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: Panzerknacker

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Vor Monaten rückten saudische Panzer nach Bahrein ein, um die Regierung des dortigen Emirs gegen demonstrierende Massen an der Macht zu halten. Die deutsche Bundesregierung sorgte mit neuesten Leopard-Panzern für Nachschub.

          Vor Monaten rückten saudische Panzer nach Bahrein ein, um die Regierung des dortigen Emirs gegen demonstrierende Massen an der Macht zu halten. Die deutsche Bundesregierung sorgte mit neuesten Leopard-Panzern für Nachschub. Eine derartige Unterdrückung von Zivilisten durch Panzer hat bekanntlich eine lange Vorgeschichte in der Machtausübung kommunistischer Regimes. 1953, 1956 und 1968 rückten sowjetische Panzer in Deutschland, Ungarn und der Tschechoslowakei gegen unbewaffnete Aufständische vor. 1989 schlug die chinesische Regierung eine studentische Protestbewegung in ihrer eigenen Hauptstadt mit Panzern besonders blutig nieder. Im Falle der gescheiterten Sowjetunion werden diese Einsätze umstandslos verdammt. Im Falle der erfolgreichen chinesischen Volksrepublik dagegen werden sie zugunsten politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit aus der Erinnerung verdrängt.

          Obgleich in Syrien kein Journalist fotografieren darf, spielt uns das Internet zahlreiche Bilder von Panzereinsätzen gegen Zivilisten in Homs, Hama und Da'ra zu. Mit ihren Mobiltelefonen und Digitalkameras bezeugen dort die Demonstranten ihre blutige Unterdrückung aus halbwegs sicherer Entfernung. Noch sieht man hier keine Einzelnen, die sich Panzern in den Weg stellten, wie sie die frühere Bildgeschichte dieses Themas zeigt. Auf einer Aufnahme des Magnum-Fotografen Josef Koudelka vom sowjetischen Einmarsch in Prag 1968 drängt sich eine Menschenmenge um einen sowjetischen Panzer und hindert ihn am Weiterfahren. Auf einer anderen Aufnahme ist ein Panzerschütze aus dem Turm gestiegen und zielt mit der Maschinenpistole auf einen Mann, der sich dicht vor dem Fahrzeug pathetisch die Jacke vor der Brust aufreißt.

          Syrischer Frühling

          Das berühmteste Beispiel dieser Bildgeschichte ist ein mehrfach gefilmter und fotografierter Vorfall von dem Panzereinsatz in Peking am 5. Juni 1989. Dort brachte ein junger Chinese im weißen Hemd mit einer Plastiktasche in der Hand eine Kolonne von vier Panzern eine Minute lang zum Stehen. Er ist als "Tank Man" in das Bildgedächtnis der Weltöffentlichkeit eingegangen.

          Vier Pressefotografen und zwei Fernsehteams haben den Verlauf des Ereignisses aus dem sechsten und achten Stock des Peking-Hotels direkt an der Straße des Ewigen Friedens dokumentiert. Einer von ihnen, der Magnum-Fotograf Stuart Franklin, hat 2004 seine gesamte Fotostrecke von zwanzig Kleinbild-Diapositiven in dem Bildband "Magnum-Stories" abgedruckt. Hier sieht man, wie an den beiden Straßenkreuzungen des leeren Boulevards eine dicht gedrängte Menschenmenge und eine ebenso dicht gedrängte Formation von etwa dreißig Panzern einander gegenüberstehen. Dann rollt eine Vorhut von vier Panzern im Schritttempo auf die zurückweichende Menge zu, die in alle Richtungen auseinanderläuft. Allein der "Tank Man" schreitet ihr entgegen und stellt sich dicht vor dem Führungspanzer auf. Dieser stoppt, versucht schräg seitlich auszuweichen, aber der "Tank Man" springt ebenfalls zur Seite und lässt ihn nicht vorbei. Er erklettert den Turm, wohl um den Kommandanten anzusprechen, doch die Klappe bleibt zu, und er steigt wieder herab. Da sind bereits vier Agenten zur Stelle, der erste, auf einem Fahrrad, redet kurz auf ihn ein, dann führen ihn die drei anderen im Laufschritt ab. Einer der Agenten signalisiert dem Panzerkommandanten freie Fahrt.

