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Weiße Nächte : Er ist Zar, sein Wille geschehe

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Null Uhr, Mitternacht. Wir sind im vorletzten Satz angekommen, Andantino semplice, des b-Moll-Konzerts von Pjotr Tschaikowsky. Das Orchester, auf den Tod erschöpft, spielt jetzt im Schlaf. Wo sonst gibt es solche Holzbläser, weich wie Daunen! Das Allegro fuoco: ein Albtraum aus Ungenauigkeiten.

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          Null Uhr, Mitternacht. Wir sind im vorletzten Satz angekommen, Andantino semplice, des b-Moll-Konzerts von Pjotr Tschaikowsky. Das Orchester, auf den Tod erschöpft, spielt jetzt im Schlaf. Wo sonst gibt es solche Holzbläser, weich wie Daunen! Das Allegro fuoco: ein Albtraum aus Ungenauigkeiten. Danach überreicht Dirigent Valery Gergiev dem zwanzigjährigen Pianisten Daniil Trifonov den Kopf des Komponisten. Gratulation! Das ist der Grand Prix! Noch einmal 10 000 Euro Preisgeld drauf! "Hiermit", sagt Gergiev ins Mikrofon, "ist der 14. Internationale Tschaikowsky-Wettbewerb beendet."

          Tschaikowskys Kopf ist ebenholzschwarz, scheint schwer zu sein. Der Preisträger ist kreidebleich, der Dirigent total verschwitzt, das Publikum größtenteils schon gegangen, vor rund einer Stunde, alle auf einmal, wahrscheinlich, weil es galt, die letzte Metro zu erwischen. Als wir auf die Straße hinaustreten, geht die Uhr auf halb eins, und die Nacht ist weiß. Tückisch und schön schimmert Sankt Petersburg im Mittsommernachtslicht. Wie im Retrolook nachkoloriert wirken die zartgelben, lindgrünen Häuser, sie rücken enger zusammen und sehen noch künstlicher aus als tagsüber. Dies ist die Stunde der unglücklich Verliebten, der Vampire und der Wiedergänger. Ja, vielleicht haben wir auch diesen verunglückten, russischen Retro-Musikwettbewerb am Ende nur geträumt?

          Stand da wirklich vorgestern, bei der Preisverleihungszeremonie in Moskau, wieder Van Cliburn auf der Bühne, Wiedergänger aus Kindertagen? Im Jahr 1958 hatte Cliburn, 24-jährig, den 1. Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen. Ein Amerikaner aus Louisiana, mitten im Kalten Krieg. Er spielte Tschaikowsky noch sentimentaler, süßer und russischer als die Russen. Der Juror Swjatoslaw Richter gab ihm 100 Punkte, er sagte: "Das ist ein Pianist. Die anderen sind keine." Chruschtschow, um die Erlaubnis gebeten, einen Nicht-Russen gewinnen zu lassen, fragte: "Hat er denn besser gespielt? Gut, dann gebt ihm den Preis!" Van Cliburn, die Lichtgestalt. Er war es, der ein Loch in den Eisernen Vorhang schmolz.

          Damals war ich sechs Jahre alt. Obwohl ich Geige lernte, nicht Klavier. Und obwohl mein großer Bruder, höchste Autorität in Sachen Musik, Tschaikowsky kitschig fand und kleine Mädchen doof, wurde doch meine RCA-Platte mit Van Cliburn, der Kennedy so ähnlich sah, und mit dem b-Moll-Tschaikowsky-Konzert zum Heiligtum unserer familiären Diskothek. Die LP hat sich mehr als eine Million Mal verkauft. Aber leider hatte sich Richter geirrt. Es ist nichts weiter geworden daraus, Cliburn blieb ein mittelmäßiger Pianist, der dann 1962 in Texas den Van-Cliburn-Musikwettbewerb gründete. Nur in Russland, da ist Van Cliburn weltberühmt. Noch heute küssen alte Russinnen, die damals jung waren, seine Hände.

