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: Der Erdumrunder

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Helge Timmerberg ist gut drauf. Zwar hat ihn ein "fucking Bandscheibenvorfall" kürzlich für ein paar Wochen aus der Bahn geworfen. Aber dafür steht sein neues Buch beim "Spiegel" in der Bestsellerliste.

          6 Min.

          Von Alexander Marguier

          Helge Timmerberg ist gut drauf. Zwar hat ihn ein "fucking Bandscheibenvorfall" kürzlich für ein paar Wochen aus der Bahn geworfen. Aber dafür steht sein neues Buch beim "Spiegel" in der Bestsellerliste. Endlich hat es mal geklappt! "So um die neun" hat er in seinem Leben schon geschrieben, und seit Montag liegt "In 80 Tagen um die Welt" in den Sachbüchern auf Platz elf: zum ersten Mal in den Charts! Ob ein Geschichtenerzähler wie Timmerberg nicht besser bei der Belletristik aufgehoben wäre, ist dann letztlich auch egal. Sogar gesundheitlich geht's inzwischen wieder aufwärts. Er kann halt nur nicht so lange sitzen und muss immer mal wieder vom Schreibtisch aufstehen, um etwas im Zimmer herumzulaufen, wenn der Rücken weh tut. Dass die Schmerzen beim Erzählen in den Hintergrund treten, trifft sich da ganz gut. Denn Helge Timmerberg hat viel zu erzählen.

          Wir sind für 21 Uhr in einer mexikanischen Kneipe im zweiten Wiener Bezirk verabredet, wo er ganz in der Nähe seit Jahren eine Wohnung hat. Timmerberg ist pünktlich; den Fototermin vor ein paar Tagen hätte er beinahe noch verpennt. Der fand allerdings auch vormittags statt, und wer Helge Timmerberg gegenübersteht, dürfte ahnen, dass das womöglich nicht seine beste Zeit ist. Wenn die floskelhafte Charakterisierung "Alt-Hippie" überhaupt auf irgendjemanden zutreffen sollte, dann auf ihn. Vor zehn Jahren drehten die Coen-Brüder den großartigen Film "The Big Lebowski", in dem Jeff Bridges einen langhaarigen Zausel in den mittleren Jahren spielt, der sich gern mal einen Joint genehmigt und dazu in der Badewanne Walgesängen auf Tonband lauscht. Ein Kiffer, ein Rumtreiber, irgendwie nicht mehr zeitgemäß - aber mit Haltung. So einer ist Helge Timmerberg.

          Die mexikanische Kneipe ist ganz nett, die Frau hinter dem Tresen kennt ihren Stammgast, und rauchen darf man in der österreichischen Gastronomie immer noch (was für Timmerberg ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, so bald nicht von hier wegzuziehen). Aber für eine Unterhaltung sind die Hintergrundgeräusche zu laut. Also gehen wir zu ihm nach Hause. Seine Altbauwohnung liegt nur ein paar Minuten zu Fuß entfernt, Ordnung, Sauberkeit und Mobiliar entsprechen in etwa dem Niveau einer Studenten-WG der frühen achtziger Jahre. Hinter dem Schreibtisch an der Wand hängt ein Poster mit Klaus Kinski. Der ist Vorbild, der hat auch immer getan, was ihm gerade passte. Timmerberg dreht sich ein Tütchen, bläst Rauch über den Bildschirm seines Apple-Computers (auch wer kein Handy besitzt, kommt an manchen Errungenschaften der Moderne nicht vorbei) und berichtet, wie alles anfing. Damals, Ende der sechziger Jahre, in der tiefsten deutschen Provinz.

          Vater Fernfahrer, Mutter Kellnerin in einer nordhessischen Truckerkneipe: nicht gerade das Milieu, in dem Bestsellerautoren aufwachsen. Der Sohn schaffte denn auch mit Ach und Krach gerade mal den Realschulabschluss. Die einzigen Talente, mit denen der adoleszente Helge Timmerberg bis dahin auf sich aufmerksam gemacht hatte, waren Tischtennisspielen sowie das Verfassen überlanger Schulaufsätze, die regelmäßig das Thema verfehlten. Dank väterlicher Beziehungen klappte es trotzdem mit einem Ausbildungsplatz, und zwar bei einer Textilhandelsfirma in Bielefeld. "Mir kam das vor wie bei Kafka, alles um mich herum war eine einzige graue Welt." Das nötige Erweckungserlebnis bescherte ihm ein Berufsschulausflug nach Amsterdam. Allerdings nicht wegen der hübschen Grachten und der vielen Museen, sondern weil das Hotel mitten im Rotlichtviertel lag: "Rechts Huren, links Dealer, und ich mittendrin. Herrlich!" Nachdem Helge Timmerberg gleich am ersten Abend sein ganzes Taschengeld bei einer Halbchinesin durchgebracht hatte und mit drogenvernebeltem Kopf zurück zum Hotel wankte, war er zumindest um die Erkenntnis reicher, vom Schicksal nicht für eine Karriere im Bielefelder Textilhandel auserkoren worden zu sein. Die Vorsehung stimmte, kurz darauf war er seine Lehrstelle los: "Die mochten einfach meine langen Haare nicht."

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