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Arbeitsziel Deutschland : Die Krisenflüchtlinge

  • -Aktualisiert am

Politikwissenschaftler aus Italien: Haithem Machfar Bild: Marcus Kaufhold

Eine neue Generation Südeuropäer macht sich auf, in Deutschland ihr Glück zu suchen. Viele sind gut ausgebildet, doch der Neubeginn in der Fremde ist nicht leicht.

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          Kostas Georgiu hat den Himmel eingetauscht. Den blauen über Thessaloniki gegen den neblig-orangen über Kleve. Er hat das Meer gegen den Niederrhein getauscht, die Großstadt gegen die Kleinstadt. Und das lange Warten gegen einen Job.

          Es war die griechische Krise, die den 32 Jahre alten Georgiu, Jungenlachen, dunkle Augen und fester Händedruck, aus seiner Heimat vertrieb. Mitten in seiner Facharztausbildung hätte er in Griechenland plötzlich für ein bis zwei Jahre aussetzen und warten müssen. Deshalb packte er seine Koffer. "Es war für mich ein schwerer Schritt, meine Heimat zu verlassen", sagt Georgiu, der eigentlich anders heißt, aber nicht will, dass sein Name in der Zeitung steht. "Hier in Deutschland bin ich alleine, habe keine Bekannten."

          Haithem Machfar, Italiener und Sohn tunesischer Einwanderer, tauschte den Gardasee gegen den Rhein, die Zitronenbäume gegen die Eiche. In Trient hatte Machfar "Internationale Beziehungen" studiert, Abschluss im April 2011, seither suchte er mitten in der italienischen Krise nach Arbeit. "Ich hätte im Restaurant oder als Verkäufer arbeiten können", sagt er, "aber ich wollte eine Perspektive haben." Und so zog er im September nach Mainz, wo seine deutsche Freundin lebt. Alleine war er nicht, aber er hatte keinen Job, und Deutsch konnte er auch nicht.

          Im Doppelpack aus Spanien: Beatriz Millán und Avid Royo
          Im Doppelpack aus Spanien: Beatriz Millán und Avid Royo : Bild: Kaufhold, Marcus

          David Royo und Beatriz Millán kamen gleich im Doppelpack nach Deutschland, sie tauschten den spanischen Fluss Ebro gegen den Main. Royo wechselte den Firmenstandort seines Arbeitgebers, des IT-Dienstleisters GFT-Technologies, und arbeitet nun in Eschborn bei Frankfurt. Seine Frau, die bis Anfang des Jahres bei einem Immobilienunternehmen angestellt war, das dann wegen der spanischen Krise dichtmachte, gab die Suche nach Arbeit in Spanien auf und sucht jetzt hier in Deutschland.

          Jeder zweite Spanier unter 25 ohne Job

          Gut 50 Jahre nach den ersten Gastarbeitern macht sich eine neue Generation an jungen Spaniern, Griechen, Italienern und Portugiesen auf, um der Krise in ihren Ländern zu entfliehen, voll der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Die neuen Gastarbeiter sind gut ausgebildet, es sind Ärzte, Ingenieure, Computerspezialisten, Geisteswissenschaftler. Wie viele es insgesamt sind, lässt sich schwer sagen, dank der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union muss sich keiner von ihnen anmelden. Aber es gibt Seismografen.

          Kostas Georgiu arbeitet als Assistenzarzt in einer Klinik in Kleve, seine Facharztausbildung hätte der Grieche in der Heimat nicht fortsetzen können
          Kostas Georgiu arbeitet als Assistenzarzt in einer Klinik in Kleve, seine Facharztausbildung hätte der Grieche in der Heimat nicht fortsetzen können : Bild: Schoepal, Edgar

          Allein 14.000 spanische Bewerber haben sich bei der ZAV, derZentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, bislang registriert, mehrheitlich junge Leute, ein Viertel davon Ingenieure. Und diese Zahl dürfte weiter wachsen, denn in Spanien gibt es inzwischen fünf Millionen Arbeitslose, jeder zweite unter 25 Jahren hat keinen Job, viele sehen für sich keine Zukunft mehr im eigenen Land. Das Interesse an Deutsch-Kursen ist deshalb groß. Das Goethe-Institut in Barcelona etwa kann derzeit keine weiteren Kurse anbieten, weil die Räume aus allen Nähten platzen. Die Teilnehmerzahlen sind im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent gestiegen, auf etwa 2500.

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