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Biodiversität & Ökonomie : Im Urwald ist kein Frosch mehr frei

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Ein Pfeilgiftfrosch (Phyllobates terribilis") Bild: ddp

Alles, was unter der Sonne gedeiht, wird heute von nationalen Institutionen in Besitz genommen. Wer in den Tropen forschen will, bekommt das zu spüren. Ob Darwin heute noch einmal zu einer Weltreise aufbräche?

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          Vor nicht allzu langer Zeit reiste ein deutscher Doktorand in den Dschungel Mittelamerikas, im Gepäck eine gehörige Portion Enthusiasmus und ein paar leere Sammelgläser. Er hatte eine Idee, die ihn über Nacht hätte berühmt machen können. Es ging um eines der großen Rätsel der Amphibienkunde: Was macht Pfeilgiftfrösche eigentlich so giftig?

          Die Substanzen Batrachotoxin und Pumiliotoxin gehören zu den tödlichsten Giften auf dieser Welt. Zu finden sind sie bei den Fröschen aber nur dann, wenn sie in ihrer Heimat in den tropischen Wäldern der Neuen Welt leben; in Gefangenschaft verlieren sie ihre Giftigkeit. Vermutlich nehmen sie das Toxin über eine bestimmte Nahrung auf. Aber welcher Froschleckerbissen könnte das sein? Ameisen, dachte der Doktorand, und zwar ihre giftdrüsenbewehrten tropischen Vertreter.

          Gedacht, getan, auf in den Dschungel. Aber so einfach ist das nicht mehr in den Zeiten nationaler Biodiversitätsstrategien. Schon eine einzelne Ameise kann zu einem Verwaltungsakt ungewissen Ausgangs werden. Im Falle des deutschen Nachwuchswissenschaftlers fiel die Entscheidung nach einem Jahr hartnäckigen Antichambrierens in feuchtheißen Amtsstuben. Formal bekam er zwar eine Ameisen-Sammelgenehmigung. Tatsächlich aber war sie mit so vielen Einschränkungen verbunden, dass ein Forschungsverbot wohl gnädiger gewesen wäre. Von den Insekten - nicht gerade selten, sondern ein echter Massenorganismus, der täglich myriadenfachen Tod unter Autoreifen findet - durfte er nur ein Exemplar pro Art sammeln. Und das sei natürlich nicht außer Landes zu bringen, sondern ans Nationalmuseum zu überstellen. Den Alkohol, in dem die Ameisen den Tod gefunden hätten, dürfe er immerhin exportieren.

          Kampf gegen Windmühlen

          "Leider liegen die Giftdrüsen der Ameisen im Inneren des Körpers, und so ist es selbst bei den heutigen Analyseverfahren höchst unwahrscheinlich, die gesuchten Giftstoffe in der Konservierungslösung wiederzufinden", sagt Dietrich Mebs, Gifttierforscher an der Frankfurter Goethe-Universität. Und so war es dann ja auch. "Ein Jahr mit Anträgen verschleudert, ein halbes Jahr im Freiland, und am Ende im Labor nichts nachweisbar."

          Es ist schon eine Weile her, dass Mebs von dem behördlich programmierten Scheitern des jungen Kollegen erfuhr. Geladen ist er immer noch. Denn ein solcher Kampf gegen Windmühlen ist heute die Regel.

          Die Verfasser des "Übereinkommens über die biologische Vielfalt" (Convention on Biological Diversity) hatten klassische Grundlagenforscher wie Mebs eigentlich gar nicht im Sinn. Ihnen ging es 1992 in Rio um Grenzen für Biopiraterie und um die Frage, wie die Herkunftsländer wertvoller biologischer Ressourcen an eventuellen wirtschaftlichen Gewinnen beteiligt werden könnten.

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