          So fing die Geschichte des Tschaikowsky-Wettbewerbs an, der seither alle vier Jahre stattfindet, in vier Kategorien: Klavier, Geige, Cello, Gesang. Eine große Geschichte, voller Helden, Heldinnen, Heldenlegenden. Aber der alte Glanz ist lange verschlissen, der berühmteste Wettbewerb der Musikgeschichte abgewirtschaftet, die Mentoren Schostakowitsch, Neuhaus, Gilels, Richter, Oistrach, Rostropowitsch sind tot, und auch die "russische Schule" ist nicht mehr russisch. Sie ist ausgewandert, hat sich mit den vielen russischen Exil-Musikern ausgebreitet in der ganzen Welt, wird jetzt in Madrid gelehrt oder in Cleveland oder Hamburg. Der Tschaikowsky-Wettbewerb aber blieb fest in der Hand des Moskauer Konservatoriums. Unbekannte Russen zeichnen unbekannte Russen aus, wen interessiert's? Bei den meisten Gewinnern der letzten zwanzig Jahre lohnte es nicht mal mehr, sich die Namen zu merken.

          In diesem Sommer sollte das anders werden. Sehr viel Geld ist dafür geflossen. Wie viel genau, ist geheim. Putin selbst hat dafür gesorgt, der ein guter Freund ist von Valery Gergiev, dem amtierenden russischen Musikgenie. Gergiev ist ein Musikbesessener, ruhelos, ehrgeizig, kompromisslos. Er kann Höchstwerte erzielen, was Präzision, Intensität und musikalische Wahrheit anbelangt. Wenn er will. Wenn er mal nicht will und herumschlampert, Schwamm drüber, sind seine Dirigate immer noch bedeutend. Außerdem ist Gergiev bestens vernetzt mit dem Musikmanagement der westlichen Welt. Er hat es in wenigen Jahren geschafft, seine Petersburger Mariinskij-Truppe zu einer von Baden-Baden bis New York begehrten Marke zu machen. Stars wie Anna Netrebko und Olga Borodina kommen aus seinem Stall. Und daheim in Russland reicht ein Wink seines kleinen Fingers, dann werden Solisten ein- oder ausgeladen, Geldbeutel geöffnet, Bürgermeister brüskiert oder Konzerte um zwei Stunden verschoben. In Petersburg zum Beispiel, kurz vor der Abschlussgala des Tschaikowsky-Wettbewerbs, fällt Gergiev ein, dass er rasch noch das Sibelius-Violinkonzert mit Juror Leonidas Kavakos aufnehmen könne. Die Session dauert bis in den Abend. Es ist dies der Grund, warum die Gala dann so tief in die weiße Nacht hineinwuchert. Aber Gergievs Musiker schieben gern für den Chef vierundzwanzig Stunden Schicht. Geduldig warten die Menschen vor der geschlossenen Saaltür. Gergiev ist der Zar.

          Und Gergiev ist der neue Chef des Tschaikowsky-Wettbewerbs. Er hat erst einmal sein geliebtes Petersburg zum gleichberechtigten Austragungsort neben Moskau gemacht, ein Affront gegenüber der Moskauer Musikmafia, ein Bruch mit der Tradition. Offiziell hieß es, diese Zweiteilung des Wettbewerbs sei nötig gewesen, da nicht garantiert werden konnte, dass die Restaurierung des herrlichen alten Moskauer Konservatoriumssaals beizeiten fertig werde. Wirklich riecht die Gala in Moskau stark nach frischer Farbe. Trotzdem rechnen nun alle damit, dass der Wettbewerb in vier Jahren komplett nach Petersburg verlegt wird, wo sich Gergiev von dem Architekten Xavier Fabre einen akustisch ausgezeichneten neuen Konzertsaal hat bauen lassen und wo zurzeit direkt neben dem alten Mariinskij-Theater, überwacht von einer Armee von Baukränen, ein weiterer Musiktheaterkomplex heranwächst: Gergiev-Music-City.

