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Rohstoffe : Der große Goldrausch in Australien

Goldbarren Bild: dpa

Die Stadt Perth ist weit weg vom Rest der Welt. Aber es spürt die Krise ganz besonders: Seine Münzanstalt kommt kaum mit dem Prägen hinterher. Vor allem Deutsche kaufen Gold.

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          Nigel Moffatt trägt kleine Goldbarren am Ärmel. Wer sonst sollte solche Manschettenknöpfe anlegen? Schließlich lässt Moffatt Goldbarren schmelzen, Tag für Tag. Und täglich klopfen mehr Menschen bei ihm an, die Gold kaufen wollen. Denn Nigel Moffatt ist Finanzchef der "Münze" von Perth.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Perth? Die Stadt in Westaustralien trägt den Ruf, entlegenste Metropole der Welt zu sein. Die Uhr schlägt hier nach asiatischer Zeit, nicht nach derjenigen der 3000 Kilometer entfernten Hauptstadt Canberra. Doch Perth ist reich geworden, denn es ist zwar umgeben von australischer Einöde - aber unter der roten Erde liegen Erz, Kupfer, Diamanten, Erdöl, Gas und: Gold.

          Das fanden Arthur Bayley und William Hoover vor mehr als hundert Jahren. 1892 stießen sie auf die Goldader in Coolgardie. Es folgte der erste Goldrausch: 1904 waren mehr als 1200 westaustralische Goldschürf-Firmen an der Londoner Börse notiert. Perths Einwohnerzahl vervierfachte sich nach der Jahrhundertwende in nur zehn Jahren auf 200 000. Auch in der Depression 1929 erlebte Perth goldene Jahre. Unter den Schatzsuchern war sogar der spätere amerikanische Präsident Herbert Hoover.

          Münzanstalt (in Perth)

          Der dritte Goldrausch

          Die Regierung gab den Schürfern Geld für den Ritt in den Outback, für Essen, Schaufeln und Hacken. Und Hugh Corbet, damals Chef der Prägeanstalt "Münze", verfasste ihnen eine Bibel: "Hinweise für Goldgräber". Er machte den Abenteurern auch Mut: "Was für wundervolle Burschen ihr seid! Geplagt von Durst, Hunger und Weltschmerz, gebt ihr doch nie auf."

          Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise fegt nun der dritte Goldrausch durch die Stadt. Die heutigen Glücksritter kommen per Singapore Airlines oder Qantas, bummeln durch Perth oder sitzen am Hafen, bevor sie nach Margret River aufbrechen. Vorher betreten sie durch das wuchtige grüngoldene Portal die "Münze" und tauschen ihre Dollar gegen hartes Gold.

          Rund 80 000 Besucher zählt die Münzanstalt im Jahr. Immer mehr wollen sich absichern gegen einen Verfall der Währungen. Nichts, so sind sie überzeugt, sei dazu besser geeignet als australisches Gold. Für asiatische Kunden gibt es hier Münzen mit Affe, Ochse oder Ratte, den Zeichen aus dem asiatischen Tierkreis. Für Amerikaner eine Münze als Erinnerung an den Geburtstag von Barbie vor 50 Jahren. "Bei uns kaufen jetzt Mamas und Papas. Die wollen ihren Besitz nicht mehren, sondern schützen", sagt Bron Suchecki, einer der Manager der Münzanstalt. Die starke Nachfrage hat Australien zum drittgrößten Goldförderer der Welt gemacht, nach China und Südafrika.

          Anfangs mussten die Australier den Spaniern Münzen abkaufen

          110 Jahre ist die Prägeanstalt nun alt und gefragt wie nie zuvor. In ihren Anfängen mussten die Australier noch den Spaniern Münzen abkaufen. Bis 1970 stand die "Münze" noch unter Kuratel der Königlichen Münzanstalt von London. Nun gehört sie der Gold Corporation, und die wiederum hat nur eine einzige Aktie ausgegeben, an die Landesregierung von Westaustralien. Für die lohnt sich das Geschäft: 63 Millionen australische Dollar Dividende hat die Münzanstalt seit 1988 ausgeschüttet. "Wir sind aufgebaut wie ein börsennotiertes Unternehmen. Aber wir gehen nicht an die Börse", sagt Finanzchef Moffatt.

          Hinter den Eisentüren der Prägeanstalt liegt ein Dorado. Die Räume sind in dezent-britischem Jaguar-Grün gehalten, in schweren Vitrinen lagern Schätze wie bei den alten Azteken. Gäste dürfen für 15 Dollar Eintritt einen Barren im Wert von 200 000 australischen Dollar (108 784 Euro) berühren, der hinter Panzerglas verwahrt wird. "Die Goldablagerungen in den Wänden hier sind wohl allein eine Viertelmillion Dollar wert", sagt Touristenführer Greg Cooke.

          Moffatt hat die Gesamtsumme des Hauses im Blick: Der Umsatz dürfte 2009 bei mehr als drei Milliarden australischen Dollar liegen, ein Drittel davon kommt aus dem Verkauf von Münzen. "Die Deutschen sind unsere besten Kunden", sagt Verkaufsleiter Ron Currie, "seit dem 1. Juli haben wir Gold- und Silbermünzen für 300 Millionen Dollar in Deutschland verkauft. Dreimal so viel wie im Jahr zuvor." Ein Grund sei die Inflationsangst: "Es kommt hinzu, dass die Menschen Australien mögen."

          Riesige Tresore in der Münzanstalt

          Der richtig große Deal wird in Perth gemacht. "Zurzeit eröffnen wir hier 50 bis 60 neue Konten - am Tag", sagt Moffatt. Auch der Absatz von Zertifikaten brummt. Seit Oktober stiegen die Goldeinlagen auf Kundenkonten von 1,5 auf mehr als 2,5 Milliarden Dollar. 90 Prozent des Goldes gehören Ausländern. Der Löwenanteil lagert draußen vor der Stadt, in geheimen Safes. Auch die alte Münzanstalt selbst verfügt über riesige Tresore. "Dann haben wir noch die der Zentralbank übernommen, als sie aus Perth wegzog", sagt Moffatt.

          Auf eine Wette auf den Goldpreis will er sich nicht einlassen. Doch die Zahl der echten Goldsucher, die eine Lizenz zum Schürfen beantragen, zeigt den Trend: Sie hat sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Da ist es kein Wunder, dass viele auch der alten Münzanstalt ein brillantes Geschäftsjahr vorhersagen. Oder, wie Moffatt es sagt: "In schlechten Zeiten geht es uns traditionell sehr gut."

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