https://www.faz.net/-gms-6sg40

: Die Hüter des Feuers

  • Aktualisiert am

8.15 Uhr: "Dawaj Rossija, dawaj dawaj, dawaj Rossija!" Ohrenbetäubende Musik schallt über den Seliger-See. Die Bässe wummern durch die Fichten, zwischen denen Tausende junger Russen knapp 500 Kilometer nordwestlich von Moskau ihre Zelte aufgeschlagen haben.

          6 Min.

          Von Moritz Gathmann

          8.15 Uhr: "Dawaj Rossija, dawaj dawaj, dawaj Rossija!" Ohrenbetäubende Musik schallt über den Seliger-See. Die Bässe wummern durch die Fichten, zwischen denen Tausende junger Russen knapp 500 Kilometer nordwestlich von Moskau ihre Zelte aufgeschlagen haben. "Dawaj Rossija, dawaj dawaj!" Müde wälzen sie sich aus ihren Schlafsäcken, die Vertreter der zukünftigen Elite, die "fortschrittlichsten und talentiertesten Jugendlichen Russlands", wie der zur Eröffnung angereiste Minister für Sport und Jugend, Witali Mutko, die Anwesenden begrüßt: "In fünf bis zehn Jahren seid ihr es, die die Geschicke des Landes lenken!"

          8.30 Uhr: "Guten Morgen, Seliger!", brüllt Wasili Jakemenko von der Bühne. Der schneidige Jakemenko war mal Führer der Kreml-Organisation "Naschi" ("Die Unseren") und hat das Seliger-Lager erfunden. Hinter Jakemenkos Rücken blicken überlebensgroß der freundlich-optimistische Präsident Medwedjew und daneben Premier Putin auf die noch müden Massen. "Alle Jungs kommen mit mir, die Mädels können hier Gymnastik machen", ruft Jakemenko und rennt los. Ein "gesunder Lebenswandel" steht hier ganz oben auf der Liste: "Wer Alkohol trinkt, ist ein schlechter Mensch und wird nach Hause geschickt", bleut er den Teilnehmern ein. Die Hälfte der 3500 Jugendlichen schließt sich Jakemenko an: Fünf Kilometer, einmal die Straße zum Lager rauf und wieder runter, manche haben Fahnen dabei - russische, tschetschenische, dagestanische Flaggen flattern in der Morgensonne.

          Seit 2005 stählten sich die "Naschi" am idyllischen Seliger-See nicht nur ideologisch, sondern auch für den Straßenkampf. Die Organisation hatte sich der Kreml als Stoßtrupp gegen eine mögliche "Orange Revolution" in Russland ausgedacht. Doch die Gefahr eines Aufstandes ist gebannt, deshalb ist das Lager heute kein "Naschi"-Lager mehr, sondern das "Allrussische Jugend-Bildungsforum 2009". Und statt einigen tausend "Naschisten" werden in diesem Jahr binnen sechs Wochen 50 000 Jugendliche, Studenten, angehende Wissenschaftler, Geschäftsleute und Politiker durch das Lager geschleust. Sie sollen ihre Ideen vervollkommnen, Projekte entwickeln und noch im Lager selbst Investoren dafür finden. So die Idee. Die Fäden hinter den Kulissen ziehen jedoch weiterhin die "Naschi".

          Unter den Teilnehmern trifft man dagegen kaum überzeugte "Naschisten". Dafür wird viel und leidenschaftlich diskutiert. Denis Jurtschenko aus Woronesch redet sich bei einer Diskussion im Zelt "Juri Gagarin" gerade in Rage. "Stalin war in Russland der größte Faschist! Schaut doch, was er in den dreißiger Jahren und nach dem Krieg mit den Völkern gemacht hat!", wirft er einem Studenten entgegen, der gerade die Völkerpolitik der Sowjetunion als vorbildlich verteidigt hat. Denis erhält dafür Beifall von den anderen Jugendlichen, die es sich auf ihren Isomatten gemütlich gemacht haben. Der Zwanzigjährige studiert Politik und streitet sich gern über Geschichte und Politik. Er hat sich ein Projekt für das Toleranzprogramm in seiner südrussischen Heimatstadt Woronesch ausgedacht, die seit Ende der Sowjetunion zu einer der Metropolen der Fremdenfeindlichkeit geworden ist - mehrere ausländische Studenten wurden dort in den vergangenen Jahren umgebracht. Die Finanzierung des Projekts ist aber noch nicht sicher, bisher hat Denis nur "administrative Unterstützung".

