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Revolution unseres Weltbildes : Der Vater des Urknalls

George Lemaître führte Mathematik und Beobachtungen zusammen. Dann kam er auf den Gedanken, dass die materielle Welt einen Anfang in der Zeit gehabt haben könnte. Bild: Archiv

Der belgische Astrophysiker Georges Lemaître zettelte eine tiefgreifende Revolution unseres Weltbildes an. Hatte das damit zu tun, dass er nebenbei auch Priester war?

          8 Min.

          Jeder kennt Hubble. Seit zwei Jahrzehnten zeigt uns das Weltraumteleskop spektakuläre Bilder vom Kosmos. Benannt ist es nach dem Astronomen Edwin P. Hubble (1889 bis 1953), dem oft die Urheberschaft der Erkenntnis zugeschrieben wird, dass unser Weltall expandiert. In der Tat stellte Hubble 1929 fest, dass Galaxien sich umso schneller von uns wegzubewegen scheinen, je entfernter sie sind. Seit den 1950er Jahren heißt dieser proportionale Zusammenhang „Hubble-Gesetz“ und die kosmische Expansionsrate „Hubble-Konstante“. Doch ist dies ein klassischer Fall für das Theorem, das der Statistiker Stephen Stigler 1980 aufstellte: Keine wissenschaftliche Entdeckung ist nach ihrem eigentlichen Entdecker benannt.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich findet sich die fragliche Einsicht bereits 1927 im Fachartikel eines jungen Professors im belgischen Löwen, eines Spezialisten für Relativitätstheorie, der seit 1923 auch katholischer Priester war: Georges Edouard Lemaître (1894 bis 1966). Obwohl zu seinen Lebzeiten ein bekannter Forscher, ist Lemaître heute nur in Fachkreisen ein Begriff. Die Taufe eines kommende Woche startenden Raumschiffes auf seinen Namen (siehe „Der letzte Brummi“) soll das ein wenig korrigieren.

          Seine wichtigste Erkenntnis ist heute selbstverständlich

          Zu den Gründen für Lemaîtres mangelnde Prominenz zählt vielleicht auch, dass uns seine wichtigste Erkenntnis heute selbstverständlich geworden ist: Der Kosmos hatte einen Anfang in der Zeit. Das Weltall expandiert, nachdem es vor einer endlichen Zeitspanne (nach heutiger Erkenntnis 13,8 Milliarden Jahre) überhaupt erst entstand. Auch wenn er selbst sich dessen 1927 nicht bewusst war und der Begriff damals noch nicht existierte, so war Georges Lemaître doch der Vater des Urknalls.

          Edwin P. Hubble machte die entscheidenden Beobachtungen.

          Bis dahin waren die Astronomen ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Welt schon immer existierte. Alles andere war unvorstellbar – wenn man nicht, wie der Philosoph Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“, sowieso der Ansicht war, dass die Frage nach Zeitlichkeit oder Ewigkeit der Welt zu Widersprüchen führe und daher kein Gegenstand von Wissenschaft sein könne. Selbst Albert Einstein fühlte sich gezwungen, seine allgemeine Relativitätstheorie zu modifizieren, nachdem sie zunächst zu einem Universum führte, das nicht statisch und ewig war.

          Erst Georges Lemaître sah, dass es das jedoch keineswegs sein muss. Die Ewigkeit der Welt als ganzer war der letzte und zäheste Rest der alten aristotelischen Naturphilosophie, über den hinauszudenken bis dahin nur wenigen gelungen war. Dabei hatte man geglaubt, Aristoteles schon 400 Jahre zuvor überwunden zu haben: mit Kopernikus’ Idee, die Erde nicht als Zentrum des Alls anzusehen. „Man ist versucht“, schreibt der dänische Wissenschaftshistoriker Helge Kragh, „Lemaîtres Weltmodell von 1927 mit dem kosmologischen Meisterwerk des Kopernikus zu vergleichen.“

          Beobachtung des Astronomen Vesto Slipher

          Dabei entwickelte sich die Einsicht auch bei dem Belgier schrittweise – so schlug er 1927 nur vor, dem Universum seine Unveränderlichkeit zu nehmen, noch nicht seine ewige Dauer. Und natürlich arbeitete er nicht allein.

          Am Anfang des Weges zum Urknall standen zwei Befunde: einer der Beobachtung und einer der Theorie. Ersteren erbrachte 1912 der amerikanische Astronom Vesto Slipher. Ihm war es gelungen, die Lichtspektren mehrerer Spiralnebel genau genug zu vermessen, um aus Verschiebungen der Spektrallinien eine Geschwindigkeit jener Nebel relativ zur Erde zu bestimmen.

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