https://www.faz.net/-gmg-7tmdf

Fußball-Nationalmannschaft : Junge Jäger

Reus war bei der WM nur in Gedanken dabei, aber ihm traut Löw ebenso viel zu wie Götze Bild: Reuters

Bundestrainer Löw plant das nationale Rotationsprinzip. Vor dem Start in die EM-Qualifikation gegen Schottland (20.45 Uhr) öffnet er neuen Leuten die Tür. Die Mannschaft soll noch einmal besser werden - aber das wird dauern.

          4 Min.

          Die Geschichte von Christoph Kramer ist die vielleicht verrückteste, seit Joachim Löw diese Mannschaft trainiert. Wenigstens aber ist sie eine ganz besondere, eine einmalige. 8. Mai 2014: Bekanntgabe des vorläufigen WM-Aufgebots - ohne Kramer. 13. Mai: erstes Länderspiel beim 0:0 gegen Polen. 2. Juni: Nominierung in den endgültigen Kader. 30. Juni: erster WM-Einsatz gegen Algerien. 13. Juli: Startelf-Einsatz im WM-Finale - und Blackout nach einer guten Viertelstunde.

          Der Zusammenprall mit dem Argentinier Ezequiel Garay war die abrupte Vollbremsung eines Aufstiegs, der so schnell verlief, dass einem hätte schwindlig werden können. Inzwischen hat Weltmeister Kramer längst wieder Fahrt aufgenommen. Am Mittwoch, beim Wiedersehen mit Argentinien, stand der Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach ganz selbstverständlich in der deutschen Startelf. Und dasselbe wird er auch an diesem Sonntag wieder tun, wenn die Nationalmannschaft in Dortmund gegen Schottland (20.45 Uhr / RTL und im Liveticker bei FAZ.NET) in die Europameisterschafts-Qualifikation startet.

          Nur kurzzeitig ausgebremst: Christoph Kramer im WM-Finale

          Die Perspektiven für den 23 Jahre alten Kramer in der ersten Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind glänzend. Kurzfristig, weil Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira verletzt sind. Aber auch langfristig, weil er mit seiner Mischung aus Duracell-Laufstärke und unaufgeregter Umsichtigkeit alles mitbringt, um die Rolle im Mittelfeldzentrum auf Sicht dauerhaft in weltmeisterlicher Qualität auszufüllen.

          Leute wie Kramer - jung, selbstbewusst, lernschnell - werden nach Lage der Dinge verstärkt gefragt sein auf dem Weg zur EM 2016 in Frankreich. „Wir wollen neue Spieler integrieren, die Tür zur Nationalmannschaft ist offen“, hat Bundestrainer Löw vor der Rückkehr in den Alltag gesagt - und das ist keine Floskel, sondern darf tatsächlich als programmatische Ansage verstanden werden. Was sich beim 2:4 gegen Argentinien schon andeutete, könnte nämlich zum Normalfall werden: Dass da nicht das mehr oder weniger unveränderte Weltmeisterensemble auf große Europatournee geht, sondern vielmehr ziemlich wechselnde Besetzungen die Bühne betreten werden: das neue nationale Rotationsprinzip.

          „Schauen, dass die Spieler nicht verschlissen werden“

          Neben den Rücktritten von Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose hat Löw derzeit noch eine ganze Reihe von Ausfällen infolge der Belastungen der WM zu beklagen: Schweinsteiger, Khedira, Özil, Hummels, Mustafi (dazu fehlen noch die Benders). „Gewisse Nachwirkungen“, sagte der Bundestrainer, „werden uns noch ein paar Monate begleiten.“ Und so kündigte er schon mal an, auch dem einen oder anderen etablierten Mann mal eine Pause gönnen zu wollen, vor allem in den Testspielen. „Wir müssen schauen, dass die Spieler nicht völlig verschlissen werden“, sagte Löw und richtete den Blick schon auf die Jahre 2016 bis 2018, in denen die Nationalelf, die Qualifikation für EM und WM vorausgesetzt, jeden Sommer ein Turnier spielen wird.

          In der Gegenwart wird der fliegende Wechsel, wie Löw ihn offenbar plant, durch eine Qualifikationsrunde erleichtert, die dank der wahnwitzigen Aufblähung der EM auf 24 Teams von einem spannenden Wettbewerb für sich zu einer langatmigen und vermutlich quälenden Strecke ohne großen sportlichen Reiz verkommen ist. Für den Zuschauer könnte das gähnende Langeweile bedeuten. Positiv gewendet aber hat der Bundestrainer damit zwei Jahre Entwicklungszeit ohne großen Ergebnisdruck - Zeit, die Mannschaft auch qualitativ noch einmal voranzubringen. „Stillstand darf es nicht geben“, sagte Löw. „Wir sind jetzt die Gejagten, aber wir wollen auch wieder jagen.“

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : London legt neue Vorschläge vor

          Medienberichten zufolge habe London Brüssel in den Brexit-Verhandlungen neue Vorschläge für die irische Grenze gemacht. Ein Punkt, der für die Bundesregierung eminent wichtig sei, sagt Staatsminister Michael Roth.
          Vermummung auf den Rängen: Anhänger der bulgarischen Nationalmannschaft beim Spiel gegen England

          Rassismus-Eklat in Bulgarien : „Das ist unzulässig“

          Nach den rassistischen Äußerungen bulgarischer Fans in der EM-Qualifikation meldet sich nun Bulgariens Premierminister zu Wort. Dieser fällt ein hartes Urteil und fordert einen prominenten Rücktritt.