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Probe : Schweres Blech

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Bayreuth. Einen Tag vor der Generalprobe schickt die Festspielleitung noch rasch einen Brief. Es sei nicht notwendig, in spezieller Kleidung zu kommen; bitte keine High Heels, keine Schlappen, aus Sicherheitsgründen.

          Bayreuth. Einen Tag vor der Generalprobe schickt die Festspielleitung noch rasch einen Brief. Es sei nicht notwendig, in spezieller Kleidung zu kommen; bitte keine High Heels, keine Schlappen, aus Sicherheitsgründen. Szenische Aufgaben kämen nicht auf uns zu, es bestehe freie Platzwahl. "Wir möchten Sie bitten, sich still zu verhalten."

          Zum ersten Mal in der Geschichte Bayreuths werden bei der Eröffnung morgen auch einige Premierengäste auf der Bühne sitzen, das sieht die Inszenierung des "Tannhäusers" von Sebastian Baumgarten so vor. In ungefähr jedem anderen Opernhaus der Welt gab es das schon, dass jetzt auch Bayreuth damit anfängt, kann als sicheres Zeichen dafür gelten, dass sich dieser Regieeinfall erledigt hat.

          Treffpunkt für das Generalprobenbühnenpublikum: eine halbe Stunde vor Beginn auf Probebühne zwei. Hier ist das Szenenbild von "Tristan und Isolde" aufgebaut, erster Aufzug, ein Halbrund aus dunklem Holz, auf den Boden ist Parkett gemalt. Einer in Jeans, blaue Trainingsjacke, mit Schlüsselband um den Hals, ergreift das Wort und stellt sich vor: Müller, Leiter der Statisterie, er liest den Brief der Festspielleitung vor: keine High Heels, keine Schlappen, freie Platzwahl. Die Eintrittskarten, bitte.

          Wir steigen Treppen, laufen durch Flure, insgesamt sechs Türen sind es bis zur Bühne. Knapp die Hälfte von uns sitzt auf Bühnenseite West neben einem grünen Tank, wir sitzen auf Bühnenseite Ost, neben einem blauen Tank. Und neben dem Feuerwehrmann. Das Bühnenbild des "Tannhäusers" von dem niederländischen Künstler Joep van Lieshout stellt ein Biomasse-Kraftwerk dar, das kann man sagen, ohne etwas auszuplaudern, von dem Kraftwerk hatte uns, und wahrscheinlich nicht nur uns, ein befreundeter Buchhändler schon vor Tagen erzählt.

          Auf der Bühne: vierzehn Solisten, ein Herren- und ein Damenchor, zwanzig Statisten. Halbschräg hinter uns: der Inspizient, eine kolossale Gestalt mit Hosenträgern und grauem Bart, alle nennen ihn Udo. Gerade ruft Udo zum dritten Mal den Dirigenten aus, in sechzig Sekunden beginnt die Ouvertüre, der Dirigentenstuhl ist noch leer. "Herr Hengelbrock, darf ich Sie dann bitten", sagt Udo, dessen Nachname Metzner ist und der das Jahr über an der Staatsoper Unter den Linden arbeitet. Darf ich Sie dann bitten, ein doppelt umschriebener Imperativ, ruhig vorgetragen, alle wissen, Hengelbrock wird da sein. Zwanzig Sekunden vor Beginn taucht er auf, ist auf einmal da, auf seinem Stuhl unter der hölzernen Klangmuschel, und außerdem dutzendfach auf flimmernden Schwarz-Weiß-Bildschirmen überall im Bühnenraum. "Da ist er ja", sagt Udo. Auf manchen Monitoren sind die Kontraste nicht gut ausgesteuert, Hengelbrock sieht aus wie der alte Franz Liszt, er hebt die Hand, die Ouvertüre beginnt um 16 Uhr.

          Jeder weiß, was zu tun ist, wo er wann zu sein hat, wahrscheinlich gibt es keinen Ort auf der Welt, an dem die Sinnhaftigkeit von Inszenierungen und die Notwendigkeit von Opern so wenig angezweifelt wird wie hier auf der Bühne. Allerdings gibt es wahrscheinlich auch keinen anderen Platz, an dem Oper als Kunstform so absurd wirkt; kann sein, dass man die Absurdität aber auch einfach nur besser erkennt.

          Die Oper als Ganzes ist von hier nicht zu erkennen, wir sitzen zu nahe dran, hier sieht man nur die Einzelteile. Sieht die Schweißnähte, Risse und Dehnungsfugen, sieht die Niederschläge aus dem Mund des Landgrafen, sieht den Schweiß auf Tannhäusers Stirn, sieht Elisabeth abgehen, kurz nachdem sie gestorben ist.

          Weil der Orchesterklang sich auf der Bühne mit den Singstimmen mischen muss, singen die Sänger dem Orchester hinterher, erst dann klingt im Zuschauerraum alles richtig. Auf der Bühne klingt es wie die Probe eines zu lauten Schulorchesters. Besonders pittoresk wird es, wenn der Chor einsetzt: Dann kriechen aus allen Winkeln Chorassistenten, die den Chor mit kleinen Taschenlampen dirigieren, wenn der Chor singt, hört man nichts mehr vom Orchester. Nur das schwere Blech kommt durch, wir spüren es in den Füßen, die Herren müssen irgendwo unter uns sitzen. Beim Pilgerchor im dritten Akt spannt sich hinter dem linken Ohr ein Muskel an, Röte kriecht in die Ohrläppchen, über die Bühne ziehen Nebelschwaden, über den Köpfen dirigiert der alte Liszt.

          Florian Zinnecker

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