          Für den Relaunch des Tschaikowsky-Wettbewerbs berief Gergiev Musiker wie Anne-Sophie Mutter, Nelson Freire und Renata Scotto in die Jurys. Er beauftragte die Komponisten Krzysztof Penderecki, John Corigliano und Rodion Schtschedrin damit, neue Show-Pieces zu schreiben. Und er engagierte einen erstklassigen amerikanischen Musikmanager, Richard Rodzinski, Sohn des Dirigenten Artur Rodzinski. Neue, transparente Regeln wurden geschaffen, ein dreißigköpfiges Produktionsteam organisierte die Live-Übertragung des Wettbewerbs im Internet, alle Proben, alle Vorspiele und Konzerte wurden im Livestream übertragen. Für den Dirigenten Mark Gorenstein wurde das zum Verhängnis. Nicht bedenkend, wie viele Zeugen zuhören, beschimpfte Gorenstein während der Proben in der dritten Runde den jungen, armenischen Cello-Kandidaten Narek Hakhnazaryan.

          Diese Sequenz wird heute noch auf Facebook und Youtube diskutiert. Gorenstein nennt Hakhnazaryan einen "Aul", ein unübersetzbares Wort, das so viel wie "Tölpel" oder "Trottel" bedeutet, aber im Russischen eindeutig rassistisch konnotiert ist. Gergiev schickte Gorenstein daraufhin umgehend in die Wüste, Hakhnazaryan aber brachte der Skandal am Ende den Sieg ein - eine rein politische Entscheidung. Denn der Ton dieses 22-jährigen Cellisten ist zu klein, trotz exzessivem Rubato, seine Intonation nicht schlackenfrei, seine Gestaltung uniform.

          Vergleichsweise spielte der erst 17-jährige Franzose Edgar Moreau (auf dem zweiten Platz) künstlerisch ausgereifter, technisch überlegen. Gleiches gilt für den in Paris studierenden 18-jährigen Ivan Karizna, der zwar nur Dritter wurde, aber als ein Liebling des Publikums im letzten Galakonzert das Mariinskij-Orchester mitten im Schtschedrin-Stück "Quadrille" aus dem Tiefschlaf ins Leben zurückscheuchte.

          Und wer hat sonst noch gewonnen? Russen, Koreaner und Russen. Wie immer, fast ausschließlich. Keineswegs, weil die russische Schule überraschend wieder neu erblüht ist. Es haben sich nur vorwiegend Russen beworben. Das Niveau war trotzdem oder deshalb in allen Kategorien deprimierend niedrig. Im Fach Geige wurde Gold gar nicht, Silber dafür zweimal vergeben. Keinem der Preisträger ist eine große Zukunft zu prophezeien, mit nur einer Ausnahme: die koreanische Sopranistin Sun Young Seo. Sie hat nicht nur eine enorm große, runde, blühende Stimme. Sie weiß sie auch zu führen, und sie weiß, wie man mit Tönen eine Geschichte erzählt.

          Daniil Trifonov, der im Fach Klavier, der Königsdisziplin des Tschaikowsky-Wettbewerbs, zuerst die Goldmedaille holte und am Ende dann auch noch den Grand Prix, weiß das (noch) nicht. Trifonov übt täglich acht Stunden Klavier, er jagt von einem Wettbewerb zum nächsten, da hat man keine Zeit, etwas zu lernen über musikalische Rhetorik. Spielt superkorrekt, tadellos, effektvoll, sportlich, alle Töne sind da, alles in der richtigen Reihenfolge, Lautstärke, Geschwindigkeit . . . Beeindruckend! Gewann damit auch neulich den Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv, wurde vor einem Jahr Dritter in Warschau. Mit Musik hat das eher nichts zu tun.

          Eleonore Büning

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