          Heute kann man sich von Jack Matisse im "Apocalypse Tattoo"- Shop von Seattle den historischen Schnappschuss der Konfrontation des "Tank Mans" mit der Panzerkolonne detailgenau auf den Unterarm tätowieren lassen. Das kompakte perspektivische Bild in Schwarz und Rot wird nur dann zur Geltung kommen, wenn man den Arm am Körper hängen lässt und hin und her bewegt, so wie der "Tank Man" es mit seiner Plastiktasche tat. Ich zähle dieses Werk zur Massenkunst, nicht weil es massenhaft verbreitet wäre, sondern weil es zu einer künstlerischen Kultur gehört, die die Massen sich aneignen können, statt dass sie ihnen von öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Instanzen als unerschwingliches Kulturgut vorgegaukelt würde. Damit hat der Künstler dem "Tank Man" ein Denkmal gesetzt, das authentischer wirkt als je ein Monument im öffentlichen Raum es könnte. Denn es verkörpert den Willen der Person, die es auf der Haut trägt, sich lebenslang mit dem "Tank Man" zu identifizieren.

          Denkmal auf der Haut

          Gerhard Paul hat in seinem kürzlich erschienenen Sammelwerk "Bilder, die Geschichte schrieben: 1900 bis heute" (Vandenhoek & Rupprecht) den Fotografien des "Tank Man" ein Kapitel zuerteilt. Doch der Autor Benjamin Drechsel behandelt sie nicht als Geschichtsdokumente, sondern als ideologische Umdeutungen der "Niederlage der chinesischen Protestbewegung in einen moralischen Sieg". Damit hält er sich an die medienwissenschaftliche Usance, die Thematik historischer Fotografien durch die Rekonstruktion ihrer Aufnahmebedingungen und ihrer Verbreitung zu relativieren. Hier steht jedes technisch reproduzierte Bild unter dem Generalverdacht der Instrumentalisierung, vor der es das Subjekt zu schützen gilt. Fotografien nicht für bare Münze zu nehmen, gehört dabei zum guten Ton. Je länger man dergestalt über Bilder räsoniert, desto weniger genau sieht man sie sich an. Dass Drechsel die Reproduktion von Franklins Fotostrecke vor Augen gehabt hätte, lassen seine Ausführungen nicht erkennen. Denn was er über den Hergang des Ereignisses schreibt, stimmt nicht mit dem überein, was man auf dieser Fotostrecke sieht.

          An der historischen Authentizität der Minute aussichtslosen Widerstandes, die Franklins Fotostrecke dokumentiert, gibt es nichts zu deuteln. Der "Tank Man" ließ vielleicht sein Leben dafür, denn man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Vielleicht teilte er das Schicksal des Dichters Liao Yiwu, den sein Gedicht vom 4. Juni 1989 über das Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens für mehrere Jahre hinter Gitter brachte. Liao, der in seinem Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" sein Überleben im Gefängnis schildert, hat die europäische Tradition, die Peter Weiss in seiner "Ästhetik des Widerstands" nachzeichnet, globalisiert. Wie der "Tank Man" verkörpert er die unausweichliche Niederlage der Schwachen gegen die brutale Übermacht. Denken die Kunden von "Apocalypse Tattoo", denen Jack Matisse den "Tank Man" auf den Unterarm tätowiert, an die syrischen Zivilisten, die zur Stunde von Panzern niedergeschossen oder niedergewalzt werden? Die Politiker und Wirtschaftsführer, die heute mit der neuen Weltmacht China ihr Auskommen suchen, tragen vermutlich sein Bild im Kopf, aber wohl kaum auf dem Arm.

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