https://www.faz.net/-gmg-7moze

Gastbeitrag : Ist der Liberalismus unmenschlich?

  • -Aktualisiert am

„Es ist nicht die Wohltätigkeit des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, die uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie nach ihrem eigenen Vorteil trachten“, schreib Adam Smith in seinem berühmten Buch „Der Wohlstand der Nationen“ (1776). Bild: Achenbach-Pacini / VISUM

Der Bäcker backt Brot, weil er damit Geld verdient. Und nicht, weil er anderen helfen will. Das funktioniert - doch es darf nicht alles sein.

          Man mag sich wundern: Während die Freiheit allenthalben gefeiert wird, ist der Liberalismus in Verruf geraten. Er diene - so heißt es - als Rechtfertigung für Gier und Rücksichtslosigkeit; hinter seiner hehren Rhetorik verberge sich die schiere Unmenschlichkeit. Es gibt kaum eine Misere in dieser Welt - Umweltzerstörung, Finanzkrisen, Hungersnöte, Bürgerkriege -, an welcher der Liberalismus nicht schuldig sein soll. Auch gibt es kaum eine Partei, die sich erfolgreich auf den Liberalismus beruft, kaum einen Kirchenführer, der nicht auf Distanz zum Liberalismus geht. Allenthalben wird im Namen der Menschlichkeit und der Mitmenschlichkeit dem Liberalismus der Prozess gemacht. Die Frage ist, ob er wirklich schuldig ist oder ob er gerade im Namen der Freiheit, der Menschlichkeit und der Mitmenschlichkeit verteidigt werden kann. Dazu sechs Anmerkungen:

          Erstens: Bei der Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, den vielen Anklägern einen Entlastungszeugen gegenüberzustellen. Und weil Klassiker Autoren sind, die wohl gestorben, aber nicht tot sind, mag man einen von jenen, die den Liberalismus begründet haben, als Zeugen aufrufen: Adam Smith. Ihm ging es darum, Freiheit, Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit miteinander zu verbinden, sie gleichzeitig wirklich werden zu lassen. Die Frage ist, ob heute in der Realität eingelöst wird, was er denkend vorweggenommen hat. Bekannt ist Smiths Diktum, dass wir das Brot nicht vom Wohlwollen des Bäckers, sondern von dessen Eigennutz erwarten können: Er steht schon morgens um fünf in der Backstube; nicht, weil er in heiliger Nächstenliebe oder heldenhafter Hingabe um unser, der Käufer, Wohlergehen besorgt ist; ihm geht es um seinen Gewinn.

          Auf den ersten Blick mag eine Gesellschaft unmenschlich scheinen, in welcher der Bäcker seine Kunden nicht als Menschen sieht, sondern nur deren Geldschein im Auge hat, in welcher auch die Käufer im Bäcker nicht den Menschen, sondern lediglich den Brötchenlieferanten erblicken. Und so ist es verständlich, dass ein Großteil der Liberalismus-Kritik moniert, dass die Menschen einander so sehr entfremdet werden, dass sie sich nicht mehr als Menschen und Mitmenschen wahrnehmen, ja, dass sie sich selbst als Menschen abhandenkommen. In dieser Optik sehen sich die Menschen wechselseitig allenfalls als Nachfrager beziehungsweise als Anbieter, als Human Resources, nicht aber als Menschen. Und sich selbst erleben sie im Zweifel als Waren, die es zu vermarkten gilt. Diese Kritik ist alt; schon Marx hat seinerzeit von der Entfremdung des Menschen gesprochen.

          Zweitens: Mag diese Kritik auch alt und heute weit verbreitet sein, so ist zu fragen, ob sie berechtigt ist. Zweifel sind angebracht aus folgendem Grund: Obschon richtig ist, dass in der von Smith angesprochenen Gesellschaft die Menschen sich wechselseitig als Menschen fremd sind, so ist es doch gleichzeitig ausgesprochen realistisch und menschlich, ja menschenfreundlich, vom Einzelnen nicht zu erwarten, dass er und seine Mitmenschen Helden oder Heilige sein müssen, wenn sie miteinander auskommen, ja gegenseitig von Nutzen sein sollen. In der Tat: Es braucht wenig Phantasie, um sich auszumalen, wie sehr jeder Einzelne überfordert wäre, wenn er nur dann ein nützliches, ja auch nur ein akzeptables Gesellschaftsmitglied sein könnte, wenn er ein Held oder ein Heiliger wäre. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, den Einzelnen nicht zu überfordern. Tut man dies nämlich, so landet man geradezu zwangsläufig in grauenhafter Unmenschlichkeit. Pascal hat wohl recht, wenn er sagt, dass der Mensch, will er zum Engel werden, zum Tier wird.

          Topmeldungen

          Ein Serienstar wird Präsident : Wenn Fiktion Wirklichkeit wird

          Der Komiker Wolodymyr Selenskyj hat den Aufstieg seines Serien-Alter-Egos im echten Leben wahrgemacht. Er wird laut Prognosen Präsident der Ukraine. Seinen ersten Auftritt nach der Wahl nutzt der umstrittene Polit-Newcomer, um eine Botschaft zu senden – und ein Versprechen abzugeben.