          Im nächsten Zelt, zu Ehren des Regisseurs "Andrej Tarkowski" benannt, erzählt Juri Nikiforow, Historiker von der russischen "Akademie der Wissenschaften", über den steinigen Weg Russlands zur souveränen Demokratie. Heute geht es insbesondere um die finsteren Zeiten, die auf Gorbatschows Perestrojka folgten. "Wie hat Wladimir Wladimirowitsch Putin den Zerfall der Sowjetunion genannt", fragt Nikiforow in die Runde. Vorne meldet sich zum wiederholten Mal ein hübsches Mädchen mit roten Haaren. "Aha, unsere Wera hier weiß offenbar sehr viel!" Wera tritt ans Mikrofon: "Die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts." Anerkennend nickt Nikiforow. Am Ende tragen sich alle, die an der Diskussion teilgenommen haben, in eine Liste ein. "Glaubt nicht, dass man euch nicht beobachtet", sagt Nikiforow. Auch die schlaue Wera hinterlässt ihren Namen; die Listen sind Teil des Auswahlverfahrens, das aus den Tausenden ein paar Dutzend aussiebt. "Kader-Reserve" hieß das in der Sowjetunion, und so heißt das immer noch in Russland.

          Auch anderen sowjetischen Traditionen bleibt das Lager treu: Zwischen den Fichten hängen Dutzende Transparente mit Aussprüchen von Präsident Medwedjew: "Entweder du lernst, oder auf Wiedersehen" zum Beispiel, oder "Freiheit ist besser als Unfreiheit". Auch die Porträts des Tandems Putin/Medwedjew sind allgegenwärtig. Trainerin Swetlana scherzt: "Sind das unsere neuen Marx und Engels?"

          Wie aus einer anderen Zeit auch das "Ewige Feuer": Im Zentrum des Lagers stehen Tag und Nacht zwei Lager-Teilnehmer in braunen Militärmänteln und wachen über eine Flamme. Es soll eine Verbeugung vor den Groß- und Urgroßvätern sein, die das Land von den Faschisten befreiten.

          Seliger zieht aber auch Leute wie Igor an. Der Vierundzwanzigjährige hat vor kurzem sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Er und seine Freunde sind aus Moskau angereist - ohne jegliches Interesse für Politik, aber stattdessen mit einer Geschäftsidee und auf der Suche nach einem, der ihnen dafür Geld gibt. Genaueres über sein Projekt will Igor lieber nicht erzählen, weil er Konsequenzen fürchtet. Jetzt, nach dem Ende der Veranstaltung "Ich bin Unternehmer", fühlen er und seine Freunde sich betrogen, besonders von der Projektleiterin Jelena Botscharowa, ehemalige "Naschi"-Kommissarin. "Bei einer Versammlung in Moskau hat sie uns erzählt, dass die besten hundert Projekte auf jeden Fall eine Finanzierung in Höhe von zwei Millionen Rubel (etwa 46 000 Euro) bekommen", sagt Igor. In Wirklichkeit gab es kaum private Geldgeber, die auf dem Forum in Projekte investierten. "Am Ende haben nur vier Projekte insgesamt zwei Millionen bekommen, und die auch nur von der staatlichen Sberbank", sagt Igor wütend. Für ihn ist klar: Das Ganze ist nur eine große Show, "eine Möglichkeit für Politiker und Gouverneure, für sich Werbung zu machen". Auch für den Lager-Guru Jakemenko finden er und seine Freunde keine guten Worte: "Die Initiative derer, die wirklich etwas bewegen wollten, hat er gekillt!"

          Ein ganz anderes Bild bekommt Präsident Medwedjew vorgeführt. Schon seit dem Vortag laufen die Vorbereitungen, die staatlichen Fernsehkanäle haben sich in Stellung gebracht, über dem Lager kreist ein Hubschrauber des Kanals "Rossija", damit die Aufnahmen beeindruckender werden. Der Präsident nimmt Kontakt mit dem Lager auf - per Live-Schaltung aus seiner Moskauer Residenz. Nichts wird dem Zufall überlassen: Anheizer bringen die Masse in Schwung, erklären, wann geklatscht wird, stellen sicher, dass keiner den Platz verlässt, "selbst wenn es Ziegelsteine regnet", und am Ende "bedanken wir uns alle mit einem lauten ,Danke' bei unserem Präsidenten".

