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: Panzerknacker

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Heute kann man sich von Jack Matisse im "Apocalypse Tattoo"- Shop von Seattle den historischen Schnappschuss der Konfrontation des "Tank Mans" mit der Panzerkolonne detailgenau auf den Unterarm tätowieren lassen. Das kompakte perspektivische Bild in Schwarz und Rot wird nur dann zur Geltung kommen, wenn man den Arm am Körper hängen lässt und hin und her bewegt, so wie der "Tank Man" es mit seiner Plastiktasche tat. Ich zähle dieses Werk zur Massenkunst, nicht weil es massenhaft verbreitet wäre, sondern weil es zu einer künstlerischen Kultur gehört, die die Massen sich aneignen können, statt dass sie ihnen von öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Instanzen als unerschwingliches Kulturgut vorgegaukelt würde. Damit hat der Künstler dem "Tank Man" ein Denkmal gesetzt, das authentischer wirkt als je ein Monument im öffentlichen Raum es könnte. Denn es verkörpert den Willen der Person, die es auf der Haut trägt, sich lebenslang mit dem "Tank Man" zu identifizieren.

Denkmal auf der Haut

Gerhard Paul hat in seinem kürzlich erschienenen Sammelwerk "Bilder, die Geschichte schrieben: 1900 bis heute" (Vandenhoek & Rupprecht) den Fotografien des "Tank Man" ein Kapitel zuerteilt. Doch der Autor Benjamin Drechsel behandelt sie nicht als Geschichtsdokumente, sondern als ideologische Umdeutungen der "Niederlage der chinesischen Protestbewegung in einen moralischen Sieg". Damit hält er sich an die medienwissenschaftliche Usance, die Thematik historischer Fotografien durch die Rekonstruktion ihrer Aufnahmebedingungen und ihrer Verbreitung zu relativieren. Hier steht jedes technisch reproduzierte Bild unter dem Generalverdacht der Instrumentalisierung, vor der es das Subjekt zu schützen gilt. Fotografien nicht für bare Münze zu nehmen, gehört dabei zum guten Ton. Je länger man dergestalt über Bilder räsoniert, desto weniger genau sieht man sie sich an. Dass Drechsel die Reproduktion von Franklins Fotostrecke vor Augen gehabt hätte, lassen seine Ausführungen nicht erkennen. Denn was er über den Hergang des Ereignisses schreibt, stimmt nicht mit dem überein, was man auf dieser Fotostrecke sieht.

An der historischen Authentizität der Minute aussichtslosen Widerstandes, die Franklins Fotostrecke dokumentiert, gibt es nichts zu deuteln. Der "Tank Man" ließ vielleicht sein Leben dafür, denn man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Vielleicht teilte er das Schicksal des Dichters Liao Yiwu, den sein Gedicht vom 4. Juni 1989 über das Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens für mehrere Jahre hinter Gitter brachte. Liao, der in seinem Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" sein Überleben im Gefängnis schildert, hat die europäische Tradition, die Peter Weiss in seiner "Ästhetik des Widerstands" nachzeichnet, globalisiert. Wie der "Tank Man" verkörpert er die unausweichliche Niederlage der Schwachen gegen die brutale Übermacht. Denken die Kunden von "Apocalypse Tattoo", denen Jack Matisse den "Tank Man" auf den Unterarm tätowiert, an die syrischen Zivilisten, die zur Stunde von Panzern niedergeschossen oder niedergewalzt werden? Die Politiker und Wirtschaftsführer, die heute mit der neuen Weltmacht China ihr Auskommen suchen, tragen vermutlich sein Bild im Kopf, aber wohl kaum auf dem Arm.

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