https://www.faz.net/-gmm-6mu9p

: Was soll mich retten in dieser Stadt?

  • Aktualisiert am

Pennsylvania Station. Es ist Abend, draußen regnet es und regnet es, und der Bahnhof ist überfüllt wie ein Notquartier. Überall sitzen und lehnen die Menschen, an den Wänden, an den Säulen, der Regen drückt die schwüle Luft ins Innere dieses großen alten Bahnhofs.

          4 Min.

          Pennsylvania Station. Es ist Abend, draußen regnet es und regnet es, und der Bahnhof ist überfüllt wie ein Notquartier. Überall sitzen und lehnen die Menschen, an den Wänden, an den Säulen, der Regen drückt die schwüle Luft ins Innere dieses großen alten Bahnhofs.

          Wenn man vom Flughafen Newark kommt, passiert der Zug die Docks an den Ufern des Hudson Flusses, große Lkw-Stationen voller Containerburgen, große Kräne zwischen dem Brachland, ich sehe ein paar Arbeiter in gelben Wetteroveralls. Ob die Gewerkschaften noch alles kontrollieren wie zu Marlon Brandos Zeiten, mit der Faust im Nacken? Oder sind die Häfen und Docks leer wie in der Fernsehserie "The Wire", weil Politik und Korruption anderes im Sinn haben?

          Im Zug saß mir ein Mann gegenüber, vollbärtig, schon ergraut; er notierte die ganze Zeit irgendetwas in einen ziemlich großen Block. Er trug ein buntes Hemd und sah ein wenig aus wie eine Mischung aus Bukowski und Hemingway, obwohl das nicht besonders originell erscheint, aber was soll man machen, wenn es eben nun mal so ist. Er ist ganz vertieft in sein Tun, schaut nicht einmal auf, auch nicht als ein großer Schwarzer zusteigt und mit lauter sonorer Stimme irgendwas zu predigen beginnt und nicht aufhört, bis wir in Pennsylvania Station sind, ich verstehe kein Wort, aber sein Lachen klingt schön.

          Wohin nur zwischen diesen vielen Menschen? An den Treppen und Rolltreppen stauen sich die Massen, ein paar Polizisten mit nassen Regencapes versuchen den Menschenverkehr zu regulieren, aber es kommen immer mehr von draußen. "Bank of America" lese ich, und schon stehe ich am Automaten. Unauthorized user. In den Weiten der unterirdischen Bahnhofshalle finde ich eine andere Bank, die mir dasselbe sagt. An jeder Säule sitzt ein Obdachloser und spricht mich an, aber ich habe nichts. Nur einen Stadtplan und einen Dollar, den ich seit zwei Jahren mit mir rumschleppe. Ich wollte auf dem Flughafen Leipzig Geld ziehen, aber mein Zeitplan zerfiel, weil ich kein Esta-Visum besaß. Was für ein verdammtes Visum? Ich will nicht nach Minsk, ich will nach New York!

          Vor der Pennsylvania Station leuchtet der nasse Asphalt bunt. Eine schwarze Dispatcherin regelt mit lauter, dröhnender Stimme das Kommen und Gehen der Taxis, I told you, YOU HAVE TO WAIT, SIR. Ich stelle meine große Reisetasche auf den Rollkoffer und laufe die Achte Straße oder Avenue, ich bring das immer durcheinander, Richtung Universitätsviertel, wo ich wohnen werde. New York Mitte, oder was auch immer. Es regnet und regnet, und die schwüle Luft dampft zwischen den Hochhäusern, jeder hier hat einen Regenschirm, und die, die keinen haben, stehen unten in der Wartehalle der Pennsylvania Station. Ich schlage den Mantelkragen hoch, der Regen klatscht mir ins Gesicht und auf die Brille, die Lichter der Stadt verschwimmen, ich stolpere über die Fußwege, Regenschirme stoßen mir ins Gesicht, ich zerre mein Gepäck hinter mir her, sehe noch andere mit rollender Fracht, mit großen Einkaufskörben, mit kleinen Wägelchen, mit Rentner-Rollatoren, Alte und Junge rollen mit mir und mir entgegen durch den Neon-Rain in der Achten Avenue. Sirenen, Sirenen. Und das Klackern der Räder auf dem Bordstein. Hinter mir, neben mir, irgendwo. Ich hetze mit gesenktem Kopf weiter. Wie viele Banken und ATM-Cash-Automaten habe ich passiert? Unauthorized user. In einer Bankfiliale stehe ich vor einer winzigen Nische in der Wand. Vollkommen nutzlos diese Nische. Neben der Nische ist eine Tür, die führt in einen leeren Laden. In der Nische, die kaum so lang und breit wie ein kleiner Tisch ist, liegt ein Mann. Zusammengefaltet. Der pennt. Die fünf Dollar neben seinem Hut stecke ich ein. Ich glaube, das geht schon in Ordnung in New York City, USA.

          Topmeldungen

          Hassfigur von Verschwörungstheoretikern: Microsoft-Gründer Bill Gates

          Bill Gates : Die Hassfigur

          In der Anfangszeit wurde Bill Gates als Held der Corona-Krise gefeiert. Dann kam der Mob: Jetzt findet sich der Milliardär inmitten von Verschwörungstheorien wieder. Die Anschuldigungen sind abenteuerlich.
          Bei „Anne Will“ diskutierten die Studiogäste über eine hochspannende Frage: Wie sollen die milliardenschweren Finanzspritzen investiert werden?

          TV-Kritik „Anne Will“ : Wohin mit dem ganzen Geld?

          Anne Will wollte von ihren Gästen wissen, ob die Milliarden gegen die Corona-Krise richtig investiert werden. Hätte sie in der Sendung ein Phrasenschwein aufgestellt – die Rettungspakete wären gegenfinanziert.
          Vorsichtiger Spaß: In der Kita in Westerburg gelten auch Corona-Vorschriften.

          Kitas öffnen wieder : Betreuter Ausnahmezustand

          Langsam öffnen die Kitas wieder. Kinder und Eltern haben das herbeigesehnt. Doch wie soll das praktisch funktionieren? Vielerorts ist man verärgert über die politischen Vorgaben.