          Mit einer halben Stunde Verspätung erscheint ein gutgelaunter Präsident auf dem Bildschirm, lächelt viel und winkt der "Zukunft Russlands" immer wieder aufmunternd zu. Jakemenko und die anderen Seliger-Organisatoren erstatten Bericht über die Errungenschaften des Lagers, zum Beweis für die Effizienz dürfen einige junge Erfinder von ihren Innovationen berichten. "Ich habe ein neuartiges Mikroskop erfunden", erzählt der zehnjährige Sergej Luschkowski stolz, "das 1200 Mal stärker vergrößert als ein herkömmliches Modell." Medwedjew nickt anerkennend. "Und hast du schon einen Investor gefunden?", fragt der Präsident. "Nein, aber ich brauche nur anderthalb Millionen Rubel", antwortet der Bub. "Na, ich denke, da können wir helfen", erklärt der Präsident großzügig und wird dafür von der Menge beklatscht.

          "Wie viele seid ihr denn da?", fragt Medwedjew immer wieder. Die 3500 sind so aufgestellt, dass sie auf dem Bildschirm des Präsidenten und in den Abendnachrichten des Staatsfernsehens einer endlosen Masse gleichen. Die Masse schweigt jedoch, dafür antwortet der Lagerleiter: "7000." Medwedjew lächelt verschmitzt, und fast hat man den Eindruck, als durchschaue dieser augenzwinkernde Präsident Russlands, dass man ihm nach alter russischer Tradition Potemkinsche Dörfer vorführt. Kein Wunder, dass unter den Teilnehmern am Abend Gerüchte kursieren, der Präsident halte vom Seliger-Lager wenig, und im nächsten Jahr werde es weder "Dawaj Rossija" geben noch Innovationen, noch Lieder am Lagerfeuer.

          Acht Uhr abends, allabendliche Versammlung vor der Bühne. Alle sind angetreten, die Tschetschenen und Dagestaner wie immer fahnenschwenkend in der ersten Reihe. "Jetzt kommt Goebbels", flüstert ein Student aus Uljanowsk und grinst verschwörerisch. Auf die Bühne tritt wie jeden Abend Jakemenko, begnadeter Redner und Manipulator. Er ist sauer und schweigt in die Menge, bis sie verstummt. "Heute war der Bildungsminister zu Besuch in unserem Lager. Und einer von uns hat ihn gefragt, ob das monatliche Stipendium für Studenten von 1000 auf 1200 Rubel erhöht werden kann." Pause. Gespanntes Schweigen. "Dass es euch nicht peinlich ist, einen Minister anzubetteln", brüllt Jakemenko den Haufen zusammen. "Ihr sollt nicht mehr dem Staat im Nacken sitzen, sondern eure Projekte verwirklichen, Investoren finden!" Etwas unschlüssig steht die Menge in der Abendsonne, die Flaggen hängen schlaff herunter, auch die tschetschenischen. Aber der Anheizer im Hintergrund reißt die Hände hoch. Und einige hundert beginnen tatsächlich zu jubeln, beklatschen ihre eigene Erniedrigung. Viele Gesichter zeigen aber Unverständnis. Auch der Russe, der Jakemenko eben Goebbels genannt hat, blickt betreten. "Dawaj Rossija, dawaj, dawaj!" wummert es wieder aus den Boxen.

          Topmeldungen

          Zwei Soldaten einer Spezialeinheit bei der Desinfektion in Torre Boldone bei Bergamo

          Vorwürfe an die Regierung : Wer ist schuld am Massensterben in Bergamo?

          In Bergamo und Umgebung sind bislang 2600 Menschen an Covid-19 gestorben – so viele wie nirgendwo sonst in Italien. Hätte man das verhindern können? Aus Sicht der Regierung hat die Lombardei zu spät reagiert. Die Region sieht die Schuld in Rom.
          Kämpfer der schiitischen Houthi-Rebellen in Sanaa auf einem Foto vom September 2019.

          Kein Ende der Gewalt im Jemen : Der Preis der Kompromisslosigkeit

          Saudi-Arabien sucht nach einem gesichtswahrenden Ausstieg aus dem Krieg im Jemen. Aber auch beim Weg zum Frieden blockieren die Kriegsparteien einander. Den Preis zahlt die Bevölkerung – und jetzt droht noch die Corona-Pandemie.