtig da. Zweieinhalb Stunden lang hat der Schauspieler als Hamlet an der Berliner Schaubühne gelitten, gehasst und getobt. Jetzt hängen die Haare wirr, die Kleider nass, sein Gesicht ist rot-schwarz verschmiert. Theaterblut und Blumenerde lassen die Augäpfel wie weiße Styroporbälle hervortreten, der Blick geht ins Leere in erstarrter Raserei. Das Publikum klatscht und klatscht. Und mit jeder Verbeugung schwindet allmählich der Wahnsinn aus Eidingers Augen, bis er lächelt, am Ende, ein großer Junge mit charmantem Schmelz.

          "Das ist auch eine Masche", sagt der Fünfunddreißigjährige einen Nachmittag später in einem Berliner Café, die Augen klar, letzte Erdreste am Ellenbogen: Er tue nur so, als stecke er noch in seiner Rolle.

          Lars Eidinger ist jemand, der ziemlich genau weiß, was er gerade sagt und tut, und dabei im Blick behält, was andere über ihn gesagt haben. Er weiß zudem, wie er wirkt, wenn er da so sitzt und anmerkt, dass er gerne Interviews gebe, weil er finde, dass er etwas zu sagen habe: nämlich ruhig und ausgeglichen und keinesfalls manieriert. Nie hat Eidinger einen Zweifel daran gelassen, dass er sich für überragend hält. Aber er stellt auch klar, dass dieses selbstgewisse Auftreten einer bewussten Entscheidung entspringt: "Das mit dem besten Schauspieler, das sage ich ja nur, weil mir umgekehrt die Koketterie so auf die Nerven geht, immer wieder Schauspielerinterviews lesen zu müssen, wo drinsteht: ,Ich habe Angst, dass alle irgendwann merken, dass ich es gar nicht kann.'"

          Natürlich hat er sich Gedanken gemacht, was er zu einem Fototermin anzieht, und weil sein bevorzugtes T-Shirt in der Wäsche steckte, trägt er ein knittriges blaues Hemd, das sich bei Castings bewährt hat, weil es ihn nicht auf einen bestimmten Typ festlegt. Wenn Eidinger dann erzählt, er sei Schauspieler geworden "aus dem Defizit heraus, dass ich mir nicht genüge, dass ich mir über Publikum eine Form von Bestätigung holen muss, die ich sonst nicht kriege, weil ich kein gesundes Selbstbewusstsein habe", leitet er dieses Schlüsselstatement über sich und seinen Beruf mit den Worten ein: "Da wundern sich immer alle, wenn ich das erzähle." So viel Selbstreflexion ist selten.

          Als Eidinger vor zwei Jahren vom Theatergeheimtipp zum Feuilletonliebling und Kinogesicht aufstieg, weil sein "Hamlet" Furore machte und der Beziehungsfilm "Alle anderen" zwei Berlinale-Preise gewann, schrieben Journalisten, der Schauspieler auf seiner Suche nach Liebe brauche den Applaus. "Natürlich bin ich darauf aus, dass Leute mich toll finden und mir zugucken", sagt Eidinger, das aber macht er nicht am Beifall fest, den er nicht einmal besonders mag, weil er den Übergang zwischen Spiel und Wirklichkeit als so abrupt empfindet. Deshalb auch die "Masche" am Ende von "Hamlet".

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