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Serie: Wie wir reich wurden (36) : Wie die Kohle als Brennstoff entdeckt wurde

Die Zechen machten das Ruhrgebiet reich Bild: ddp

Schon in der Antike heizten die Menschen mit Kohle. Doch erst als eine Technik kam, die das ganze Potential des fossilen Brennstoffs nutzte, lohnte sich der Abbau in Massen - und befeuerte in vielerlei Hinsicht die industrielle Revolution.

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          Das rasante Wachstum war William Stanley Jevons nicht geheuer. Er stellt daher die Kohlefrage: Die Fabriken schossen wie Pilze aus dem Boden, die Industrieproduktion boomte, und die Wirtschaft Englands verbrauchte inzwischen Unmengen an Kohle. Jevons betrachtete das alles mit großer Skepsis. Er war ein über die Grenzen des Landes hinaus bekannter Ökonom, der trotz seiner internationalen Reputation bodenständig und bescheiden geblieben war. Diese atemraubenden Produktionskurven, die immer steiler anstiegen, veranlassten den Wissenschaftler Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu ersten wachstumskritischen Überlegungen: Würde es auf Dauer möglich sein, die ständig steigende Zahl von Dampfmaschinen mit dem fossilen Brennstoff zu versorgen?

          Inge Kloepfer
          (ink.), Freie Autorin

          Jevons widmete dieser Frage eine lange Abhandlung, die unter dem Titel „Die Kohlefrage“ 1865 erschien und im Parlament zu hitzigen Debatten führte. Was, wenn der Rohstoff zur Neige ginge und der industriellen Expansion ein jähes Ende bereitete? Der Ökonom jedenfalls rechnete weit in die Zukunft und prognostizierte, dass England bei einer Wachstumsrate von 2 Prozent schon im Jahr 1920 jährlich 500 Millionen Tonnen Kohle schürfen müsste. Spätestens 1980 wären bei den erforderlichen 1000 Millionen Tonnen die Vorkommen erschöpft und das Ende der Industrialisierung erreicht.

          Kaum jemand interessierte sich für die Steine, die wärmten

          Die Kohle - das hatte der Ökonom richtig erkannt - hat die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts befeuert. Ohne sie sind die atemraubenden Veränderungen seiner Zeit nicht denkbar. Man könnte sagen, der Beginn der Industrialisierung habe in der Entdeckung der Kohle als Brennstoff seine Wurzeln. Doch so ganz stimmt das nicht: Für den Einsatz dieses fossilen Brennstoffs zu industriellen Zwecken brauchte es auch die technischen Voraussetzungen. Zwar erlaubte die Kohle neue Arten der Energienutzung, doch dazu brauchte es ihrerseits Quantensprünge in der technischen Entwicklung: Erst die Technik machte es möglich, nicht nur die Wärme dieser brennenden Steine zu nutzen, sondern sie in Bewegungsenergie umzuwandeln. Das verlieh der Kohle ihre zentrale Bedeutung. Und das ermöglichte die Dampfmaschine.

          Kohle war im 18. und 19. Jahrhundert tatsächlich nichts Neues. In der Antike entdeckt, war sie bereits viele Jahrhunderte vor dem explosionsartigen Wirtschafts- und Wohlstandszuwachs durch die Industrialisierung als fossiler Brennstoff im Einsatz. Doch für die Steine, die wärmten, interessierte sich kaum jemand. Der Abbau war mühsam, die Verarbeitung unerforscht. Jahrhundertelang verließen sich die Menschen zum Heizen lieber auf das Holz und zur Fortbewegung auf ihre eigenen Muskeln oder die der Tiere sowie auf Wasser- und Windkraft.

          Erst James Watt gelang es, ihr ganzes Potential zu nutzen

          Das änderte sich, als die Hochwälder Englands und Irlands abgeholzt waren und das Holz auch auf dem Kontinent knapp wurde. Im Mittelalter legten die Menschen erste Kohlegruben an, um Häuser zu beheizen, eine höchst unbeliebte Notlösung. Auch wenn die vornehme Londoner Gesellschaft schon im 13. Jahrhundert ob des unerträglichen Kohlequalms in den Häusern die Nase rümpfte: Es blieben kaum Alternativen. Im 17. Jahrhundert verheizten sie allein in London täglich 1700 Tonnen Kohle.

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